Staatsorchester-Geschichte(n) // 6 Henze in Stuttgart

Aus Anlass des 425-jährigen Bestehens des Staatsorchesters Stuttgart ist jedes der Sinfoniekonzerte in dieser Jubiläums-Spielzeit mit einer Perle aus der so reichen und klangvollen Geschichte unseres Orchesters bestückt. Beim nächsten Sinfoniekonzert am kommenden Sonntag, 15. April und kommenden Montag, 16. April ist Hans Werner Henze der Komponist unseres „Jubiläumswerks“.

 

„Dass da so etwas wie eine Heimat sich heranbildet“

Vor 25 Jahren, als das Staatsorchester Stuttgart sein 400-jähriges Bestehen feierte, da schrieb auch einer der ganz großen noch lebenden zeitgenössischen Komponisten den Musikerinnen und Musikern des Orchesters Grußworte voll des Glücks und der Dankbarkeit ins Stammbuch: „Dem ruhmreichen Staatsorchester Glück und  Segen! Aufgrund einer Anzahl unvergesslicher Aufführungen von Bühnenwerken und symphonischen Arbeiten aus meiner Feder besteht zwischen dem Orchester und mir eine alte, solide Affinität, die mich mit Stolz und tiefer Dankbarkeit erfüllt. Liebe, schöne Erinnerungen knüpfen sich für mich an diese Erfahrungen – sie gehören zu den schönsten meines Lebens –, und so darf ich den Kolleginnen und Kollegen, die heuer dem traditionsreichen und ehrwürdigen Ensemble angehören, meinen ganz persönlichen Dank und meine ganz persönlichen Wünsche für ihr Wohlergehen und für eine von schönen und neuen künstlerischen Erlebnissen erfüllte Zukunft aussprechen.“

„Einen Ruf wie Donnerhall“: Der Beginn der Henze-Ära in Stuttgart

Hans Werner Henze, von dem diese Worte stammen, konnte jene „unvergesslichen Aufführungen“ mit dem Staatsorchester auch deshalb erleben, da ihn Hans Peter Doll, der damalige Generalintendant der Staatsoper, überhaupt erst nach Stuttgart geholt hatte: eine musikhistorisch nicht kleine Tat – und eine mutige dazu. Denn alles andere als selbstverständlich war es Mitte der 1970er-Jahre für ein Staatstheater der Bundesrepublik, die Idee eines mehrere Spielzeiten übergreifenden Henze-Zyklus‘ in die Tat umzusetzen. „Wer sich damals für Henze engagierte, geriet – ob er nun wollte oder nicht – gleich zwischen zwei Feuer“, bemerkte der Musikkritiker Gerhard R. Koch, Zeitzeuge jener Epoche, im Rückblick. Nach einem Hamburger Uraufführungs-Skandal galt der Linke und Apo-Sympathisant Henze in der BRD als persona non grata. Für die Stuttgarter Theaterleitung um Hans Peter Doll und Operndirektor Wolfram Schwinger galt es also, Vorurteile abzubauen und politische Konflikte, die vorprogrammiert waren, durchzustehen. Auf der anderen Seite galt Henze den Anhängern der musikalischen Avantgarde als anachronistischer Dorn im Auge, dessen tief in der Tradition wurzelnden, klangsinnlich-sensualistischen Werken sie mit äußerster Geringschätzung begegneten. „Wer sich also für Henze stark machte“, so der Zeitzeuge Koch, „lief Gefahr, als ‚Roter‘ und auch gleich noch als Reaktionär unter Beschuss zu geraten.“

