Wenn wir nicht die Wahrheit sagen, wer sagt sie dann?

Wie macht man Theater über Gewalt für eine Generation, die ihre Eltern im Krieg verloren hat? Ein Praxisbericht aus Ruanda.

 von Hope Azeda

 

Ruanda ist ein Land voller junger Leute, und das ist ein unmittelbares Ergebnis des Genozids im Jahr 1994 gegen die Tutsi. Viele Kinder blieben als Waisen zurück und in den Folgejahren wurden zahlreiche Kinder geboren, die bei Vergewaltigungen während des Krieges gezeugt worden waren. Das Trauma dieser Geschichte kann nicht ausgelöscht werden und die künstlerische Aus­einandersetzung mit Themen wie Krieg und Gewalt ist ein schmaler Grat, wenn jeder Einzelne ein lebendes Archiv voller Emotionen ist – Emotionen, die das nationale Selbstver­ständnis bestimmen, auf nationaler Ebene gefühlt werden.

Jedes Jahr im April gedenkt Ruanda der unschuldigen Leben, die 1994 dem Genozid zum Opfer fielen, der in nur einhundert Tagen eine Million Menschenleben kostete. Die Künstlergruppe „Mashirika“ widmet sich dieser Reise in die Vergangenheit und geht bei ihrer Themenfindung von der Perspektive der Kinder auf den Genozid aus. Die Fragen, die die Kinder stellen, wird die Geschichte nie beantworten können.

Hier ein kurzes Gedicht aus der Produktion „Africa’s Hope“ von 2004, das seine Premiere am 7. April 2004, also zehn Jahre nach dem Genozid in Ruanda, feierte:

I can hear the cry of Mother Africa

For her beloved but wounded child Rwanda

In anguish Africa saw her child full of splendor and wonder

Agonize on the ground

For where did the Sun go on that day?

Even though it looked a bright day

Darkness seemed to overcome and delay

The future haunts the past that may last

 

Die Wahrheit schmerzt, aber sie muss erzählt werden

Im Alltag gibt es heute immer mehr Gewalt, Kindesmisshandlungen, Drogenmissbrauch und auch Todesfälle. Es sind meist Erwachsene, die diese unmenschlichen Taten verüben; Erwachsene, die dieses Handeln und dieses Erleben aus ihrer Kindheit mitbringen. Dieser Teufelskreis ist bis jetzt unge­brochen. Alles beginnt mit kleinen Dingen wie gegenseitigen Beleidigungen, die später in einen tiefen Konflikt münden und einen Vulkan zum Ausbruch bringen. Genau das ist 1994 in Ruanda passiert. Noch einmal: eine Million Tote in nur einhundert Tagen.

Der Produktionsprozess ist nie einfach. Es ist eine Erfah­rung von Demut und Respekt, wo eine Verbindung zwischen Regisseur und Künstlern geschaffen wird. Ein sicherer Ort ist notwendig, um Vertrauen zu schaffen. Das Trauma ist da und es ist fragil, kann durch jede kleine Erinnerung erneut an die Oberfläche kommen. Die zentrale Frage ist: „Wenn wir nicht die Wahrheit sagen, wer sagt sie dann?“ Und wir antworten darauf mit einer Vereinbarung, dass wir die Wahrheit sagen werden und dass Gefühle nicht heruntergespielt werden, so dass Geschichte nicht verschwindet. Die Wahrheit schmerzt, aber sie muss erzählt werden.

Das Kigali Genocide Memorial ist ein Ort, an dem die verlorenen Leben des Genozids geehrt werden. 2014 wurde auf dem Gelände der Gedenkstätte ein Amphitheater gebaut, das bisher fast ungenutzt geblieben ist und lediglich für Vor­träge und Podien des Aegis Trust, also der Stiftung, die die Gedenkstätte betreibt, genutzt wurde. „Mashirika Performing Arts“ hat ein Konzept entwickelt, wie das Theater als Ort bedeutsam werden und Kunst in das Leben der Menschen in Ruanda bringen kann. Fast alle Arbeiten, die wir für ein junges Publikum geschaffen haben, haben sich an einem alten ru­andischen Sprichwort orientiert: „Igiti kigororwa kikirigito“ (Ein alter Baum kann nicht mehr gerade gebogen werden).

 

Platz für Heldinnen

Im Juli 2014 hatte „Bridge of Roses“ Premiere. Es ist ein in­terdisziplinäres Stück, das auf der wahren Geschichte von Vanessa Uwase und Grace Uwamahoro basiert. Grace ist ein zehnjähriges Hutu-Mädchen, das 1994 ein verlassenes Tutsi-Baby, Vanessa, findet. Sie rettet Vanessa, auch wenn dies bedeutet, den Willen ihrer Großmutter zu missachten. Die Geschichte von Vanessa und Grace legt Zeugnis davon ab, dass Kinder in Zeiten des Krieges die Unschuld verlieren, zu schnell erwachsen werden und in einem Maß Verantwor­tung tragen, für das sie eigentlich doppelt so alt sein müssten. „Mashirika“ hat die Menschlichkeit der Geschichte mit Musik und Bewegung in den Vordergrund gerückt, um eine Katharsis zu ermöglichen, das Publikum in einer geteilten Erfahrung und gemeinsam erlebten Gefühlen zusammenzu­bringen. Als künstlerische Leiterin wusste ich, dass das Stück hoffnungsvoll enden musste. Es endet mit einem Lied, das die Menschen in Ruanda ermutigt, auf eine bessere Zukunft zu hoffen, in der jeder eine Heldin wie Grace werden kann.

