Hinter den Kulissen // revival 3

Ein Blick in die Repertoire-Schatzkiste des (Hof)theaters Stuttgart

von Isabel Hahn

Neben den fünf Neuproduktionen der laufenden Spielzeit stehen je acht Wiederaufnahmen und acht Produktionen aus dem Repertoire auf dem Programm. Was geschieht im Opernhaus, wenn ein Werk wiederaufgenommen wird? Das Bühnenbild, die Kostüme, das Regiekonzept und natürlich die Musik einer bereits bestehenden Inszenierung werden übernommen – das klingt im ersten Augenblick im Vergleich zu einer Neuinszenierung unspektakulär, doch die Konservierung und Neubelebung von Inhalt und Material ist eine Herausforderung für alle Beteiligten.

König Friedrich I. wurde von der Furcht vor einem gar zu großen Publikum und dessen „Denkungs- und Handlungsart“[1] geplagt, sodass 1805 zusätzlich zur Zensur der Presse eine Theaterzensur in Stuttgart eingeführt wurde. So war der damalige Hoftheaterintendant Karl von Waechter zwar befugt das sogenannte „Repertorium“[2] des Theaters nach seinem Geschmack zu gestalten, jedoch wurden alle – selbst bereits einstudierte Stücke –  zunächst vom Bücherfiscal Hofrath Lehr begutachtet. Der König selbst verschaffte sich dann als Besucher der Premiere einen Eindruck und protestierte danach lautstark in Form eigens verfasster Kritiken oder gar disziplinarischer Untersuchungen, wenn das Stück oder die Inszenierung seiner Einschätzung nach lächerlich, unsittlich oder anzüglich war.

Heutzutage wird das Programm einer Spielzeit zwei Jahre im Voraus festgelegt. Eine derartig exakte und haltbare Planung war zur damaligen Zeit scheinbar undenkbar: Die recht kurzfristig vor den Aufführungen gedruckten Theaterzettel des Jahres 1815 bezeugen – vergleicht man sie mit den Repertorien-Listen der Ludwigsburger Akten –, dass von 13 geplanten Opern letztlich nur fünf zur Aufführung gebracht werden konnten.[3]

Eine kleine Repertoiregeschichte

Die Beschäftigung mit dem Phänomen der Wiederaufnahme wirft die Frage auf: Was kann überhaupt wiederaufgenommen werden? Mit einem „Operngugger“ werfe ich einen Blick auf den Spielplan des Hoftheaters Stuttgart im frühen 19. Jahrhundert. Was hat sich bis heute an der Oper Stuttgart erhalten?

Ach, Mozart, Mozart …! Schon damals begeisterte sich das Publikum für La clemenza di Tito, Le nozze di Figaro, Don Giovanni und Die Zauberflöte; nur Idomeneo und Così fan tutte fassten zunächst nicht richtig Fuß im bleibenden Repertoire, sind sie doch heute ein fester Bestandteil. Zu den Publikumslieblingen gehörten in dieser Zeit auch der italienische Komponist Ferdinando Paër (1771-1839), dessen Opern sich im Stil der opera semiseria  heute ebenso wenig wie die Wiener Singspiele Joseph Weigls (1766-1846) oder die Pariser opere comique von Étienne-Nicolas Méhul (1763-1817) in der Stuttgarter Repertoire-Truhe finden lassen. Es fällt auf, dass es sich hierbei um zeitgenössische Werke handelt, die einige Jahre lang in Mode waren, deren Aufführungsfrequenz dann aber rasant abnahm. Zum Lieblingsstück der Stuttgarter der 1820er Jahre entpuppte sich die heroisch-komische Oper Das Unterbrochene Opferfest von Peter von Winter, einem Mannheimer Komponisten. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken genoss es 24 Aufführungen; heute undenkbar erscheint die Tatsache, dass damals ab und an einige Werke bloß ein einziges Mal aufgeführt wurden und dadurch unversehens in Vergessenheit gerieten.

Ebenso wie Mozart nahm schon vor 200 Jahren Gioacchino Rossini eine Sonderstellung auf dem Spielplan ein, und das obwohl er noch lebte, als ganz Europa das „Rossini-Fieber“[4] packte, das unter der Leitung Johann Nepomuk Hummels (1816-1818) auch in Stuttgart zu einer plötzlichen Begeisterung für seine Werke führte; an seinen Opern wie Der Barbier von Sevilla erfreut sich noch heute das Publikum, in Stuttgart zuletzt im Jahr 2016. Das Repertoire des Hoftheaters wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts vornehmlich aus dem Topf dreier Sprachen und vielerlei Stile geschöpft: Das deutsche Singspiel stellte zunächst den größten Anteil, ließ sich jedoch Ende der 1820er Jahre in der Anzahl ihrer Aufführungen von der italienischer Oper überholen. Neben der (ernsten) opera seria, verlangte das Publikum nach leichter, rührseliger Kost, also lieber einer (ernst-heiteren) opera semiseria oder (komischen) opera buffa. So wie der Konsum italienischer Werke in Stuttgart zunahm, reduzierten sich die Aufführungen der Pariser opéras comiques und der drames lyriques, in Komponistengestalt ihrer Vertreter Nicolas-Marie Dalayrac, Etienne Nicholas Mehúl und Luigi Cherubini.

