Sinfoniekonzert // Zerrissener Wanderer

Sprechen in der ersten Person

Im Gespräch mit Victor Kissine

Herr Kissine, Ihr Violinkonzert eröffnet mit dem ganz unbegleiteten Spiel der Solo-Geige. Ich vermute, dies war eine zentrale Idee für Sie. Welche poetische Idee verknüpfen Sie mit diesem Beginn? Die Idee eines Individuums, das sich zeigt und eine Landschaft, eine Klanglandschaft betritt?
Ja, ganz sicher. Mir war wichtig, den musikalischen Diskurs in diesem Konzert direkt an die erste Person zu binden und von ihr ausgehen zu lassen. Und zwar in der Art eines Rezitativs, von dem die erzählerische Form dieses Konzerts ihren Ausgang nimmt. Ich suchte nach einer musikalischen Form, bei der das Rezitativ nicht an irgendeiner Stelle zwischen einzelnen Episoden vorkommt, sondern im Gegenteil das Hauptthema darstellt.

Dieses Hauptthema ist ja nicht nur ungemein formvollendet konstruiert, sondern auch in höchstem Maße charakteristisch: In seinen gedehnten Tönen liegt etwas sehr Ausdrucksstarkes, Sehnsuchtsvolles, in den akzentuierten Tönen hingegen etwas Vitales, auch Zentrifugales. Was war für Sie selbst wichtig, als Sie dieses Thema komponierten?
Ich muss gestehen, dass mir Ihre Beschreibung des Charakters dieser ersten Phrase sehr gut gefällt. Für mich ist sie in gewisser Weise eine Keimzelle, in der die gesamte Materie des Konzerts enthalten ist. Ich vermeide also eher, hier von »Thema« zu sprechen. Wie Sie gesehen haben, sind die ersten 15 Takte symmetrisch angelegt und kreisen um die Töne, die das Monogramm von Gidon Kremer bilden, also G-D, E-E, aber auch C, wenn wir für diesen Ton die lateinische Solmisation »do« heranziehen.

Hat die »erzählerische« Form dieses Konzerts auch mit der spezifischen Kunst, dem »sprechenden« Spiel von Gidon Kremer zu tun?
Zumindest war die Idee einer erzählerischen Form, die von einem Rezitativ ihren Ausgang nimmt, von Anfang an da. Sie kam spontan, und es ist schwierig für mich, hierfür Erklärungen zu finden. Aber Sie sagen es: Diese Idee ist ohne Zweifel inspiriert von der Freundschaft, die mich mit Gidon Kremer verbindet.

Wie würden Sie – mit Blick auf das Werk im Ganzen – die Rollen von Solo-Geige und Orchester beschreiben? Ich habe den Eindruck eines Gegenübers, wobei die Solo-Geige im Verlauf des Konzerts versucht, die Gegensätze zu überwinden.
Ich stimme Ihrem Eindruck voll und ganz zu. Die »antagonistische« Rolle des Orchesters erscheint zwar voll und ganz erst gegen Ende des Konzerts, doch versuchte ich durch die sich immer wiederholenden Blöcke in der Art eines Orchester-Refrains diese Wirkung vorzubereiten. Ein solcher Refrain erscheint erstmals bereits in Takt 30.

Gegen Ende des Konzerts höre ich die pure Transzendenz – und, in den Rufen der Oboe, die Natur, die miteinstimmt. Magische Momente, die – bewusst oder unbewusst? – die Aura des zentralen Adagio-Satzes aus Béla Bartóks drittem Klavierkonzert evozieren …
Ich bin sehr berührt von Ihrem Ausdruck »Transzendenz«, denn es ist exakt das, was ich beim Komponieren fühlte. Ich muss gestehen, dass ich nicht an Bartóks Konzert dachte, aber ich bin glücklich, dass sich für Sie sein Licht über diesen Moment legt.

Noch einmal zurück zu Gidon Kremer. Sie sind seit vielen Jahren freundschaftlich mit ihm verbunden, haben zahlreiche Werke für ihn und seine »Kremerata Baltica« komponiert. Würden Sie einige dieser Werke hervorheben wollen?
Unsere Freundschaft entstand im Zusammenhang unserer Arbeit an Franz Schuberts G-Dur-Streichquartett op. 161, das ich 2001 für die »Kremerata Baltica« und Solisten orchestrierte. Seitdem sind viele weitere Projekte hinzugekommen. Zum Beispiel das etwas aquarellartige Konzert Barcarola, das ich für Gidon und die »Kremerata« 2007 komponierte oder das Klaviertrio Zerkalo aus dem Jahr 2009, jüngst Swan Time für Geige, Streichorchester und Schlagzeug, aber auch eine ganze Reihe klassischer Werke, denen ich ein neues Antlitz verlieh, zuletzt eine Orchesterfassung der C-Dur-Fantasie D 934 für Violine und Klavier von Franz Schubert. Und demnächst wird meine Kadenz für das Beethoven-Violinkonzert in einer Ausgabe erscheinen, die Gidon Kremer gewidmet ist.

Eine letzte Frage – sie ist im Rahmen unseres Konzertprogramms, das mit Tschaikowsky und Manfred, Kremer und Ihnen so zahlreiche Wanderer zwischen unterschiedlichen Welten, zwischen Ost und West vereint, unerlässlich: In welchem Verhältnis zu Ihrer Heimat sehen Sie sich und Ihre Musik? Und was meinen Sie: Welche »Sprache« spricht Ihre Musik?
Ich bin zweifellos ein Erbe der St. Petersburger Kultur, und es ist sicherlich bezeichnend, wenn Sylvain Cambreling in meinem Violinkonzert Spuren gefunden hat, die an Tschaikowsky denken lassen. Davon abgesehen aber hoffe ich, dass meine Musik eine universelle Sprache spricht!

Das Gespräch führte und übersetzte aus dem Französischen Rafael Rennicke


6. Sinfoniekonzert

Sylvain Cambreling dirigiert Tschaikowsky

VICTOR KISSINE
KONZERT FÜR VIOLINE UND ORCHESTER (2012)PETER TSCHAIKOWSKY
MANFRED. SINFONIE IN VIER BILDERN NACH DEM DRAMATISCHEN GEDICHT VON BYRON OP. 58 (1885)

 


Beitragsfoto (c) Paolo Pellegrin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s