Jubiläumskonzert // Helmut Lachenmann

»Dem Staatsorchester Stuttgart verdanke ich Entscheidendes für mein Dasein als Komponist. Es hat mich, der ja auch immer wieder Zweifeln und Skepsis bei Orchestermusikern begegnet ist, bei unserer ersten Begegnung nachgerade aufgerichtet. Als Opernorchester, das einmal einstudierte Werke mehrfach aufführt und am ›Gelingen des Ganzen‹ entscheidend beteiligt ist, hat dieses Orchester eine wunderbare Eigenschaft: Seine Musikerinnen und Musiker, so spüre ich es, identifizieren sich ganz professionell mit den Werken, die sie spielen. Das ist nicht überall selbstverständlich, kann es kaum sein. Aber es berührt einen Komponisten und Musikliebenden wie mich total, wenn er diese Identifikation bei all ihren Aufführungen, auch derjenigen seiner eigenen Musik, spürt. Für mich war die Zeit mit dem Stuttgarter Staatsorchester im Jahr 2001, von den ersten Proben meiner Mädchen-Oper bis zu den letzten Aufführungen, eine der glücklichsten meines Lebens.« Helmut Lachenmann

Magie und Reflexion – Lachenmanns ›Marche fatale‹

von Rafael Rennicke

Man höre und staune: Dieser Marsch für großes Orchester, komponiert für das Staatsorchester Stuttgart zu seinem 425. Geburtstag, steht in Es-Dur – »wie es sich gehört«, so Helmut Lachenmann. Auch Trompetenfanfaren und Trommelwirbel sind von Anfang an mit dabei – wie es sich gehört –, bevor sich dieser Marsch auf den Weg macht in ein nur knapp acht Minuten währendes, dafür aber grenzenloses Abenteuer.

Es ist – so könnte man mit den Worten des Komponisten meinen – die »Verirrung eines ›finsteren Avantgardisten‹ und ›Verweigerers‹«, ein »leichtfertig rücksichtsloser Rückfall« in die Floskeln einer längst überkommenen Tradition. Doch wer Helmut Lachenmanns Musik liebt und schätzt und sie, wie das Staatsorchester Stuttgart, sich immer wieder zu eigen macht, der spürt, dass sich dieser Komponist auch in diesem so vermeintlich konventionell daherkommenden Stück treu geblieben ist. Denn abermals möchte er uns für eine neue, veränderte Wahrnehmung des Vertrauten sensibilisieren: Wieviel Unerhörtes, Schönes, aber auch Erschreckendes steckt im vermeintlich Bekannten?
Und so ist es ein geistreiches Vergnügen, zu hören und zu beobachten, wie dieser an sich banale, magisch-unhinterfragte Marsch in Es-Dur zu einem Spielball in der Hand des Komponisten wird: Die ursprüngliche Klavierfassung aus dem Jahr 2016 wird in eine brillant instrumentierte, hochvirtuose, nicht selten theatralische Orchester-Textur überführt, in der die Marsch-Melodie von Gegenstimmen durchkreuzt, von rhythmischen Widerhaken zersetzt und von »bewegungslosen« Generalpausen sabotiert wird. Magische Vertrautheit, ins Aufregend-Zwiespältige überführt durch des Komponisten und unsere eigene Reflexion und dadurch zu faszinierend-neuem, irritierendem Leuchten gebracht: Ein gewitzter, lächerlich-ernster Blick auf unsere Musik und unsere Geschichte – und ein Glücksfall für das Staatsorchester Stuttgart, das zumal als Theaterorchester um Giuseppe Verdis dunkelgrundiertes, heiter-lebensweises Falstaff-Motto weiß: »Tutto nel mondo è burla – Alles ist Spaß auf Erden.«

Das kann ja heiter werden ! – Über meine ›Marche fatale‹

von Helmut Lachenmann

Marche fatale – ist eine unvorsichtig gewagte Eskapade, sie dürfte den Kenner meiner Kompositionen mehr irritieren als meine früheren Werke, von denen nicht wenige sich erst nach Skandalen bei ihrer Uraufführung durchgesetzt haben. Meine Marche fatale hat allerdings stilistisch mit meinem bisherigen kompositorischen Weg wenig zu tun, sie präsentiert sich hemmungslos wenn nicht als Rückfall, so doch als Rückgriff auf jene Floskeln, an welche die moderne Zivilisation in ihrer täglichen »Gebrauchsmusik« nach wie vor sich klammert, während doch die Musik im 20. und 21. Jahrhundert längst zu neuen, ungewohnten Klanglandschaften und Ausdrucksmöglichkeiten vorgedrungen ist.

