Musik der Freiheit 4

ETIKETTIERUNG UND INDIVIDUALITÄT

von Rafael Rennicke

Drei Komponisten vereint dieses Programm, die – jeder auf seine Weise – auf der Suche nach künstlerischer Freiheit waren und wussten, dass sie hierfür ausbrechen mussten: ausbrechen aus überzogenen Erwartungshaltungen und gesellschaftlichen Zwängen, ausbrechen aus den engen Umzäunungen ästhetischer Dogmen und oberflächlicher Etikettierungen, die ihrer Musik aufgedrückt wurden, ausbrechen nicht zuletzt aus ihrem eigenen Kulturkreis. Erich Wolfgang Korngold, der in den Jahren um 1900 als gefeiertes Wiener Wunderkind in die musikalische Moderne hineinwuchs, musste zunächst den zu hohen Erwartungen seines gestrengen Vaters entfliehen und stürzte sich, aus der Avantgarde kommend, in die Parallelwelt von Operetten-Arrangements, mit denen er sich nicht zuletzt auch finanziell unabhängig zu machen suchte. Schon zu dieser Zeit – Anfang der 1930er-Jahre und also noch vor Korngolds amerikanischer Karriere als oscargekrönter Filmmusik-Komponist – urteilte Theodor W. Adorno als scharfzüngiger Jungkritiker: »Wenn Korngold nicht den ganzen Aufputz dieser Musikfassaden radikal erkennt und schlechterdings von vorn anfängt, ist er für die Musik, die heute Existenzrecht hat, verloren.« In Adornos 1949 veröffentlichter Philosophie der Neuen Musik wurde dann vollends das ästhetische Todesurteil über Korngold gesprochen, der in der amerikanischen »Kulturindustrie« zwar reüssiert hatte, im alten Europa aber – nun mit dem Etikett des »Hollywood-Komponisten« behaftet – keine Wurzeln mehr schlagen konnte. Da er der Tonalität treu geblieben war, erschien er im harschen Urteil Adornos nur noch als ästhetisch rückständiger, den Fortschritt der Musik hemmender Steh-im-Weg: als ein süffiger Spätromantiker, der sich mit seiner Musiksprache in unpersönlicher Beliebigkeit verloren hatte und von den politischen Ereignissen samt ihrer ästhetischen Folgen förmlich überrollt wurde.

Auch die Musik Benjamin Brittens ist nicht davor gefeit gewesen, vom vermeintlich fortschrittlich gesinnten Diskurs der Nachkriegszeit ins musikgeschichtliche Abseits gestellt zu werden. Mit erschreckend anmaßenden Attributen wie »auftrumpfender Dürftigkeit«, »Geschmack am Ungeschmack«, »Simplizität aus Unbildung« und »Mangel an technischer Verfügung« verunglimpfte Adorno in seiner Philosophie der Neuen Musik auch Britten. Dabei hätte nicht viel gefehlt und er wäre in den direkten Dunstkreis der Avantgarde der Zweiten Wiener Schule geraten: Als junger Mann hatte Britten vor, seine kompositorische Lehrzeit bei Alban Berg fortzusetzen – der Plan scheiterte am Veto der Eltern, und so lässt sich nur imaginieren, wie Brittens Laufbahn wohl verlaufen wäre, hätte sich der zeitlebens spielerisch und virtuos, improvisatorisch- frei mit der Tradition auseinandersetzende Komponist die strenge Unterweisung des Schönberg-Kreises erfahren. Ein größerer Gegensatz zwischen der vielfach abgesicherten Satzkunst der Wiener Schule und jener landschaftlich-weiten Musik Brittens ist jedenfalls kaum denkbar – wie eine Tagebuchnotiz Thomas Manns, festgehalten nach einem Treffen mit Adorno, bei dem auch Schallplatten von Bergs Wozzeck angehört wurden, bestätigt:»Dass B. Britten mit dieser Musik, die letztes Ereignis europäischer Hochkultur, überhaupt nicht in einem Atem zu nennen.«

