„Das Theater war mir schon lange Heimat, sonst wäre ich nicht nach Stuttgart gekommen.“

Jossi Wieler im Foyer Kammertheater © Martin Sigmund


Mit einem Fuß schon in den Theaterferien reflektiert Jossi Wieler über die vergangenen sieben Jahre seiner Intendanz an der Oper Stuttgart. 

 

Johanna Danhauser Wie oft hast du deine Kantinenkarte verloren? 

Jossi Wieler Richtig verloren nur einmal, aber oft vergessen und dann hat sie ihren Weg wieder zu mir zurück gefunden. 

Johanna Danhauser 37 Premieren gab es in den letzten sieben Jahren im Großen Haus, fast 30 in der Jungen Oper zu feiern. Welche hat die ausschweifendste Premierenparty nach sich gezogen?

Jossi Wieler Alle Premierenfeiern waren schön und es wurde oft noch lange getanzt. Der Premierenabend von Die Puritaner ist mir besonders in Erinnerung geblieben, es war die letzte Premiere der Saison 2015/16. Da saßen wir zum Schluss noch in kleiner, lustiger Runde u.a. mit Ana Durlovski und Ebbe Klenk, unserem Theaterarzt, mit dem ich sehr gut befreundet war. Das war unsere letzte Begegnung, denn am Tag darauf ist er ganz überraschend gestorben. Wir waren alle erschüttert und traurig über den plötzlichen Tod. Ebbe hatte uns über viele Jahre intensiv begleitet; er war jederzeit ansprechbar. Immer wenn ein Sänger oder eine Sängerin gesundheitlich gewackelt hat, war er sofort zur Stelle, auch um emotionalen Rückhalt zu geben. Er hat uns die letzten zwei Jahre sehr gefehlt, aber an diese letzte gemeinsame Feier bleibt eine schöne Erinnerung. 

Johanna Danhauser Gehst du deinen Arbeitsweg mittlerweile im Schlaf?

Jossi Wieler Das kommt auf das Ziel an: wenn wir an eigenen Produktionen arbeiten, fahre ich ins Probenzentrum, das im Norden der Stadt liegt. Im Sommer mit dem Fahrrad durch den Schlossgarten, aber meistens starte ich gegen viertel vor acht mit dem Auto, hole noch Sergio zuhause ab, damit wir noch in Ruhe unsere bevorstehende Probe vorbereiten können. Zum Theater gehe ich im Schlaf, aber auch da gibt es drei Varianten: Mit dem Auto, mit dem Fahrrad, mit dem ich meine Abkürzungen fahre, oder zu Fuß die Stäffele runter. Wenn Beleuchtungsproben anstehen, halte ich noch beim Bäcker, um für das Produktionsteam Croissants mitzubringen, weil das ja den ganzen Tag im dunklen Zuschauerraum sitzen muss. Das war sieben Jahre Ritual.  

Johanna Danhauser Du hast erstmals auch Verantwortung für das Kinder – und Jugendtheater übernommen.

Jossi Wieler Mir ist die Junge Oper extrem wichtig, ich habe aber anfangs etwas damit gefremdelt. So sehr ich es liebe, mit jungem Publikum Theater zu schauen, so habe ich aber auch das Gefühl, nicht genug Kriterien und zu wenig pädagogischen Hintergrund zu haben, um es so professionell wie das „Erwachsenentheater“ diskutieren zu können. Deshalb habe ich mich weniger inhaltlich an der Programmgestaltung beteiligt, eher strukturell, was Zeiten und Abläufe angeht. Das hat sicher auch etwas damit zu tun, dass die Junge Oper jenseits der Adenauerstraße eine Art „Exklave“ gewesen ist. Ich fand die inhaltliche Freiheit, die das Junge Oper-Team hatte, immer sehr wichtig, gerade auch weil ich mich auf dem Gebiet nicht so kompetent fühle. 

Johanna Danhauser Normalerweise ist man als Opernregisseur*in während der Probenphase der/die einzige seiner Spezies. Als Intendant warst du auch Gastgeber für Regieteams. Wie hast du diese Zusammenarbeiten erlebt?

