Zwei Sprachen, viele Perspektiven

von Rebekka Meyer

„Ich hoffe, dass dieser Text unpolitisch gelesen wird, als eine Einladung an das Vorstellungsvermögen. Eine Einladung, das Leben der anderen nachzuvollziehen, ein Schicksal, das hoffentlich nie unser eigenes sein wird. Dafür sind wir alle verantwortlich.“ (Janne Teller, 2010)

„Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ Wie der Titel bereits impliziert, funktioniert der Essay der dänischen Autorin Janne Teller über einen Perspektivwechsel. Die Leserin wird dazu aufgefordert, sich folgende Situation vorzustellen: In Deutschland herrscht nach dem Zusammenbruch der EU Krieg und man muss mit seiner Familie deshalb ins sichere Ägypten fliehen. Man schlägt sich erst im Auffanglager und danach in einer unbekannten Stadt trotz Universitätsabschluss als Kuchenverkäufer durch. Man verliert eine Heimat und versucht unter den schwierigsten Umständen, eine neue zu gewinnen.

Dieser Text bildet die erzählerische Grundlage für die gleichnamige Kammeroper, die der deutsche Komponist Marius Felix Lange für die Junge Oper Stuttgart geschrieben hat. Die dänische Originalfassung von „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ hatte Janne Teller bereits 2001 verfasst und als fiktiver Essay in einer Lehrerzeitschrift unter dem Titel „Wenn Skandinavien im Krieg läge“ veröffentlicht. 2004 erschien die Erstausgabe des Textes in Buchform, 2011 die erste deutsche Übersetzung.

Der Text zeichnet sich durch zweierlei besonders aus. Erstens durch den stringenten Inhalt, der auf Janne Tellers eigenen Erfahrungen beruht. 1964 in Kopenhagen geboren, verbrachte Teller die meiste Zeit ihres Lebens im Ausland. Erst arbeitete sie als Konfliktberaterin der EU und UNO in verschiedenen Konfliktgebieten, vor allem in Afrika, seit 1995 widmet sie sich ganz dem Schreiben und lebt in New York und Berlin. Mittlerweile gehört sie mit ihren Büchern zum Kanon der aktuellen Schullektüre für Jugendliche; dazu zählt neben „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ auch „Nichts. Was im Leben wichtig ist“. Gerade ihre Erfahrungen in verschiedenen Konfliktgebieten haben die Autorin zu einer leidenschaftlichen Kämpferin für ein freies und tolerantes Europa, für offene Grenzen und vor allem für eine inklusiv gedachte, europäische Identität gemacht: „Wir brauchen eine europäische Identität, auf die sich alle beziehen können, ungeachtet ihrer Hautfarbe oder Kultur, Religion, Traditionen, Ess- oder anderer Gewohnheiten.“, schrieb Teller 2012 in einem Artikel für „Die Welt“. Mit „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ leistet sie als Autorin einen entscheidenden Beitrag zu diesem Kampf. Doch nicht nur das: Durch ihre Arbeit weiß Teller genau – ohne es am eigenen Leib erfahren haben zu müssen – was es für Menschen heißt, zu flüchten. Was es heißt, monatelang unterwegs zu sein, mit nichts in der Fremde anzukommen. Sie kennt die Mechanismen des Krieges und die traumatischen Folgen der Flucht.

Dass die Verhältnisse im Essay so genau und glaubwürdig konstruiert sind, macht ihn besonders stark. Denn dadurch beginnt man als Leser über die vorherrschenden Verhältnisse und die eigenen Privilegien nachzudenken. Zum Beispiel darüber, was die Europäische Union für Europa eigentlich leistet und was ein Zusammenbruch bedeuten würde. „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ wurde in viele Sprachen übersetzt und mit jeder Sprache wurden die politischen Verhältnisse und die Spannungen mit den Nachbarn auf das je spezifische Land angepasst. Dazu schreibt Janne Teller im Nachwort der deutschen Erstausgabe: „Eben weil dieser Essay als eine Einladung an die Vorstellungskraft entstanden ist, war mir immer klar, dass er in einer Übersetzung an die besondere geopolitische Situation des jeweiligen Landes angepasst werden muss. Für Deutschland habe ich einen wirtschaftlich-sozialen, nationalistischen Zusammenbruch der Europäischen Union gewählt; zum einen, weil das heutzutage leider die vorherrschende Bedrohung für die Sicherheit der europäischen Völker zu sein scheint, zum anderen, weil dieser Essay in keiner Weise eine Nachstellung früherer Kriege sein soll.“