Und Peter Tschaikowsky? Sein Land machte ihn zwar schon zu Lebzeiten zu einem Nationalhelden, zum »Peter dem Großen« der russischen Musik. Außerhalb Russlands aber ließen die strengen Ästheten und klaren Köpfe, vom Wiener Zeitgenossen Eduard Hanslick bis hin zu Adorno, kein gutes Haar an Tschaikowskys Neigung zum Bekenntnishaften und mitunter auch Überdeutlichen: Vor allem geschmacklich, so ihr Urteil, erreiche er nicht das Niveau der deutschen und französischen Musik, der er sich verpflichtet wisse. »Noch die Verzweiflung porträtiert er mit Schlagermelodien«, schrieb Adorno, und fortan wandten sich immer mehr Fachleute von Tschaikowskys vermeintlicher Banalität und Brutalität ab – während gerade das vielgerühmte Geschmacksgenie der Neuen Musik, Igor Strawinsky, nicht müde wurde, die von ihm hochverehrte Musik Tschaikowskys mit Hingabe und Genauigkeit zu dirigieren… Wie sehr Tschaikowsky, der introvertierte Individualist, sich ganz in seiner Musik öffnete, beweist diese allenthalben. Der im Leben scheu-zurückhaltende, die Gesellschaft fliehende Privatmann hat im Rückzug aufs Komponieren stets das große Tor zu seiner persönlichen Freiheit gesucht und es mit Größe, mitunter mit großer Geste, auch durchschritten. Und damit gleicht er seinen jüngeren Nachfolgern Korngold und Britten, die aufbrachen, um auszubrechen aus den Beschränkungen der Konvention und jenseits aller Dogmen und Etikettierungen die unwiderstehliche Kraft ihrer ungewöhnlichen Individualität zu offenbaren.

»Oper ohne Grenzen« lautet das Spielzeit-Motto der Oper Stuttgart. Inspiriert von diesem Motto, präsentiert das Staatsorchester Stuttgart in dieser Spielzeit »Musik der Freiheit«. An dieser Stelle beleuchten wir in sieben Folgen jeweils eine Facette des Freiheitlichen, Grenzenlosen oder Grenzüberschreitenden der Musik unserer Sinfoniekonzert-Programme.

Bisher erschienen »Ordnung und Offenbarung« ( Folge 1 ), »Natur und Imagination« ( Folge 2 ) und »Gewalt und Schönheit« ( Folge 3 ).


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Mehr Musik von Benjamin Britten verheißen unsere Spielzeit-Themenschwerpunkte SEESTÜCKE und ORPHEUS BRITANNICUS: Schon im nächsten Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 9. und 10. April wird mit dem Klavierkonzert op. 13 (1938) ein weiteres symphonisches Werk Benjamin Brittens auf dem Programm stehen. Das 6. Kammerkonzert am 26. April ist den »British Phantasies« von Britten und seinen Zeitgenossen gewidmet, bevor am 7. Mai Brittens letzte Oper Death in Venice (Der Tod in Venedig) in einer Koproduktion der Oper Stuttgart und des Stuttgarter Balletts seine Stuttgarter Premiere feiern wird.



4. Sinfoniekonzert

Ben Gernon dirigiert Britten

Musikalische Leitung: Ben Gernon
Violine: Carolin Widmann
Staatsorchester Stuttgart
12. MRZ 2017, 11 UHR │ 13. MRZ 2017, 19.30 UHR

SEELENLANDSCHAFTEN

BENJAMIN BRITTEN
FOUR SEA INTERLUDES AUS DER OPER „PETER GRIMES“ (1945)ERICH WOLFGANG KORNGOLD
VIOLINKONZERT D-DUR OP. 35 (1945)PETER TSCHAIKOWSKY
SINFONIE NR. 4 F-MOLL OP. 36 (1877-78)



Das Beitragsmotiv gestaltete die englische Künstlerin Emma McNally. Zwei weitere Werke aus ihrer Serie finden Sie auf den Umschlagsinnenseiten der Lied- und Kammerkonzertprogrammhefte.

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