Musik der Freiheit – Folge 7

DAS KOMPONIERTE KONZERT

von Rafael Rennicke

Verschwinden die Flugzeuge, so fliegen die Tauben,
Weiß, weiß. Sie waschen die Wange des Himmels
Mit freien Flügeln, bringen die Pracht zurück, die Hoheit der Luft
Und des Spiels. Höher und höher fliegen
Die Tauben, weiß, weiß.

Mahmud Darwisch (aus: Belagerungszustand, 2002 )

 

Nachdem er Ende des Jahres 1809 von der Direktion des Burgtheaters den Auftrag erhalten hatte, zur Wiener Erstaufführung von Goethes Tragödie Egmont eine Schauspielmusik zu komponieren, musste Beethoven, der Vielbeschäftigte und Anspruchsvolle, nicht lange überlegen: Er sagte zu und soll sogar auf ein Honorar verzichtet haben. »Bloß aus Liebe zum Dichter« habe er seine Egmont-Musik geschrieben, teilte er ein Dreivierteljahr später seinem Verleger mit, und an Goethe schrieb er: »Sie werden nächstens die Musik zu Egmont erhalten, diesen herrlichen Egmont, den ich, indem ich ihn eben so warm als ich ihn gelesen, wieder durch sie gedacht, gefühlt, und in Musik gegeben habe.« Goethe wiederum äußerte, Beethoven sei »mit bewundernswertem Genie in meine Intentionen eingegangen«.

Die Idee des Sieges der Freiheit, die alle Fesseln einer noch unerfüllten Wirklichkeit sprengt: Schon Goethe hatte dieses für den Egmont-Stoff zentrale Sujet in seinem 1788, am Vorabend der Französischen Revolution vollendeten Drama von Anfang an als eine reale Möglichkeit, als konkrete Utopie in sein Werk eingeschrieben – im historischen Rückgriff auf den unbeugsamen und am Ende tatsächlich Sieg verheißenden Freiheitskampf Egmonts und seiner Niederländer gegen die spanischen Unterdrücker in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Für Beethoven eine Steilvorlage, um inmitten der beginnenden Kämpfe seiner Wiener Landsleute gegen die napoleonische Besatzung die lodernde Flamme der Freiheit aufrechtzuerhalten und am Ende in ein Lauffeuer zu verwandeln – mit einer Musik, deren Wille zum Aufwühlen, Antreiben und Aufklären seinesgleichen sucht: Glühende Emphase und zärtlichste Innigkeit, große Gesten und beredtes Schweigen, Privates und Politisches gehen hier in einfachen Liedern, in machtvollen instrumentalen Tableaus und poetisch konzipierten melodramatischen Intermezzi Hand in Hand, und der Drang dieser Musik nach Eigengewicht, nach Selbstständigkeit und Freiheit ist so groß, dass sie voller Grenzüberschreitungen steckt und den Rahmen des Sprechtheaters, dem sie sich verschrieben hat, permanent sprengt.

Es ist dies zugleich die Größe und die Tragik von Beethovens kühner, ebenso vielkritisierter wie vielbewunderter Egmont-Musik : Als elitäres Spitzenprodukt der Gattung Schauspielmusik hatte sie schon immer einen schweren Stand im Theaterbetrieb, und seitdem die Tradition symphonischer Orchestermusik auf den Sprechtheaterbühnen scheinbar für immer verloren ist, wird ihre ursprüngliche Bindung an den Bühnenkontext oft leichtfertig als Argument herangezogen, um sie heutzutage für unaufführbar zu erklären. Wenn sie denn einmal im Konzertsaal erklingt – und nicht nur auf ihre Ouvertüre reduziert wird –, so wird zumeist der de facto nicht darstellbare Bühnenkontext durch Rezitationen des auf ein Minimum reduzierten Goethe-Textes zu rekonstruieren versucht: in ehrbarem Rückgriff auf die im Jahr 1821 von Friedrich Mosengeil begründete Tradition, »Beethovens Zwischenacte zu Göthe’s Egmont mit declamatorischer Begleitung« zu versehen – eine Möglichkeit (und eine von Goethe selbst goutierte), um die von Mosengeil und seinen Zeitgenossen zurecht eingeforderte »poetische Einheit des Ganzen« herzustellen. Das klingende Ergebnis aber kann dem freiheitlichen Sujet des Stückes und dem freiheitlichen Komponieren Beethovens kaum gerecht werden.

