Silhouetten

Rafael Rennicke

Ab 14. Juli wird die preisgekrönte Stuttgarter Inszenierung der 1986 in Paris uraufgeführten Oper Schaum der Tage (L’Écume des jours) wieder auf dem Spielplan der Oper Stuttgart stehen. Ihr Komponist – der frankophile, 1996 in Paris gestorbene Sowjet-Russe Edison Denisov – bildet das Zentrum des heutigen Konzerts. In den Silhouetten, einem seiner originellen Kammermusik-Stücke, lässt er fünf Heldinnen der europäischen Opernmusikgeschichte aus zartem, filigranem Klangfluss auftauchen – so auch Lisa aus Peter Tschaikowskys Oper Pique Dame, die derzeit in einer Neuinszenierung an der Oper Stuttgart zu erleben ist. Was Denisov mit seinem Leben und Werk gelang, versucht auch dieses Konzert zu sein: ein musikalischer Brückenschlag zwischen Russland und Frankreich voller Beziehungszauber.

Er fühlte sich zeitlebens als russischer Künstler – und lebte gleichzeitig ganz selbstverständlich in inniger Verbindung mit der westeuropäischen Kultur. Dem 1929 geborenen Edison Denisov ist diese Beziehung zum Westen von den linientreuen Kunstrichtern seiner Heimat oft verübelt worden. Doch wusste Denisov – gemeinsam mit Sofia Gubaidulina und Alfred Schnittke, seinen engsten Mitstreitern für Freiheit und Offenheit wenn schon nicht im Leben, so doch in der Kunst –, wie die kulturbürokratischen Schranken seiner Heimat zu überwinden waren: mit einer Musik, die von kleinen Gesten und zarten Klängen geprägt ist; so natürlich, licht und farbenreich, dass man sie für ganz und gar französisch halten könnte. Tatsächlich galt Denisovs Affinität dem französischen Kulturkreis in besonderer Weise. Schon früh hatte er sich für die Musik Claude Debussys fasziniert, und es kam ihm zugute, dass ihm als 20-Jährigem nicht nur Dmitri Schostakowitsch zur Seite stand, sondern in privaten Kompositionsstunden auch der aus Wien emigrierte Berg- und Webern-Schüler Philipp Herschkowitz. Durch ihn kam er mit der Zwölftontechnik der Zweiten Wiener Schule in Berührung und lernte die aktuellsten Strömungen der westeuropäischen Nachkriegs-Avantgarde kennen. Deren Zentralgestirn Pierre Boulez sollte Denisov von da an innig bewundern. Mit der Uraufführung seiner Oper L’Écume des jours an der Pariser Opéra-Comique 1986 – ihr liegt der Roman des französischen Schriftstellers Boris Vian zugrunde – fasste Denisov auch in Frankreich Fuß. Er wurde im selben Jahr Mitglied der französischen Ehrenlegion für Kunst und Literatur und wirkte 1990/91 am Pariser Experimentalstudio IRCAM, bevor er 1994 ganz in seine französische Wahlheimat zog. Zwei Jahre später verstarb Denisov in Paris. Doch stehen mit Francis Poulenc und Sergej Prokofjev zwei weitere Komponisten auf dem heutigen Programm, die den russisch-französischen Kulturaustausch befördert haben. Poulencs künstlerischer Instinkt für das Freiheitliche, Phantastische und Extraordinäre führte ihn, als Mitt-Zwanziger, zur Zusammenarbeit mit dem legendären Sergej Diaghilev, dessen »Ballets russes« insbesondere in Frankreich für Furore sorgten. Für das Ballett Les Biches schrieb Poulenc 1923 – mehr als drei Jahrzehnte vor Entstehung der Flötensonate – eine Musik, die vom Einfluss eines seiner großen Idole der damaligen Zeit leidenschaftlich durchpulst ist: Igor Strawinsky. Und Sergej Prokofjev? Im Jahr nach der Februar-Revolution von 1917 verließ er seine Heimat, siedelte zunächst in die USA über, um sich ab 1920 in Frankreich niederzulassen. Nach Jahren des Pendelns zwischen Paris und Moskau kehrte er 1936 endgültig in seine Heimat zurück. Seine Sonate für zwei Violinen ist zumindest entstehungs- und aufführungsgeschichtlich von diesem russisch-französischen Brückenschlag geprägt: Entstanden 1932 während der Sommermonate in Saint-Tropez als Auftragswerk für die neugegründete Pariser Kammermusik-Gesellschaft »Triton«, gelangte sie drei Wochen vor ihrer Pariser Aufführung bereits andernorts zur Uraufführung: in Moskau.


7. Kammerkonzert

Silhouetten. Ein russisch-französischer Abend

28. JUNI 2017, Liederhalle (Mozartsaal)

ANDRÉ CAPLET
CONTE FANTASTIQUE NACH E. A. POE FÜR HARFE UND STREICHQUARTETT (1923)

SERGEJ PROKOFIEV
SONATE FÜR ZWEI VIOLINEN OP. 56 (1932)

EDISON DENISOV
SILHOUETTEN FÜR FLÖTE, ZWEI KLAVIERE UND SCHLAGZEUG (1969)

FRANCIS POULENC
SONATE FÜR FLÖTE UND KLAVIER (1956-57), ARRANGIERT FÜR FLÖTE UND STREICHSEXTETT

ANTON ARENSKY
QUARTETT A-MOLL OP. 35 FÜR VIOLINE, VIOLA UND ZWEI VIOLONCELLI (1894)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s