Jossi Wieler Das war für mich ein großes Geschenk. Ich habe mir das immer gewünscht, als Regisseur bei anderen Mäuschen zu spielen, weil man über das Zugucken ja so viel über die eigene Arbeit lernt. Natürlich habe ich es all die Jahre als Regisseur ─ erst im Schauspiel, dann in der Oper ─ erlebt, dass die Intendanten die Endproben besuchen und Feedback geben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie empfindlich man in solchen Phasen als Regisseur ist und es einer besonderen Sensibilität und Empathie bedarf, damit Kritik konstruktiv angenommen werden kann. Ich hatte gute Intendanten-Lehrer: im Schauspiel Frank Baumbauer, in der Oper Klaus Zehelein, bei dem ich ja hier in Stuttgart mit Opernregie überhaupt angefangen hatte. Nach der Klavierhauptprobe gingen die Gespräche mit Zehelein, in denen nochmal viel in Frage gestellt wurde, stundenlang bis in die Nacht hinein. Am nächsten Tag hat man erst recht nicht geschlafen, weil man die Änderungen schon in der Bühnenorchesterprobe am Vormittag weitergeben wollte. Aus diesen eigenen Erfahrungen habe ich gelernt, wie man konstruktiv und im Sinne der jeweiligen Arbeit berät. Ob mit Calixto Bieito, Andrea Breth, Nicola Hümpel, Frank Castorf oder Peter Konwitschny ─ das waren unglaublich spannende Dialoge. Ich würde behaupten, dass ich den meisten Kolleg*innen ein guter Partner war und ich glaube, dass ich eine Form und einen Ton gefunden habe, um bestimmte Dinge so zu hinterfragen, dass nochmal eine Reflexion bei den jeweiligen Regisseuren eingesetzt hat. Es geht ja nicht darum, wie ich inszenieren würde, sondern um die individuelle Arbeit, darum, sie mit dem Blick von außen, aber in ihrem eigenen Sinn konstruktiv und mit Empathie zu diskutieren.

Johanna Danhauser Fühlst du dich in diesem Dialog auch als Fürsprecher der Stadt, der anders als das Regieteam, das ja nur für den Probenzeitraum vor Ort ist, das spezifische Stuttgarter Publikum besser einschätzen kann? 

Jossi Wieler Das spielt ganz entfernt vielleicht auch eine Rolle, aber zunächst geht es darum, ob sich das, was ein Regieteam erzählen möchte, vermittelt. Ich kenne das selber, dass man nach einem Durchlauf überzeugt ist von dem, was man inszeniert hat und sich nicht bewusst ist, dass es sich aber in der szenisch-sinnlichen Übersetzung vielleicht doch nicht ganz vermittelt. Es ist ja prinzipiell erstmal die Aufgabe eines Dramaturgen, der erste neugierige Zuschauer zu sein und einzuschätzen, was vom ursprünglichen Konzept zwischen die Probenritzen gefallen ist. Das gilt auch für den Intendanten. 

Johanna Danhauser Abgesehen von den Uraufführungen und Neuproduktionen der letzten Jahre galt es auch ein umfangreiches Repertoire zu verwalten.  