Den unbekümmerten Stuttgarter Einsatz für sein Werk hat Henze stets bewundert, wusste er doch, „dass ich damals dauernd schlechte Presse und einen Ruf wie Donnerhall hatte“: „Wie glücklich kann ich mich schätzen und tu es auch, dass dieses Theater, dieses Kulturinstitut, diese moralische Anstalt mich aufgenommen hat. Man kümmert sich hier um mein Werk mit Beständigkeit und mit wachsendem Erfolg draußen und drinnen im Haus. Das verleiht mir ein Gefühl, dass da so etwas wie eine Heimat sich heranbildet…“ Hauptverantwortlich für die Henze-Pflege wurde neben Doll und Schwinger der junge amerikanische Dirigent Dennis Russell Davies, der erstmals 1976 als Gast an die Oper kam und 1979 Stuttgarter Generalmusikdirektor wurde. Unter der musikalischen Leitung von Davies, „der die Stücke so gut kennt, Note für Note, und der so gute Ohren hat und einen solchen Professionalismus, dass alle Sänger und Instrumentalisten sich sicher fühlen und ihr Bestes zu geben bereit sind ganz wie der Chef in seinem T-Shirt, seinen Jeans und den Tennisschuhen“, wie der Komponist schwärmte, gelangte das musikdramatische Schaffen Henzes zu mustergültigen Interpretationen und wurde Stuttgart in den Jahren zwischen 1975 und 1985 zu einem Zentrum zeitgenössischen Musiktheaters.

Komponieren, inszenieren, dirigieren: Tausendsassa Henze als artist in residence

Damit hatte das Stuttgarter Opernhaus – nach Richard Strauss unter Generalmusikdirektor Schillings, Hans Pfitzner unter Gustav Leonhardt und Carl Orff unter Ferdinand Leitner – wieder einen tonangebenden „Hauskomponisten“. Nicht nur drei Uraufführungen sollten in diese Zeit fallen, auch die Präsentation einiger der großartigen Frühwerke des Komponisten war Teil der Idee des Stuttgarter Henze-Schwerpunkts, zu der überdies der Plan einer originellen Arbeitsteilung gehörte: Davies dirigierte, Henze übernahm die Inszenierung. Den Anfang machte im Februar 1976 Henzes Opern-Erstling Boulevard Solitude. Für dessen Einstudierung hatte sich der Komponist eben jenen Dennis Russell Davies gewünscht, der damit zu seinem ersten Dirigat in Europa und überhaupt an einem Theater kam.

Schon ein Jahr später, im Mai 1977, folgte mit Wir erreichen den Fluss die Aufführung von Henzes damals jüngstem Musiktheaterwerk. Mit ihm bekundete er nicht nur eine neue, politisch motivierte Ästhetik, sondern überraschte er auch die Avantgarde-Verfechter, „wenn er mit phonstarken, grellen Orchesterschreien seine Vergangenheit als ‚Richard Strauss der Neuen Musik‘ zu dementieren sucht“, wie die Stuttgarter Nachrichten berichteten. „Die Inszenierung wurde zu einem großen Erfolg und bekräftigte meine freundschaftliche Bindung an das Staatstheater“, erinnerte sich Henze, der nun auch, wie es ich für einen artist in residence gehörte, eine Bleibe in Stuttgart gefunden hatte, eine kleine Wohnung am oberen Ende der Sonnenbergstraße, wo er mit seinem Lebensgefährten zumindest wochenweise heimisch werden konnte.

Henzes nächste Stuttgarter Großtat sollte eine Uraufführung werden. So arbeitete er – parallel zu einer von ihm inszenierten Zauberflöten-Produktion im März 1978 und der Erstaufführung seines El Cimarrón im darauffolgenden April – an einem Stück für das Stuttgarter Ballett, das keinem Geringeren als Orpheus huldigen sollte: „Ich wollte etwas schreiben, das schöner ist als das Leben.“ Das Tanzdrama Orpheus auf ein Libretto von Edward Bond erblickte in der Choreographie von William Forsythe im März 1979 das Licht der Welt – vier Jahre später, im Juni 1983, feierte die Opern-Maskerade Die englische Katze bei den Schwetzinger Festspielen Premiere. Schon im Juni des Vorjahres hatte Henze Musikern des Staatsorchesters einen kleinen, kammermusikalischen Vorgeschmack auf diese Opern-Uraufführung auf den Leib geschrieben: die Canzona per sette strumenti (Oboe, Klavier, Harfe, 3 Bratschen, Violoncello), Variationen über ein Thema aus der Englischen Katze. Und nicht vergessen sei bei all dieser unerschöpflichen, schier rastlosen vita activa des Komponisten und Regisseurs, dass Henze in Stuttgart bis in die 1970er-Jahre hinein immer wieder auch selbst dirigiert hat – meist eigene, dann zunehmend aber auch Werke des klassisch-romantischen Repertoires, so etwa 1975 in einem Sinfoniekonzert des Staatsorchesters die Zweite Sinfonie von Gustav Mahler.

