Chor // Tommaso Hahn

Neun Mal wurde der Staatsopernchor schon zum „Opernchor des Jahres“ gekürt. Das Bühnenkollektiv besteht aus insgesamt 75 professionellen Sänger/Innen, die aufgrund des abwechslungsreichen Repertoirespielplans über eine enorme stilistische Bandbreite verfügen müssen. Mit großer Spielfreude erarbeiten die Damen und Herren des Stuttgarter Opernchores Inszenierungen und sind innerhalb einer Woche durchaus auch mal in drei Opernproduktionen mit ganz unterschiedlichen Regiehandschriften zu erleben. Neben der Bühne ist der Chorsaal, in dem die musikalischen Proben stattfinden der wichtigste Raum für den Staatsopernchor. Hier hat jede/r seinen festen Sitzplatz und so bekommt das Pult, an dem die Künstler/innen meist über Jahre arbeiten, im Laufe der Zeit eine sehr persönliche Note. Davon ausgehend porträtiert diese Beitragsserie die SängerInnen einmal ganz individuell, die mit ihren vielen Gesichtern die beeindruckende und facettenreiche Gruppe ausmachen.

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Tommaso Hahn als Theseus in Benjamin Brittens „A Midsummernight’s Dream“

Wie kamen Sie zum Musiktheater, Herr Hahn?

Als Jugendlicher habe ich meine Liebe zum Theater entdeckt – ich hatte ein Schülerabo für das Mannheimer Nationaltheater und bin bis heute ein leidenschaftlicher Zuschauer. Mein Gesangsstudium an der Mannheimer Opernschule ist schwerpunktmäßig auf den Solo-Gesang ausgerichtet gewesen, doch bei diversen Projekten und auch Gastauftritten am NTM, wurde mir bewusst, dass ich meinen Traum von der Solokarriere nicht realisieren konnte. Außerdem wurde mir bewusst, dass ich nicht das Nervenkostüm habe, um mich diesem Stress auszusetzen. Im Chor aufzutreten ist eben doch geschützter.

Wie lange sind Sie schon in Stuttgart?

In diesem Jahr feiere ich mein 25- jähriges Bühnenjubiläum in Stuttgart. Als ich 1993 für das Festengagement im Staatsopernchor vorgesungen habe, bekam ich zur Antwort: „Können Sie morgen anfangen?“. Da ich meinen Abschluss in Mannheim noch nicht ganz in der Tasche hatte, musste ich aber noch um einen Moment Geduld bitten, bis ich dann zwei Monate später tatsächlich einsteigen konnte. Als Kurpfälzer fiel mir das Eingewöhnen in Schwaben erst einmal nicht so einfach, es ist eben eine sehr eigenartige Mentalität hier. Aber so ein großes internationales Kollegium, wie man es als Sänger im Stuttgarter Staatsopernchor um sich hat ist, lässt erstmal keine Einsamkeit aufkommen. Außerhalb meiner Tätigkeit in Stuttgart habe ich auch in Chören anderer großer Opernhäuser, zum Beispiel in München oder Mannheim, gastiert. Allerdings hat mich diese Erfahrung auch gelehrt, mit welch‘ hervorragender Qualität wir Stuttgarter Oper machen.

Was macht das Singen im Kollektiv besonders?

Da man sich selbst in der Menge schlecht hören kann, muss man lernen auf seine Gesangstechnik und das Körpergefühl zu vertrauen. Es ist ja wichtig einen stimmigen Gesamtklang zu schaffen und man sollte nicht „rausknallen“. Es ist dann natürlich eine Umstellung, wenn man mal wieder als Solist singt. Beispielsweise werde ich bei der Produktion Tod in Venedig als Chorsolist den „Boatman“ singen. Außerdem wird uns von Seiten der Chordirektion auch die Möglichkeit gegeben hin- und wieder als Konzertsolist aufzutreten. Gerade um die Feiertage ist es für viele von uns üblich, sich im Rahmen von Passionen, Oratorien oder Messen solistisch zu präsentieren. Diese Abwechslung halte ich für nötig, um die Stimme zu pflegen, sich zu kontrollieren und sich stimmlich weiterzuentwickeln.