Jossi Wieler Wir haben uns extrem bemüht, die Wiederaufnahmen auf höchstem Niveau zu gestalten, sowohl in der Sänger- und Dirigentenbesetzung als auch szenisch. Die Traviata in der Regie von Ruth Berghaus zum Beispiel hatte unsere damalige Regieassistentin und Abendspielleiterin Verena Stoiber, die mittlerweile erfolgreich als Regisseurin arbeitet, wiederaufgenommen. Sie hatte mit Sergio, der die Produktion damals vor 25 Jahren dramaturgisch begleitet hatte, über die Inhalte und die Ästhetik gesprochen und diese Inszenierung so brillant durchdrungen, (genauso wie den bald vierzigjährigen Freischütz von Achim Freyer!), dass ich mir vorgestellt habe, wie Frau Berghaus ein Lächeln entgleitet, wenn Sie das sehen könnte. Bei vielen Wiederaufnahmen haben wir die Regisseur*innen auch eingeladen für einige Proben zu uns ans Haus zu kommen. Nach der Wiederaufnahme von Götterdämmerung, die Lars Franke geleitet hatte, sagte Juliane Votteler, die Peter Konwitschnys Inszenierung als Leitende Dramaturgin ursprünglich betreut hatte: „Wie habt ihr das gemacht, das ist ja noch besser als damals.“ Das fand ich ein schönes Lob. Mit Siegfried und den anderen eigenen Arbeiten war es anders, weil Sergio und ich ja vor Ort auch immer wieder selber proben konnten. Ich habe sehr viele Vorstellungen angeschaut, nicht nur die eigenen, sondern auch die von andern Regisseuren. Ich war abends häufig im Theater, um zu beobachten, wie die Produktionen laufen und habe hin und wieder ─ als Regisseur, der sich in eine fremde Inszenierung hinein denkt ─ den Regieassistenten, Sängern oder den Inspizienten Rückmeldung und konstruktive Kritik gegeben. Aber dennoch kann es passieren, dass eine 30 Jahre alte Produktion – auch wenn man sie hegt und pflegt – aus der Zeit fallen könnte. Schon alleine, weil sich die Sänger anders verhalten auf der Bühne und die Theatersprache sich insgesamt verändert hat, und natürlich auch das Publikum. Wir leben in einer anderen Gegenwart.

Johanna Danhauser Wie hat denn diese intensive Beschäftigung mit anderen Regiehandschriften deine Arbeit beeinflusst? 

Jossi Wieler Das kann ich schwer beantworten, weil mir das nicht bewusst ist, aber ich bin ganz sicher, dass es Spuren hinterlassen hat. Ich habe es wirklich sehr genossen, bei Endproben von anderen Produktionen dabei zu sein, aktiv mitdenken zu dürfen, an dem, was da entsteht. Ich weiß, dass ich allein von der Methodik her ganz anders arbeite als viele meiner Kolleginnen und Kollegen und trotzdem hat das etwas bei mir ausgelöst, aber ich kann nicht benennen, was. 

Johanna Danhauser Hat sich der sieben Jahre andauernde Aufenthalt im Ländle in deiner Sprache niedergeschlagen? Rutscht dir manchmal ein „Heidenei“ oder ein „Kunscht“ raus? 

Jossi Wieler Absolut, vor allem, weil mir die Sprache so fern nie war. Ich bin auf der Schweizer Seite des Bodensees aufgewachsen; das Badische war mir immer sehr vertraut. Und vor dem zweiten Weltkrieg lebten auch Verwandte in Stuttgart, die ich zwar nicht mehr kannte, aber deren Idiom sich in der Familie niedergeschlagen hat. Das Schwäbische ist mir also nicht unvertraut und ich muss gestehen, dass ich es sogar ein bisschen angenommen habe, bis hin zu „ned gschimpft isch gnug globt“ oder „des brauche mer ned“! Man kommt nicht umhin, das Pietistische mit einer gewissen ironischen Distanz zu internalisieren. 

Johanna Danhauser Ist dir Stuttgart eine Heimat geworden? 

Jossi Wieler Das Theater war mir schon lange Heimat, sonst wäre ich nicht nach Stuttgart gekommen. Ich hatte nie die Absicht, Intendant zu werden, auch wenn es da vorher Angebote gab, die für mich nie ganz stimmig waren. Aber ich kannte den Spirit in Stuttgart aus all den Jahren bei Klaus Zehelein und später unter Albrecht Puhlmann. Da hatte ich das Gefühl, ich komme nach Hause. Das war natürlich stark mit den Menschen verbunden: Helene Schneiderman zum Beispiel, die ich noch aus Heidelberg kenne, wo sie ihr erstes Engagement hatte. Ich habe damals 1983, als sie nach Stuttgart engagiert wurde und ich in Heidelberg Hausregisseur wurde, ihre Wohnung übernommen. Oder Roland Bracht, mit dem ich seit meiner ersten Stuttgarter Produktion 1994 immer wieder zusammen gearbeitet habe. Künstler, aber auch so viele andere Kolleginnen und Kollegen kannte ich schon: die Garderober, die Maskenbildner, den langjährige technische Leiter Reinhard Richter und seinen Nachfolger Michael Zimmermann, der schon als ich hier angefangen habe Bühneninspektor war, oder natürlich auch die Sängerinnen und Sänger des wunderbaren Staatsopernchors. Ja, das ist schon Heimat. Die Stadt wird das zunehmend mehr, das hätte ich nicht gedacht. Vielleicht, weil ich mich immer wieder an die Schweiz erinnert fühle: das Hügelige, die Bauweise, die Mentalität. Diese Vertrautheit ist aber auch gefährlich, auf Dauer tut einem das Bequeme und Angenehme nicht nur gut. Als Künstler braucht man schon auch eine gewisse Unruhe und Reibung.  

