Puritaner//Blick aufs Detail 4

Mit der Bibel in der Hand

In vielen Opernproduktionen wird auf Details Wert gelegt, die vom Zuschauer mal bewusst, mal unbewusst wahrgenommen werden. Bei der Inszenierung von Die Puritaner verstecken sich ebenfalls einige kleine Elemente auf der Bühne. Vielleicht entdecken Sie das ein oder andere Detail während der Vorstellung. Heute diskutieren Chefdramaturg und Regisseur Sergio Morabito und Chorsänger Johannes Petz über die Bedeutung der Puritaner-Bibel.

Johannes Petz: Die Bibel in der Hand des Chores ist an ein Bild von John Pettie angelehnt, das einen Puritaner abbildet. Er hält sich mit der gleichen, finsteren Miene, wie wir sie auf der Bühne zeigen, an seinem Buch fest. Man hat das Gefühl, er könnte das Buch als Waffe sofort gegen jeden Andersdenkenden richten.

John_Pettie_1839-1893_Puritan_Roundhead
John Pettie (1839-1893): Puritan Roundhead

Sergio Morabito: Unsere „Puritaner“ sind ja keine historisch echten – zumal es im England des 17. Jahrhunderts ja auch ganz unterschiedliche reformatorische Strömungen und Sekten gab, die man unter dem Sammelbegriff „Puritaner“ zusammenfasste. Wie alle „evangelischen“ Religionen riefen sie aber zu einer Rückbesinnung auf das „Evangelium“, die „Heilige Schrift“ auf: die sollte letzte Instanz in Glaubensdingen sein, und nicht mehr die kirchlichen, d.h. katholischen Traditionen und Hierarchien. Eigentlich ja ein freiheitlicher, emanzipatorischer Gedanke! Aber das Problem, das bei allen drei monotheistischen Buchreligionen auftritt, bei Juden, Christen und Muslimen, zeigte sich auch bei den Puritanern: Das Recht zu einer eigenen Neu-Interpretation der Bibel führte nicht zu einer größeren Toleranz, sondern im Gegenteil, es wurde ein ganz bestimmtes Verständnis festgeschrieben, und damit der Begriff der „Interpretation“ im Umgang mit dem „heiligen Texte“ überhaupt negiert: das ist das, was wir als Fundamentalistischen Buchstabenglauben bezeichnen, wie es das zum Beispiel auch bei den sogenannten „Bibeltreuen Christen“ gibt. Man leugnet, dass gerade ein so komplexer, reicher Text wie der der Bibel niemals in eine gusseiserne Eindeutigkeit zu zwingen ist – die Folgen einer solchen Haltung sind, wie wir heute überall auf der Welt erleben könne, schrecklich und lebensfeindlich. Wir Theaterleute kennen übrigens diese Haltung von den Befürwortern sogenannter „werkteuer Inszenierungen“ – auch hier wird angenommen, ein „heiliger“ klassischer Text gebe ganz klare Anweisungen, wie er auf der Bühne zu realisieren sei – was eine naive, letztlich destruktive, lebens- und kunstfeindliche Fiktion ist ….

In seinen radikalen Ausprägungen hat der Puritanismus Theater-, Musik- und Tanzverbote ausgesprochen. In „Bilderstürmen“ wurden Kunstwerke und Musikinstrumente zerstört (auch Orgeln in Kirchen zertrümmert), da alles Sinnliche als „Sünde“ ausgemerzt werden musste. Man hat also die Bibel gebraucht, um das eigene Aggressions- und Machtstreben, die eigene Intoleranz als „gottgewollt“ erscheinen zu lassen.

Johannes Petz: Die Bibel als Waffe in der Hand des Puritaners macht ihn stärker. Er hat gerade noch in seiner Bibel gelesen, als er von seiner Umwelt unterbrochen wurde. Die Textstelle ist ihm aber so wichtig, dass er sie stets mit dem Finger einmerken muss und das Buch nicht aus der Hand legen kann. Sein Aggressionsimpetus wird genau durch diesen Inhalt genährt. Er muss nicht zu einer Axt greifen, wie es Riccardo tut, sondern hat als seine schrecklichste Waffe seine Bibel.

Sergio Morabito: Unsere puritanischen Glaubenskämpfer schwingen „das Buch“ auch immer wieder, wenn sie zu den Waffen rufen.

In unserer Inszenierung ist das Buch eine Metapher für ALLE Fundamentalismen der monotheistischen Buchreligionen!

Hier entdecken Sie die anderen Details aus Die Puritaner.


Die Puritaner

I Puritani

von Vincenzo Bellini
in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Musikalische Leitung: Manlio Benzi, Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Reinhard Traub, Chor: Johannes Knecht

Lord Valton: Roland Bracht, Sir Giorgio: Adam Palka, Lord Arturo: Edgardo Rocha, Francisco Brito, Sir Riccardo: Gezim Myshketa, Sir Bruno: Heinz Göhrig, Enrichetta von Frankreich: Diana Haller, Elvira: Mirella Bunoaica, Mit: Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s