Das Hoftheater Stuttgart musste, um nicht zuletzt seinen finanziellen Erfolg zu sichern, auf die Vorlieben des vornehmlich nach Unterhaltung lechzenden Publikums eingehen. Dies war dem Umstand geschuldet, dass die ganze Bandbreite des damaligen Repertoires nicht wie in anderen Residenzstädten auf mehrere Bühnen verteilt werden konnte. Das Hoftheater war in Stuttgart als einziges Theater auf sich alleine gestellt, musste also einerseits alltägliche „leichte Muse“ spielen, gleichzeitig aber auch Stücke für die Feierlichkeiten des Hofes bereithalten. Dieser Spagat machte es unmöglich sich ausschließlich den künstlerisch anspruchsvolleren Gattungen zu widmen, sodass auch die mit bekannten Melodien und Lokalkolorit durchzogenen Pariser Vaudevilles und die volkstümlichen Wiener Quodlibets in das Programm mit einflossen.

Sogar die Theaterzettel zu den Aufführungen griffen hier und da den satirischen Gehalt derlei Stücke auf, parodierten gar den normalen Opernbetrieb des eigenen Hauses. Der Zettel zur Premiere am 6. Februar 1815 von

Rodrich und Kunigunde, oder: Der Eremit vom Berge Prazzo, oder: Die Windmühle auf der Westseite, oder: Die lange verfolgte und zuletzt doch triumphierende Unschuld

verspottet mit dieser Titelwahl die beliebte Sitte, den Operntitel mit einem in seinem Nutzen zumeist fraglichen Untertitel zu versehen. Die Krone des Schabernacks wird dem ganzen durch die darauf folgende Gattungsangabe aufgesetzt:

ein dramatischer Galimathias als Parodie aller Rettungsstücke und aller gewöhnlichen Theater-Coups mit verschiedenen Dekorationen geziert, mit Gefechten und Evolutionen ausgestattet, durch einen Tirannen und mehrere Räuber schauerlich, durch eine heimliche Ehe interessant gemacht, und zuletzt durch eine Feuersbrunst erwärmt, in zwei akten von Castelli; Musik von Mozart, Cherubini und andern.[5]

Theaterzettel 1815

Einige Orchestermusiker, Sänger und Hofkapellmeister des Hoftheaters versuchten sich auch als Opernkomponisten. Als herausragendes Beispiel sei der Lokalkomponist, Konzertmeister und Chordirektor Wilhelm Sutor genannt und seine Oper Apollo’s Wettgesang, die 24 Aufführungen verbuchen konnte. Die Tradition des hausinternen Komponierens scheint sich im Laufe der vergangenen 200 Jahre nahezu aufgelöst zu haben, denn zwar gibt das Theater heute noch Werke in Auftrag, doch zuletzt an Komponisten wie den Pariser Mark Andre mit wunderzaichen, außerdem an den Briten Richard Ayres mit Peter Pan. Eine Ausnahme bildet Hans Thomalla, dessen erste Oper Fremd im Juli 2011 am Staatstheater uraufgeführt wurde – als ehemaliger Dramaturgieassistent brachte er sozusagen aus dem Theaterinnern ein Werk hervor.

Auch heute wird jede Spielzeit vom Geschmack des Stuttgarter Publikums geprüft. Einmal Erfolgsstück, heißt nicht immer Erfolgsstück – das gilt auch für die Inszenierungen. Aus welchem Kanon schöpft also das Staatstheater im Jahr 2017, und wie wird entschieden, was gespielt wird? Ersteres können Sie selbst erleben, in den laufenden oder bevorstehenden …


Neuinszenierungen: Ariodante, Der Tod in Venedig, Pique Dame

Wiederaufnahmen: Figaros Hochzeit, Der Schaum der Tage

Repertoire-Produktionen: Nabucco, Così fan tutte, Salome, Die Puritaner, Tosca


… dieser Spielzeit, letzteres verrät uns die Chefdisponentin des Hauses, Halina Ploetz. Sie gewährt uns einen Einblick in ihre Gedankenspiele, die sie jährlich gemeinsam mit dem Leitungsteam der Oper Stuttgart anstellt, um schließlich einen Spielplan zu präsentieren, der traditionsträchtig sein soll, ohne jedoch die uns umgebende Gegenwart und ihre musiktheatralischen Ergüsse außer Acht zu lassen.

Ein Tipp für alle, die an der schwäbischen Operngeschichte interessiert sind: Die Theaterzettel des Stuttgarter Hoftheaters zur Ankündigung der Aufführungen sind von 1807 bis 1918 nahezu komplett in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart erhalten; ebenso beherbergt das Staatstheaterarchiv Theaterzettel und Rückblicke der Uraufführungen, Erstaufführungen und Neuinszenierungen seit 1912.[6] Darüber hinaus warten die Jahrbücher darauf gewälzt zu werden …


[1] Nägele, Reiner: Hier ist kein Platz für einen Künstler. Das Stuttgarter Hoftheater 1797-1816. In: Musik und Musiker am Stuttgarter Hoftheater (1750-1918). Quellen und Studien. Hrsg. von Reiner Nägele, Stuttgart: Württembergische Landesbibliothek 2000, S. 115.

[2] Ebd., S. 116.

[3] Ebd., S. 157.

[4] Schick, Samuel: Das Opernrepertoire des Stuttgarter Hoftheaters (1807-1818). In: Musik und Musiker am Stuttgarter Hoftheater (1750-1918) Quellen und Studien. Hrsg. von Reiner Nägele, Stuttgart: Württembergische Landesbibliothek 2000, S. 163.

[5] Ebd., S. 166.

[6] Becker, Ute: Die Oper in Stuttgart. 75 Jahre Littmann-Bau. Hrsg. von Staatstheater Stuttgart. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1987, S. 291.


Fotoquelle: Nägele, Reiner: Hier ist kein Platz für Künstler. Das Stuttgarter Hoftheater 1797-1816. In: Musik und Musiker am Stuttgarter Hoftheater (1750-1918). Quellen und Studien. Hrsg. von Reiner Nägele. Stuttgart: Würrtembergische Landesbibliothek 2000, S. 128. / Bildbearbeitung: Isabel Hahn

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