Die zweite Besonderheit des Textes neben dieser genauen Konstruktion der Verhältnisse ist, dass sich der Perspektivwechsel sprachlich konsequent in der direkten Du-Ansprache manifestiert. Der „Erzähler“ lässt sich zwar klar umreißen: Es ist ein Junge, er hat einen großen Bruder und eine kleine Schwester, er heiratet eine Schulfreundin und betreibt mit seiner Familie in Ägypten eine Bäckerei. Dennoch hilft die Ansprache der Leserin in der 2. Person Singular, sich dabei in die unterschiedlichsten Situationen hineinzuversetzen: „Du frierst die ganze Zeit, und dabei ist erst Anfang November. Du weißt nicht, wie ihr den Winter überleben sollt. Der Arzt sagt, deine Mutter wird einen weiteren Winter im Keller nicht schaffen.“ Damit rüttelt Janne Teller den Leser tief im Innersten auf und zwingt ihn durch die vollbrachte Gedankenleistung des Perspektivwechsels dazu, seine Komfortzone zu verlassen.

Kontrastiert wird dieser Text in Marius Felix Langes Komposition mit neun Gedichten von Nora Gomringer, die im Auftrag der Jungen Oper eigens für die Kammeroper entstanden sind. Diese Gedichtinseln funktionieren in Ergänzung zur Geradlinigkeit von Tellers Text als eine Art Resonanzraum, in dem Erinnerungsfetzen und Sehnsüchte aufblitzen. Ikea zum Beispiel steht für eine Kindheit zwischen Billy-Regalen, welche die meisten westeuropäischen Kinder kennen und die Frage aufwirft: Woran würden wir uns erinnern und wonach würden wir uns sehnen, wenn wir die Heimat verlassen müssten? An die großen Ereignisse oder an ganz alltägliche Dinge, wie die schwedischen Namen von unserem Tisch, Stuhl und Bett? Die Gedichte umkreisen aber auch die Gegenwart und stellen neue Fragen in Anknüpfung an Tellers Text, verdichten deren Ideen in einer durchdringenden, lebendigen Sprache. Dabei übernimmt Gomringer teilweise die Du-Perspektive Tellers, oftmals greift sie aber auch auf das persönlichere „Ich“ oder „Wir“ zurück. Zum Beispiel in der „Lesung aus den Pässen“, die dem Thema Flucht und der Selbstverständlichkeit des Besitzens eines Passes und des Reisens eine ganz neue Stimme gibt: „Die Länder, die wir kreuzten in der Nacht/ Sind Globusnadeln ätzender Erinnerungen,/ gleich Zündhölzern entfacht,/ die Haut der Erde glüht/ wir laufen auf Kohlen/ und haben spärlich Hab und wenig Gut und unsre fremden Leben diesem Krieg gestohlen.“

Diese wenigen Textstellen lassen bereits den sehr performativen Charakter von Gomringers Sprache erkennen: Sie scheint förmlich dafür gemacht zu sein, nicht nur gelesen, sondern vorgetragen, laut gesprochen oder – in diesem Fall – gesungen zu werden. Der Grund dafür liegt in Gomringers literarischem Hintergrund. Die schweizerisch-deutsche Doppelbürgerin mit Jahrgang 1980, Tochter des Schweizer Dichters Eugen Gomringer und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin von 2015, begann ihre Karriere im Poetry Slam. (Zahlreiche Beispiele von Nora Gomringer als Poetry Slammerin sind auf Youtube finden, zum Beispiel das sehr bekannte „Ursprungsalphabet“). Viele ihrer Texte waren also von Anfang an dazu bestimmt, öffentlich vorgetragen zu werden. Dadurch bekommen sie eine ganz spezifische Körperlichkeit und trotz oder gerade wegen ihrer durchdachten Gestaltung eine natürliche Spontaneität.

Es sind also zwei ganz unterschiedliche Texte in zwei grundverschiedenen Sprachen zweier Autorinnen mit sehr anderen Erfahrungen und literarischen Hintergründen, die sich in Marius Felix Langes Komposition zu einer Erzählung fügen und ganz viele Perspektiven auf ein brandaktuelles Thema bieten.

 

Foto: Bariton Ipča Ramanović, © Christoph Kalscheuer


Krieg. Stell dir vor, er wäre hier

Kammeroper für alle ab 14 Jahren

von Marius Felix Lange nach dem gleichnamigen Buch von Janne Teller und mit Gedichtinseln von Nora Gomringer

Uraufführung am 27. April 2018

Musikalische Leitung: Marius Felix Lange, Benjamin Hartmann, Regie: Elena Tzavara, Ausstattung: Elisabeth Vogetseder, Dramaturgie: Rebekka Meyer, Licht: Rainer Eisenbraun

Sopran: Aïsha Tümmler, Bariton: Ipča Ramanović, Schauspieler/Sprecher: Matthias Jahrmärker, Der Junge: Boris Dick, Benedikt Merath, Jegor Dick

Streichquartett: Lisa Kuhnert (1. Violine), Delia Ramos Rodríguez (2. Violine), Anthony De Battista (Viola), Sophia Marie Garbe (Violoncello) sowie Solisten

 

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