Bühnenbild Englische Katze I jpg
Juni 1983, Uraufführung von Die Englische Katze: Henzes Opernmaskerade ging zunächst bei den Schwetzinger Festspielen über die Bühne, bevor sie im darauffolgenden Herbst auch an der Staatsoper Stuttgart Erfolge feierte.

Stuttgarter Henze-Höhepunkt: Die Uraufführung der Ur-Fassung von König Hirsch

Nach der Deutschen Erstaufführung von Henzes Kinderoper Pollicino im November 1981 wartete die Staatsoper Stuttgart im Mai 1985 schließlich mit der zweifellos monumentalsten der drei Henze-Opern-Uraufführungen auf: der Urfassung der Oper König Hirsch. 25 Jahre nach ihrer von rüden Kürzungen des Dirigenten Hermann Scherchen zerzausten Berliner Premiere hatte sie noch immer ihrer eigentlichen Uraufführung geharrt, nun endlich konnte sie in Stuttgart nahezu ungekürzt über die Bühne gehen – mit einer, so Henze, „festspielhaften Aufführungsdauer von fünf Stunden“. Der Eindruck der abermals von  Dennis Russell Davies geleiteten Premiere in der Inszenierung von Hans Hollmann, mit Bühnenbildern von Hans Hoffer und phantastischen Kostümen von Frieda Parmeggiani war überwältigend. „Henze erlebte einen Triumph. Alle sieben Vorstellungen waren ausverkauft, das breite Publikum begeisterte sich so sehr wie die aus aller Welt herbeigeströmten Fachkritiker“, berichteten die Chronisten. Und die Stuttgarter Presse schrieb beeindruckt von einer der „reichsten Inszenierungen der Ära Davies, der als musikalischer Leiter auch eine orchestral wie vokal berückende Interpretation zustande brachte, die die vielfältigen Qualitäten dieses Werks aufs leuchtendste vermittelte.“

Bühnenbild König Hirsch I jpg
5. Mai 1985: Die Stuttgarter Uraufführung der in den Jahren 1953 bis 1955 entstandenen Ur-Fassung der Oper König Hirsch. Ein phantastischer Fünf-Stunden-Opernabend, sinnenverführend angesiedelt zwischen Realismus, Märchen, Traum und Commedia dell’arte.

Wenn das heutige Konzert mit La selva incantata – Der verwunschene Wald eröffnet, so ist dies in gleich zweifacher Weise eine Reminiszenz an ein Stück Stuttgarter Staatsorchester-Geschichte. Denn Henze selbst erinnert sich in diesem Orchesterstück an einige der schönsten, ursprüngliche vokalen Passagen seiner König Hirsch-Oper und zugleich an seine Stuttgarter Zeit unter dem einstigen Generalintendanten Hans Peter Doll, dem La selva incantata gewidmet ist.

Rafael Rennicke

In der nächsten und letzten Folge unserer Reihe beleuchten wir im Kontext des 7. Sinfoniekonzerts am 8. und 9. Juli: Ur- und Erstaufführungen in Stuttgart (Folge 7).


 

6. Sinfoniekonzert

ZAUBER UND WIRKLICHKEIT

                          

Daniele Rustioni, Musikalische Leitung

Simone Schneider, Sopran

  1. April 2018, 11 Uhr, Liederhalle, Beethovensaal
  2. April 2018, 19.30 Uhr, Liederhalle, Beethovensaal

Einführung 45 Minuten vor Konzertbeginn mit Rafael Rennicke, Liederhalle, Silchersaal

 

Hans Werner Henze

La selva incantata – Der verwunschene Wald. Aria und Rondo für Orchester (1991)

 

Richard Strauss

Vier letzte Lieder (1948)

 

  1. Frühling
  2. September
  3. Beim Schlafengehen
  4. Im Abendrot

 

– Pause –

 

Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 1 D-Dur (1888)

 

  1. Langsam. Schleppend. Wie ein Naturlaut – Im Anfang sehr gemächlich
  2. Kräftig bewegt, doch nicht zu schnell – Trio. Recht gemächlich
  3. Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen
  4. Stürmisch bewegt

 

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