Das Schlüsselwort heißt »Banalität«. Als Kunstschaffende verachten wir sie, versuchen wir, sie zu meiden – obwohl wir auch innerhalb neuer ästhetischer Errungenschaften vor dem Billig-Banalen nicht sicher sind.

Viele Komponisten haben sich gelegentlich des Banalen angenommen. Mozart schrieb Ein musikalischer Spaß, ein bewusst »dilettantisch missglücktes« Sextett. Beethovens Bagatellen op. 119 wurden vom Verleger abgelehnt, mit der Begründung: »Daß dieses Werkchen von dem berühmten Beethoven sey, werden wenige glauben.« Mauricio Kagel schrieb, gleichsam augenzwinkernd, Märsche, um den Sieg zu verfehlen, Ligeti schrieb Hungarian Rock, Strawinsky zitierte und verzerrte in seiner Circus Polka den berühmten, seinerzeit vierhändig komponierten, allzu beliebten Schubertschen Militärmarsch.

Ich selber weiß allerdings nicht, ob ich meine Marche fatale neben diese Beispiele einreihen soll: ich akzeptiere den Humor im Alltag, zumal dieser für manchen unter uns wohl anders nicht zu ertragen ist. In der Musik misstraue ich ihm, halte mich dafür umso enger an die tiefere Idee des Heiteren, die mit Humor wenig zu tun hat.

Indes: Ist ein Marsch mit seinem kollektiv in kriegerische oder festliche Stimmung zwingenden Anspruch nicht a priori lächerlich? Ist er überhaupt »Musik«? Kann man marschieren und zugleich hören?

Ich habe mir irgendwann vorgenommen, das »Lächerliche« als entlarvendes Wahrzeichen unserer am Abgrund stehenden Zivilisation ernst – vielleicht bitter ernst – zu nehmen. Der – wie es scheint unaufhaltsame – Weg ins schwarze Loch alles lähmenden Ungeistes: »das kann ja heiter werden«.

Meine alte Forderung an mich und meine musikschaffende Umgebung, eine »Nicht-Musik« zu schreiben, von wo aus der vertraute Musikbegriff sich neu und immer wieder anders bestimmt, so dass der Konzertsaal statt zur Zuflucht in trügerische Geborgenheiten zum Ort von geist-öffnenden Abenteuern wird, ist hier – vielleicht? – auf verräterische Weise »entgleist«. Wie konnte das passieren?

Der Rest ist – Denken.


 

Helmut Lachenmann, geboren 1935 in Stuttgart. »Pfarrhaus, viele Geschwister, viele Anregungen, viel Musik. Krieg. Nachkriegszeit. Klavierstunden, Knabenchor, Komponieren. Gymnasium, Bücher, Partituren. Abitur und Beginn des Musikstudiums in Stuttgart: Theorie und Kontrapunkt bei Johann Nepomuk David, Klavier bei Jürgen Uhde. 1957 zum erstenmal bei den Darmstädter Ferienkursen. Ab Herbst 1958 Studium in Venedig bei Nono: Analyse alter und neuer Musik, serielle und freie Entwürfe, Kompositionen«  (aus: Selbstportrait 1975). 1960 kehrt er aus Venedig zurück und lehrt in den Folgejahren und -jahrzehnten Komposition an den Musikhochschulen von Stuttgart (1966 – 76, 1981 – 2002) und Hannover (1976 – 81). Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählt u. a. der Ernst von Siemens Musikpreis (1997). WERKE (Auswahl): eine Oper (Das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Musik mit Bildern), Orchester- und Ensemblewerke, Kammermusik (3 Streichquartette), Klavier- und Vokalmusik.

 


 

425 Jahre Staatsorchester Stuttgart

Jubiläumskonzert

1. Januar 2018, 17.00 Uhr │ Opernhaus

16.15 Uhr Einführung mit Rafael Rennicke, Foyer I. Rang

Mit: Sylvain Cambreling, Mandy Fredrich, Staatsorchester Stuttgart

Richard Wagner
Vorspiel zum 3. Akt aus  Lohengrin

Giuseppe Verdi
Ouvertüre zu La forza del destino
Wolfgang Amadeus Mozart
„Nehmt meinen Dank, Ihr holden Gönner“ KV 383

Richard Strauss
„Liebeshymnus“ OP. 32 Nr. 3

Hector Berlioz
Chasse Royale et orage aus Les Troyens

Helmut Lachenmann
Marche fatale
Uraufführung der Fasssung für großes Orchester  (Auftragswerk der Oper Stuttgart)

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 5 c-Moll Op. 67

 


Beitragsbild: (c) Foto Emilio Pomarico Bildbearbeitung palmer projekt

 

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