„Bridge of Roses“ (Auszug)

Yes! All was well and peace prevailed;

We lived in harmony, love and unity

In our land of more than a thousand hills.

Slowly hatred crept in and l felt the chills

As I painfully saw the blood of our people flow

To me indeed it was a blow.

l was in agony an agony of silence for what I saw;

The silence of pain

The silence of hurt and hate ate me alive;

And the desire for revenge was alive in me.

Like a rose in a bush of thorns

You braved your way and stood with courage

To uphold and value dignity for humanity

Defied death and became a rose in the bridge of roses

And today you are my Father, Mother, Sister, and Brother

Yes I call you friend.

Das positive Feedback zu „Bridge of Roses“ überzeugte mich davon, dass wir das Amphitheater in der Gedenkstätte zu einem Ort für ähnliche Aufführungen machen sollten. So entstand die Idee des Ubumuntu Arts Festivals als Festival im Namen der Menschlichkeit. „Ubumuntu“ ist in unserer Spra­che Kinyarwanda das Wort, das das Menschsein im Sinne menschlichen Handelns beschreibt. In Konflikten vergessen wir manchmal, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Tatsache, dass man ein menschliches Wesen ist und dem Menschsein, dem humanen Handeln. Wir sind mehr als nur Teile, die zu einem lebenden Wesen zusammengefügt sind. Das Ubumuntu Arts Festival soll zur Lösung der Probleme der Welt beitragen, indem es Künstler zusammenbringt, indem es ein Ort ist, wo sie zusammen arbeiten, voneinander lernen und gemeinsam menschlich sind.

 

Können die Opfer von gestern zu den Mördern von morgen werden?

Daraus entstand eine Kooperation von Künstlern aus Sri Lanka und Ruanda mit dem Titel „Dear Children, Sincerely…“ (Liebe Kinder, mit freundlichen Grüßen …) Die Stückentwicklung basierte auf Interviews mit den Ältesten der Communitys und Dörfer, die Jugendliche gemacht hatten, um mehr über die Geschichte zu erfahren und zu fragen, welche Informa­tionen die Ältesten für wichtig hielten und weitergeben wollten. In der Regie von Ruwanthie de Chickera schufen die Schauspieler Geschichten, die den Weg beider Länder aus wechselnden Perspektiven zeigte. Diese Gegenüberstel­lung verdeutlichte, dass die Geschichten der beiden Länder zwar nicht deckungsgleich sind, Sri Lanka und Ruanda aber dennoch Erfahrungen teilen, deren Kern Gewalt auf der Grundlage von Diskriminierung ist.

„Dear Children, Sincerely…“ war damit auch eine Aneig­nung nationaler Geschichte durch junge Erwachsene. Die erzählten Geschichten haben stattgefunden, bevor sie geboren wurden. Durch das Eintauchen in die Geschichte setzten sie sich intensiv mit der Identität und auch mit dem Schmerz auseinander, die damit verbunden sind. Für das vor allem ruandische Publikum war die Aufführung eine Chance, Ge­fühle und Erfahrungen auf internationaler Ebene zu teilen und zu spüren, dass unsere Traumata zwar unterschiedliche Ursachen haben, es aber dennoch möglich ist, Solidarität mit­einander zu empfinden, weil es das ist, was menschlich sein eigentlich bedeutet.

Die zentrale Frage, die in unseren bescheidenen Bemü­hungen zur Vermeidung von Gewalt immer wieder auf­kommt, ist daher: „Können die Opfer von gestern zu den Mördern von morgen werden?“


 

Hope Azeda ist Gründerin, künstlerische Leiterin und Choreografin der Thea­tergruppe Mashirika Performing Arts & Media Company in Ruanda.

 

Am 11. April 2017 wird Hope Azeda an der Jungen Oper Stuttgart einen offenen Theaterworkshop über „das Leben und den Tod, über Träume und Ängste, über Heimat und deren vielfältigen Bedeutungsmöglichkeiten“ geben. Der Workshop ist kostenlos und findet in englischer Sprache statt. Anmeldung unter: education@staatstheater-stuttgart.de
Mehr Informationen unter:
http://www.oper-stuttgart.de/spielplan/theater-workshop-hope-azeda/

 

Quellenangabe:
Hope Azeda: „Wenn wir nicht die Wahrheit sagen, wer sagt sie dann?“. Deutsche Übersetzung von Meike Fechner. In: IXYPSILONZETT, Jahrbuch  für Kinder- und Jugendtheater 2016 der ASSITEJ Deutschland. Berlin: Theater der Zeit. S. 23-25.
http://www.assitej.de
http://www.theaterderzeit.de

 

Foto: „Africa′s Hope“, Mashirika Performing Company, 2007 © Chantelle Meckenestock

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