Der größte Wert, den für mich das Singen im Chor ausmacht, ist natürlich die Gemeinschaft, die über viele Jahre hinweg reift. Eine weitere Besonderheit ist, dass im Staatsopernchor 19 verschiedene Nationalitäten vertreten sind. Die Begegnung mit Kollegen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Kultur bietet einen spannenden Austausch und bereichert den Alltag. Praktisch ist, dass dadurch auch das Wissen verschiedenster Sprachen im Chor vorhanden ist. Meist kann ein muttersprachlicher Kollege als Sprachcoach für die vielen fremdsprachigen Opern, die wir erlernen fungieren. Für die russischen Opern Eugen Onegin und Pique Dame, die wir in dieser Spielzeit aufführen, haben wir viele Experten polnischen, rumänischen, bulgarischen und russischen Hintergrunds.

Welche Produktion macht Ihnen am meisten Spaß?

Das ist eine schwierige Frage. Wir treten ja in so unterschiedlichen Regiearbeiten auf und singen uns – im Gegensatz zu vielen Solisten, die sich auf ein bestimmtes Fach spezialisieren – quer durch die Operngeschichte. So kann es passieren das wir bei einer musikalischen Probe im Chorsaal drei verschiedene Stile ─ von Barockmusik über italienisches Belcanto bis hin zur Neuen Musik ─ üben. Das ist auch eine enorme Herausforderung für den Chorleiter, den Schalter auf die unterschiedlichen Klangwelten umzulegen.

In der letzten Zeit hat mir vor allem die Arbeit am Faust großen Spaß gemacht. Ich liebe die französische Oper, und in der Kombination mit Frank Castorfs Regiekonzept gefällt mir das Endergebnis sehr gut. Die Zusammenarbeit mit jedem Regisseur ist anders, manche arbeiten sehr persönlich und detailliert mit dem Chor, andere vermitteln ihre Wünsche über den Chorleiter oder die Regieassistenten. Für mich sind die szenischen Proben für eine Neuproduktion sehr wichtig. Ich will mitbekommen, was die Ideen des Regisseurs sind, warum er uns so inszeniert. Eine meine Lieblingsinszenierungen ist Parsifal von Calixto Bieito, weil es großen szenischen und emotionalen Einsatz fordert. Ich war in der Probenzeit dabei und habe die Zusammenarbeit mit Bieito als sehr spannend erlebt. Nach den Vorstellungen bin ich immer total ausgepowert, aber auch erfüllt. Einmal habe ich in meinem persönlichen Einsatz für die Szene eine innere Grenze überschritten und nach dem Abgang von der Bühne einen Weinanfall bekommen. Man muss im Theater aufpassen, dass man im Spiel nicht die Kontrolle verliert, auch wenn dieser Drahtseilakt enorm spannend ist. Bei seiner Regiearbeit zum Fliegenden Holländer an unserem Haus, konnte ich leider krankheitsbedingt nicht die ganze Probenzeit miterleben und fühle mich der Produktion daher ein wenig ferner.

Welche Aktivitäten beleben Sie außerhalb der Bühne?

Ich habe viele Interessensgebiete außerhalb des Theaters: Politik und Geschichte zum Beispiel. Auch der regelmäßige Sport gehört dazu, um körperlich fit für die Bühne zu bleiben. Besonders wichtig sind mir aber meine Freundschaften und der Bekanntenkreis außerhalb des Theaters ─ auch wenn die besonderen Arbeitszeiten die Partnerwahl erschweren und auch Einladungen zum Abendessen oder Partys am Wochenende nur eine Seltenheit sein können.

Das Interview führte Johanna Danhauser


Tommaso Hahn zum Beitragsfoto:

„Weil so viele Produktionen gleichzeitig gespielt und geprobt werden, markiere ich in den Plänen immer genau was wann stattfindet. Während viele Kollegen ihre Noten im Chorsaal lassen, nehme ich die Literatur immer mit nach Hause, falls ich schnell mal was nachsehen will. Für die musikalischen Proben brauche ich den obligatorischen Bleistift und eine Kanne mit grünem Tee, der tut meiner Stimme gut. Auch einen Fächer habe ich auf dem Pult deponiert, denn im Chorsaal wird es trotz Klimaanlage sehr heiß und trockene Luft ist dem Singen nicht gerade zuträglich.“

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