Musik der Freiheit – Folge 6

ICH UND WELT

Tschaikowsky, Byron, Kissine, Kremer, Manfred: Migranten, Exilanten, Wanderer zwischen Ost und West vereint dieses Programm. Nicht-Sesshafte auf der Suche nach Harmonie, Freiheit, Vergessenkönnen und Erlösung. Ihr durch Schritt und Atem zusammengehaltenes inneres Schweifen kennt die steinigen Wege, die Umwege und die Abwege, die nur meistert, der auf sie gerät. »Man nennt mich oft den ›fliegenden Holländer ‹«, schreibt Gidon Kremer in seiner Autobiographie Zwischen Welten. »Auf diesem tragischen Menschen lastet der Fluch, nicht ankommen, nicht zu Hause sein zu können, so wie Lord Byrons Manfred nicht vergessen kann. Fliegen war mir nie ein wirkliches Bedürfnis, nur ist es im Laufe der Zeit ein Bestandteil meines Alltags geworden. Das Weggehen wurde immer selbstverständlicher, zugleich wichtiger fast noch als das Ankommen. Die Ankunft aber trägt schon den Keim künftiger Abschiede in sich – ein Teufelskreis, den ich immer noch zu durchbrechen hoffe.«

Dabei ist sich Gidon Kremer, der Ende der 1970er-Jahre seine »Ausbürgerung« durch die Moskauer Behörden erzwang und doch zu den geforderten Verhandlungen über seinen Sonderstatus stets in die gefürchtete »Höhle des Löwen« zurückgekehrt war, über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben wie kaum ein Techniker der Sesshaftigkeit. Das Violinkonzert seines Freundes Victor Kissine – auch er ein Emigrant aus der damaligen Sowjetunion, der im Westen Freiheit und eine neue Heimat suchte – kündet auf Schritt und Tritt von der so charaktervollen wie charakterfesten Kunst dieses Geigers : Von Beginn an tritt die Solo-Geige als Ich-Erzählerin auf, als feinnerviges Subjekt, das auf der Suche nach der inneren Stimme, dem eigenen Weg ist und dabei in einen so innigen wie zwiespältigen Dialog tritt mit der Welt, zu der es gehört.

Die poetische Figur des Manfred kann hier – bei aller Zerrissenheit, die sie kennzeichnet – ein väterlicher Weggefährte sein. In Peter Tschaikowskys Manfred-Sinfonie tritt der Titelheld gleichermaßen als Ich-Erzähler auf, als leidgeplagtes, verzweifeltes Individuum, dem die Welt, durch die es ziellos wandert, fremd geworden ist. Doch zeigt uns auch Tschaikowsky, dessen Klangsprache beständig zwischen russischer Heimat und westeuropäischem Exil oszilliert, inwiefern der Wanderer auch immer die Phantasie verkörpert, die Utopie, die stärkste Hoffnung auf Befreiung. Wenn am Ende seiner Sinfonie Orgelklänge von Manfreds Erlösung künden – und damit Byrons Vorlage weit übersteigen –, feiert auch die befreiende, erlösende Kraft der Musik ihren stillen Triumph.

»Oper ohne Grenzen« lautet das Spielzeit-Motto der Oper Stuttgart. Inspiriert von diesem Motto, präsentiert das Staatsorchester Stuttgart in dieser Spielzeit »Musik der Freiheit«. An dieser Stelle beleuchten wir in sieben Folgen jeweils eine Facette des Freiheitlichen, Grenzenlosen oder Grenzüberschreitenden der Musik unserer Sinfoniekonzert-Programme.

Bisher erschienen »Ordnung und Offenbarung« ( Folge 1 ), »Natur und Imagination« ( Folge 2 ), »Gewalt und Schönheit« ( Folge 3 ), »Etiekettierung und Individuealität« ( Folge 4 ) sowie »Schein und Sein« ( Folge 5 ).


grosse_literatur
Große Literatur – Große Musik


6. Sinfoniekonzert

Sylvain Cambreling dirigiert Tschaikowsky

VICTOR KISSINE
KONZERT FÜR VIOLINE UND ORCHESTER (2012)

PETER TSCHAIKOWSKY
MANFRED. SINFONIE IN VIER BILDERN NACH DEM DRAMATISCHEN GEDICHT VON BYRON OP. 58 (1885)

 



Das Beitragsmotiv gestaltete die englische Künstlerin Emma McNally. Zwei weitere Werke aus ihrer Serie finden Sie auf den Umschlagsinnenseiten der Lied- und Kammerkonzertprogrammhefte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s