Johanna Danhauser Es gab in den letzten sieben Jahren auch unbequeme gesellschaftliche und politische Erscheinungen, die eine Kulturinstitution im öffentlichen Raum herausfordern. Wie kann man darauf als Intendant und Regisseur an einem großen Staatstheater im Verbund mit anderen Sparten reagieren? 

Jossi Wieler Mit allen Themen, die wie die Sanierungsdebatte das Theater betreffen, sind wir mit dem Ministerium im direkten Dialog. Man begegnet sich mehrmals im Jahr im Verwaltungsrat, aber es ist schon einmalig, dass ein Ministerpräsident acht oder neunmal im Jahr in die Oper geht, allein in seinem Osterurlaub kam er an vier aufeinanderfolgenden Abenden zu uns. Das schafft eine besondere Nähe zur „höchsten“ Politik. Es gibt eine Gesprächsebene über das, was man inhaltlich auf der Bühne erzählt. Genau deshalb geht ja ein Ministerpräsident ins Theater, um im gesellschaftspolitischen Denken angeregt zu werden. Nicht nur ein Mal meinte er, dass die Politik viel davon lernen könne, wie im Musiktheater alte Stoffe neu erzählt werden. Nachdem er den Fliegenden Holländer von Calixto Bieito gesehen hatte (und auch das nicht zum ersten Mal), rief er mich am nächsten Morgen im Büro an, als ob er sonst nichts zu tun hätte. Und dann sagte er nicht nur, wie beeindruckend er den Abend fand, sondern vor allem, wie sehr er ihn inspiriert hätte und auch weiter beschäftigen würde. Das ist großartig und überhaupt nicht selbstverständlich. So fühlt man sich als Theatermacher wahrgenommen und aufgehoben. Auch, wenn es um konkrete politische Vorfälle geht: Bei der Verhaftung von Kirill Serebrennikov während unseren letzten Theaterferien, rief die Staatssekretärin am Ende des Urlaubs bei mir an und fragte: „Können wir etwas für euch tun?“ Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, wie wir mit dieser Ausnahmesituation umgehen würden. Die Spielzeit hatte noch nicht angefangen und es war nur klar, dass wir keinen Regisseur für Hänsel und Gretel haben werden. Das Ministerium hatte uns weiterhin seine Unterstützung angeboten. Alle hochrangigen Politiker waren dann bei der denkwürdigen Premiere als Zeichen der Solidarität anwesend und der Ministerpräsident hielt ─ mit allem Respekt vor der Kunst – eine kurze Ansprache über die politische Situation. Das ist gelebte Demokratie im Theater. Angeregt vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst wurde dann auch noch eine Debatte im Landtag über die Freiheit der Kunst angestoßen. Jede Fraktion war aufgerufen, sich zu diesem Thema zu äußern. Was damals von den Bedenkenträgern der AfD zu hören war, klang nicht nur für meine Ohren irritierend… 

