Konzert +

Eigene Wege gehen

Ich bin an eine Grenze gestoßen, ich habe das Gefühl, keinen Bewegungsraum zu haben. Nicht mein persönlicher Beitrag wird vom Staat erwartet, sondern meine Anpassung – und zwar fraglos. Meine Möglichkeiten in diesem Land sind äußerst begrenzt. Ich soll darauf verzichten, eigene Wege zu gehen, meine Erfahrungen zu machen. Wie aber soll man dann, um mit Boris Pasternak zu sprechen, »Sieg und Niederlage unterscheiden« können? Wie kann man einen Begriff von eigenem Wert bekommen, wenn der Mensch,
der Künstler, vom Staat nur als Nummer behandelt wird? Wenn der Staat nach seinen Maßstäben, die nun einmal nicht die Maßstäbe der Kunst sind, dem Künstler seinen Rang zumisst?
Soll man sich mit alldem einverstanden erklären? Sich fügen? All das billigen? Und das im klaren Bewusstsein, nur ein Leben leben zu können? Niemals.
Der wahre Wert liegt nur in den eigenen Händen, in Händen, die suchen, überwinden, sich wollen, denen Interesse und Mitleid von Bedeutung sind.
Was machst du, wenn du mit deinem ganzen Herzen gehofft hast, dass deine Töne erhört werden, dir aber nur Steine in den Weg gelegt werden?
Der Weg des Künstlers ist Wagnis und führt in eine Terra incognita. Der Mittelweg – wie Schönberg sagte – ist der einzige, der nicht nach Rom führt. Mein Fazit ist schlicht : Ich bin nicht mehr einverstanden.
Ich plädiere für das Einzigartige. Und wenn es erlaubt ist : für die Musik.

Auszug aus einem Brief vom 2. Juli 1974 an seine Freunde, in dem Gidon Kremer seinen Entschluss begründet, aus der damaligen Sowjetunion fliehen zu wollen.


GIDON KREMER – HEIMAT MUSIK

13. Mai 2017, 18.00-19.30 Uhr im Kammertheater
Ein musikalisches Gespräch mit dem weltberühmten Geiger und bekennenden Kosmopoliten, der im 6. Sinfoniekonzert am 14. und 15. Mai 2017 gemeinsam mit Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling und dem Staatsorchester Stuttgart konzertieren wird.
In Konzert+ wollen wir in loser Folge und begleitend zu den Sinfonie-, Kammer- und Liedkonzerten Künstlerpersönlichkeiten, Komponisten oder musikalische Themen vertiefend vorstellen.
Der Eintritt ist frei. Kostenlose Eintrittskarten sind an der Theaterkasse erhältlich.

Beitragsbild (c) Angie Kremer Photography

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