Mesmersche Magnetkur

von Johanna Danhauser


ALFONSO
Da kommt der Medikus schon anmarschieret.

FERRANDO UND GUGLIELMO
für sich

Das ist Despina gar, als Arzt maskieret.

DESPINA
Salvete amabiles,
Bones puelles!

FIORDILIGI UND DORABELLA
Herr Doktor, reden Sie,
Dass wir’s verstehen!

DESPINA
Ganz wohl, befehlen Sie,
Wie soll’s geschehen?
Sowohl im Griechischen,
Als im Arabischen
Und im Vandalischen
Bin ich zu Haus.

ALFONSO
Mit fremden Sprachen
Lasst uns zufrieden!
Hier, untersuchen Sie
Unsre Patienten.
Sie haben Gift im Leib,
Was raten Sie?

FIORDILIGI UND DORABELLA
Ach ja, Herr Doktor,
Was raten Sie?

DESPINA
fühlt beiden Puls und Stirne
Sagt pro secundo erst
Die Rationes,
Sodann pro primo mir
Die Portiones.
Ob trocknes, ob flüssiges,
Ob wenig, ob vieles,
Ob schnell sie’s nahmen,
Darauf kommt’s an!

FIORDILIGI, DORABELLA, ALFONSO
Es war Arsenikum,
Was sie getrunken;
Und kraftlos sind sie hier
Tot hingesunken;
Ach, nur die Liebe
Schafft solche Pein.

DESPINA
Die Kur ist Kleinigkeit
Für meinesgleichen,
Hier soll in Bälde
Das Übel weichen;
Hier eine Probe
Von meiner Macht.

Zieht einen Magnetstein hervor.

FIORDILIGI, DORABELLA, ALFONSO
Wie, durch ein Eisen
Will er kurieren?

DESPINA
Hier, ein Magnetstein,
Den ich empfangen
Aus Doktor Mesmers Hand,
Der rings im deutschen Land
Tote kurierte,
Und dessen Nam‘ sogar
In England strahlt!

Bestreicht Köpfe und Körper der Kranken mit dem Magnete.

FIORDILIGI, DORABELLA, ALFONSO
O seht, sie regen sich,
Winden sich fürchterlich,
Wie sie der Schmerz verzehrt,
Es ist erbarmenswert!

DESPINA
Wer hält den Armen den Kopf empor?

FIORDILIGI UND DORABELLA
legen den Männern die Hand auf die Stirn
Ach ja, mit Freuden
Soll es geschehen.

DESPINA
Nur brav gehalten!
Recht so, recht so!
Nur mutig!
Bald sind sie nun
Wieder lebendig!

FIORDILIGI, DORABELLA, ALFONSO
Ja, sie erholen sich,
Ach seht, sie regen sich!
O, so ein Doktorchen
Ist Goldes wert.

Cosi fan tutte, 17. Auftritt

 

L0014796 Mesmeric therapy. Oil painting, 1778/1784
Mesmersche Gruppentherapie für französische Patienten, 1778/1784.

Als Mozart die okkulte Heilpraxis des Wiener Arztes Franz Anton Mesmer (1734-1815) in seinem dramma giocoso Cosi fan tutte durch den Kakao* zog, war dessen medizinsche Glaubwürdigkeit eben von der medizinischen Fakultät der hiesigen Universität aberkannt worden.

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Porträt von Friedrich Anton Mesmer, 1734-1815. Von links mit verschränkten Armen. Holzstich.

Der selbsternannte „Magnetiseur“ stammte aus niederen Verhältnissen und hatte sich als Schüler des kaiserlichen Hofarztes Eingang in die feine Wiener Gesellschaft verschafft. Seine Methode, die er in seiner Schrift Mesmerismus oder System der Wechselwirkung. Theorie und Anwendung des thierischen Magnetismus als die allgemeine Heilkunde zur Erhaltung der Menschen manifestierte, erfreute sich zunächst in der Salongesellschaft Wiens, dann in Paris großer Beliebtheit.
Der Promiarzt bezog sich auf die physikalischen Erkenntnisse und Erfindungen der Neuzeit – Magnetismus, Gravitation und Elektrizität – mit seiner These, der menschliche Körper sei von den widerstreitenden Anziehungskräften der Planeten beeinflusst. Seine medizinische Praxis, die angeblich sämtliche Symptome – vom Zahnschmerz bis zur psychischen Erkankung – lindern sollte, wurde aber nicht nur mittels verschiedener Metalle durchgeführt, sondern durch eine besondere Kraft, die nur wenigen „Magnetiseuren“ vorbehalten gewesen sein soll: Durch Handauflegen und hypnotische Behandlung könnten diese das „Fludium“/“Lebensfeuer“, das bei erkrankten Menschen – wie Mesmer entdeckt zu glauben hatte – ins Stocken geraten war, wieder in Gang setzen.

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Mesmerismus: Der Magnetiseur bei der hypnotischen Therapie, 1794.

Wolfgang Amadeus Mozart lernte den Medicus in Wien selbst kennen und karrikierte dessen „animalischen Magnetismus“ wie viele Kritiker seinerzeit:
Die Freunde Guglielmo und Ferrando täuschen in Cosi fan tutte ihren Verlobten vor, dass Sie derentwegen aus Liebeskummer Arsen geschluckt hätten. Nun tritt die gerissene Kammerzofe Despina in Verkleidung eines Arztes auf, parliert in wichtigtuerischem Pseudolatein und verordnet ihren „Patienten“ eine mesmersche Magnetkur. Auch in der Stuttgarter Inszenierung von Cosi fan tutte nimmt Regisseur Yannis Houvardas augenzwinkernd Bezug auf den historischen Zusammenhang.
Auch wenn Mozart und sein Librettist Lorenzo DaPonte mit dieser bissigen Parodie auf das Schamanentum ihrer Zeit eine urkomische Szene gestaltet haben, lässt sich darin wie so häufig bei diesem sinnlich-intelligenten Künstlerduo eine Doppelbödigkeit erahnen: Aus der ursprünglichen Paarkonstellation entsteht durch die Impulse von Don Alfonso  und Despina ein neues Spannungsfeld, sodass natürliche Anziehungskräfte wie Abstoßungsprozesse in Gang gesetzt werden.

mozart
Ach Mozart, Mozart …!

*  Der Kakao ist – in direkter Tradition zu Bachs „Kaffeekantate“ – ein durchaus mozarteskes Getränk, denn Despina trinkt im ersten Akt der Oper Cosi fan tutte heimlich von der Schokolade ihrer Herrinen.


Così fan tutte

von Wolfgang Amadeus Mozart
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Empfohlen ab 15 Jahren

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