Etwas anderes ist es natürlich, in der eigenen inhaltlichen Arbeit auf politische Strömungen zu reagieren. Ich denke, unsere Arbeit entsteht immer aus einem gesellschaftspolitischen Bewusstsein, aber wir versuchen nie eine Botschaft zu senden, sondern eher zum Denken anzuregen und Fragen zu stellen über gesellschaftspolitische und ethisch-moralische Zusammenhänge. Und auch das ist etwas Besonderes in Stuttgart: man kann hier sehr mutig erzählen und das Publikum geht größtenteils mit. Wir haben hier ein neugieriges, interessiertes, wissbegieriges Publikum. Man geht nicht nur einmal in eine Vorstellung, sondern kommt vielleicht ein zweites und ein drittes Mal, weil man noch nicht alles verstanden hat. Obwohl das ja immer wieder Geld kostet – und der sprichwörtlichen schwäbischen Sparsamkeit eigentlich widerspricht. Im Gegenteil, der Stuttgarter Zuschauer will Anteil nehmen und lernen und dafür ist er mitunter sogar auch bereit zu „leiden“. Das ist in anderen größeren Städten nicht so. Wenn man etwas nicht versteht, verlässt man die Vorstellung und schlägt die Tür zu. Das passiert hier so gut wie gar nie. Das finde ich schon erstaunlich, wo wir doch viele Stücke zeigen, die nicht so einfach les- und konsumierbar sind und einem Zuschauer viel abverlangen. Wunderzaichen zum Beispiel, das sich an der Grenze der Hörbarkeit abspielt, ein merkwürdiger metaphysischer Roadtrip. Manchen war das zu fremd; die sind dann aufgestanden und leise gegangen. Es gibt also immer auch einen unglaublichen Respekt den Theatermachern gegenüber. Glücklicherweise gibt es in Baden-Württemberg einen fast parteiübergreifenden Konsens über die Frage der öffentlichen Finanzierung von Kultur. Was mir aber dennoch immer wieder auffällt, ist eine gewisse mangelnde Großzügigkeit, wenn es um städteplanerische Visionen geht: Da stößt man ziemlich schnell auf Granit. Die Haltung „derf’s ä bissle weniger sei“ anstatt den Anspruch zu haben, das größte und strahlendste Kulturquartier in ganz Deutschland zu schaffen. Das war der Grund, warum ich mich für „Aufbruch Stuttgart“ engagiert habe. Ich war es ziemlich leid, wie die Diskussion um die Sanierung geführt wird. Wenn die neue Oper vielleicht in zehn Jahren mit einer einladenden Gastronomie fertig sein sollte und man dann vielleicht auch tagsüber in diesem Haus sein darf, in Büchern schmökern und Musik hören kann, dann wird man sich fragen, warum man den Eckensee architektonisch nicht mitgedacht hat. Ich bin natürlich nicht gegen den See, ich würde das sogar noch größer denken, aber diese Waschbetonbecken und die Waschbetonblumenrabatten sind dieser Stadt und dem Umfeld inmitten all der tollen Bauten nicht wirklich würdig. Man könnte da wirklich etwas Größeres machen. Ich bin kein Städteplaner, aber wenn ich mir das Konzept mit den Augen eines Regisseurs ansehe, dann glaube ich nicht, dass eine stimmige Inszenierung dabei rauskommen wird. 

Johanna Danhauser Worauf freust du dich im nächsten Jahr, wenn du ein bisschen mehr Freizeit haben wirst? 

Jossi Wieler Das Erste, was mir einfällt ist, dass mir dieser intensive Alltag hier fehlen wird. Aber ich glaube, man braucht Veränderungen, vor allem in der Kunst. Sobald es zu bequem wird, ist es für alle Seiten nicht mehr inspirierend genug. So, wie ich diese Zeit hier gelebt habe, war es für mich wie eine Droge. Also werde ich jetzt erstmal „auf Entzug gehen“. Ob mir das dann gut tun wird, werde ich sehen (lacht). Ich freue mich wirklich auf die Unabhängigkeit, darauf, mehr zu lesen, mehr zu schlafen. Ich bin ohnehin ein langsamer Leser und brauche Zeit dafür und Ruhe. Ich freue mich auch darauf, dass ich vieles nun anders bestimmen kann. Man denkt, dass ein Intendant alles bestimmen kann; das ist schon richtig, aber diese Art des Bestimmens interessiert mich nicht so sehr. Aufs Reisen freue ich mich, vielleicht an Orte, an denen ich noch nicht war. Das wird also eine merkwürdige Probe, die ich mir auferlege, weil ich das ja schon länger nicht mehr erlebt habe: selbstbestimmt zu arbeiten. Ich weiß auch noch nicht, wie mir das bekommt. Mal sehen.


Mit diesem Beitrag endet das Projekt „Blog Oper Stuttgart“. Herzlichen Dank an die vielen Kollegen und Kolleginnen der Staatstheater Stuttgart, die zur Gestaltung dieser Plattform beigetragen haben. 

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