Dabei besteht kein Zweifel, dass das Unterfangen, Beethovens Egmont-Musik in den Konzertsaal zu überführen, zu den schönsten Herausforderungen an die Kreativität und die Phantasie der Interpreten gehört. Das heutige Konzert ist darum ein neuer Versuch, der Schauspielmusik Beethovens einen Zusammenhang und eine eigene Dramaturgie zu geben, die deren Poesie mit anderen Mitteln fortsetzt. Und so werden nicht nur Texte als Mittler, Anreger, Mitdenker und Weitertreiber von Beethovens Musik zu Wort kommen. Als »gleichgestimmte, mitvibrierende Saiten«, die schon der Dichter E. T. A. Hoffmann bei Goethe und Beethoven bemerkt hatte, sollen auch Musiken von Beethovens komponierenden Nachfolgern vernehmbar werden: Im Aufsuchen von »Egmont-Echos« wollen wir einen Resonanzraum erschaffen, der die Wirkung von Beethovens Musik bis in unsere heutige Zeit zum Ausdruck bringt. In Soldaten- und Freiheitsliedern Gustav Mahlers aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn, die in die Lücken von Beethovens Schauspielmusik interpoliert werden, hallen die Dramatik und der utopische Gehalt von Goethes Tragödie und Beethovens Musik auf vielfältige Weise wider; und Wolfgang Rihms Ernster Gesang mit Lied schlägt mit den im Lied vertonten Worten Georg Büchners eine weitere Brücke zurück in die Zeitgenossenschaft Beethovens und Goethes. Schließlich durchziehen Texte des palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch unsere musikalische »Egmontage« und erweitern sie um die Kraft des gesprochenen Wortes, das in besonderer Weise hörbar machen soll, was uns der Egmont-Stoff heute noch sagt.

Möge also dieses außergewöhnliche Konzert-Projekt mit dem Staatsorchester Stuttgart und Sylvain Cambreling die unerhörten Chancen eines »komponierten Konzerts« unter Beweis stellen und der Phantasie aller Mitwirkenden – Musizierenden wie Zuhörern – Flügel verleihen! Ganz im Sinne der Wunderhorn-Devise: »Die Gedanken sind frei!«

 

»Oper ohne Grenzen« lautet das Spielzeit-Motto der Oper Stuttgart. Inspiriert von diesem Motto, präsentiert das Staatsorchester Stuttgart in dieser Saison »Musik der Freiheit«. An dieser Stelle beleuchten wir in sieben Folgen jeweils eine Facette des Freiheitlichen, Grenzenlosen oder Grenzüberschreitenden der Musik unserer Sinfoniekonzert-Programme. Bisher erschienen »Ordnung und Offenbarung« ( Folge 1 ), »Natur und Imagination« ( Folge 2 ), »Gewalt und Schönheit« ( Folge 3 ), »Etiekettierung und Individuealität« ( Folge 4 ), »Schein und Sein« ( Folge 5 ) sowie »Ich und Welt« (Folge 6) auf dem Opernblog.


7. Sinfoniekonzert

UTOPIE! EGMONT-ECHOS

09. JUL 2017, 11 UHR │ 10. JUL 2017, 19.30 UHR
Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling
Sopran: Josefin Feiler
Bariton: Shigeo Ishino
Sprecher: Wolfgang Michalek
Staatsorchester Stuttgart
LUDWIG VAN BEETHOVEN
MUSIK ZU GOETHES TRAUERSPIEL „EGMONT“ OP. 84 (1809-10), COLLAGIERT MIT MUSIK VON GUSTAV MAHLER (AUS: „DES KNABEN WUNDERHORN“) UND WOLFGANG RIHM („ERNSTER GESANG“, „“LIED) SOWIE MIT TEXTEN VON MAHMUD DARWISCH

 



Das Beitragsmotiv gestaltete die englische Künstlerin Emma McNally. Zwei weitere Werke aus ihrer Serie finden Sie auf den Umschlagsinnenseiten der Lied- und Kammerkonzertprogrammhefte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s