Chara lingua da la mamma

“Nus dein a vus alas, prendin vus cun nus en l’aria ord il mund confus, strusch real, plein colurs pli bialas. Ei dat schi biaras vias claras en quei mund abstrus, construius ord numerusas fablas.“

Welche Sprache könnte das sein? „Aria“ erinnert ans Italienische, „plein“ ans Französische – doch es ist keins von beiden, sondern Rätoromanisch. Nie gehört? Rätoromanisch ist neben Deutsch, Französisch und Italienisch eine der Amtssprachen der Schweiz und wird im bergigen Südosten des Landes, im Kanton Graubünden, gesprochen. Der Alpenraum ist bekanntlich dünn besiedelt und so können nur noch 60’000 Personen im Graubünden diese romanische Sprache überhaupt sprechen. Da die vielen Täler außerdem wenig Austausch hatten, gibt es fünf verschiedene Idiome, die sich relativ stark voneinander unterscheiden: Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter (Oberengadinisch) und Valader (Unterengadinisch). Dazu kommt das Rumantsch grischun, eine künstlich konstruierte Schrift- und Amtssprache.

Das Eingangsbeispiel ist ein Text auf Sursilvan, das im Unterrheintal gesprochen wird. Übersetzt bedeutet er:

„Wir geben euch Flügel und nehmen euch mit in die Luft, aus der verwirrenden, kaum realen Welt, voller schönerer Farben. Es gibt so viele klare Wege in dieser aus zahlreichen Fabeln bestehende, abstruse Welt.“

Geschrieben wurde er für das Lied Siemis (Träume) von den Liricas Analas, einer Hiphop-Crew aus dem Graubünden.

Die Liricas Analas singen und rappen ausschließlich in ihrer Muttersprache Rätoromanisch. Im Hiphop, wo traditionellerweise Sprach-Spiele, Reimen und Texten eine zentrale Rolle spielen, ist dies nur logisch. So gibt es im Graubünden nicht wenige rätoromanische Rapper. Snook aus Scuol im Unterengadin zum Beispiel, der die Bedeutung der Muttersprache in seinem Lied Lingua materna thematisiert und zusammen mit seinen Freunden gleich ganz viele unterschiedliche Sprachen zelebriert:

 

In Form von Opern, Chorwerken und Liedern spielt das Rätoromanische auch in der klassischen Musik eine wichtige Rolle. Die allererste abendfüllende rätoromanische Oper – und damit einen wichtigen Beitrag zur rätoromanischen Identitätsstiftung – hat der Komponist Gion Antoni Derungs (1935-2012) mit Il cerchel magic 1984 geschaffen. Bereits in 10 Tagen feiert an der Jungen Oper Stuttgart eine andere Oper von Derungs ihre Deutsche Erstaufführung: Benjamin aus dem Jahre 2006 hat ebenfalls den größten Textanteil auf Rätoromanisch. Dazu kommen italienische und lateinische Gesangstexte sowie deutsche Sprechtexte. Aufgrund dieser Opern und vieler anderer Kompositionen gilt Derungs als einer der wichtigsten rätoromanischen Komponisten. Besonders bekannt ist er in der Schweiz für seine vielen Chorwerke, die er für Profis und Laien, Kinder und Erwachsene komponierte. Zum Beispiel das wunderschöne Sut SteilasUnter Sternen (1959):

Der volksliedhafte Ton von Sut Steilas ruft in Erinnerung, dass Lieder für die Rätoromanen ein wichtiges Ausdrucksmittel sind und waren. Das Rätoromanische war von Anfang an keine akademische Sprache, sondern eine Alltagssprache, eine Sprache der Emotionen, was sich in den vielen Volksliedern bemerkbar macht. Auch für Benjamin ließ sich Gion Antoni Derungs von Volksliedern inspirieren, unter anderem von „Donna, donna, ve a chà“, welches man – wenn man die Oper gehört hat – im Hörbespiel dieses Artikels sofort wiedererkennen dürfte:

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/pop-und-jazz/Raetoromanische-Gassenhauer/story/10316674

Auf das breite Volksliedgut beziehen sich nicht nur klassische Komponist*innen, sondern auch viele Liedermacher*innen, wie die im Artikel bereits erwähnte Corin Curschellas, die man hier in ihrer eigenen Version des Volksliedes „Donna, donna, ve a chà“ hören kann:

Aus der Tradition des rätoromanischen Songwritings entwickelte sich schließlich eine junge Generation von vielseitigen jungen Musiker*innen, die ebenso selbstverständlich in ihrer Muttersprache Rätoromanisch singen wie in Englisch. Zum Beispiel Pascal Gamboni aus Sedrun:

Fun Fact zum Schluss: Ein einziges Mal war die Schweiz sogar mit einem rätoromanischen Lied beim Eurovision Song Contest vertreten. Die Gruppe Furbaz landete mit ihrem Beitrag „Viver senza tei“ immerhin auf Platz 13 (Achtung: Die Frisur sieht so Eighties aus, wie die Musik klingt):

 


BENJAMIN

Oper für alle ab 14 Jahren

von Gion Antoni Derungs
Text von Giovanni Netzer

Deutsche Erstaufführung: 23. Juni 2017
Musikalische Leitung: Jan Croonenbroeck, Regie: Neco Çelik, Bühne: Stephan von Wedel, Kostüm: Valentin Köhler, Choreinstudierung: Benjamin Hartmann, Dramaturgie: Johanna Danhauser

Mit: Ibrahima Biaye, Minyoung Catharina HägerThomas Herberich, Daniel Keating-Roberts, Konstantin Krimmel, Myriam Mayer, Philipp Nicklaus, Marc-Eric Schmidt, Lena Sutor-Wernich, Projektchor der Jungen Oper

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