Der Hippogryph

Vom Rasenden Roland zu Harry Potter

von Johanna Danhauser

Im vierten Gesang des Rasenden Roland, Ludovico Ariostos großem Ritterepos, hält die Heldin Bradamante gerade Rast in einem Wirtshaus am Fuße der Pyrenäen, als sich dort eine Attraktion ereignet:

Der Wirt, das ganze Haus war auf den Beinen,
Am Fenster, vor der Thür, und alles riß
Die Augen auf, als säh’n sie droben einen
Kometen oder Sonnenfinsternis.
Ein hohes Wunder sah sie nun erscheinen,
Ein schwer zu glaubendes, das ist gewiß:
Denn ein geflügelt Roß kam hoch im Bogen
Mit einem reis’gen Mann dahergeflogen.

Buntfarbig war und mächtig das Gefieder,
Und er, mit dem es durch die Lüfte fuhr,
Trug leuchtendes Metall um Brust und Glieder,
Und scharf gen Westen zog er seine Spur.
Dann taucht‘ er zwischen den Gebirgen nieder.
Der Wirt erzählt‘, (und sprach die Wahrheit nur),
Dies sei ein Zaubrer, der auf solchem Wege
Bald hoch bald niedriger zu reiten pflege. 1

Es ist der greise Zauberer Atlas, der wie gewöhnlich seine Kreise auf dem Hippogryphen, einer extravaganten Abart des geflügelten Ross’, zieht, um sich, wenn sein Auge ein holdes Objekt gesichtet hat, diesem in halsbrecherischem Senkflug zu nähern. Bei Bradamante kann er so jedenfalls nicht landen. Die Tochter Haimons ist nicht nur wunderschön, sondern auch eine besonders tapfere und selbständige Ritterin im Dienst Kaiser Karls. Atlas’ Auftritt kommt nicht gerade überraschend für Bradamante, denn kurz zuvor war sie in Merlins Grotte von der guten Fee Melissa über die nähere Zukunft informiert worden. Sie weiß, dass Atlas ihren geliebten Ruggiero2 gefangen hält, nicht aus böser Absicht, wie der alte Zauberer der überlegenen Kriegerin weinerlich gesteht, sondern, weil er ihn einfach so schön fand und ihn gerne haben wollte. Mit einem Zauberring, den Bradamante dem unattraktiven Diener3 des König Agramants, Brunel, abgerungen hat, gelingt es ihr Atlas zu überwältigen und Ruggiero aus dem Zauberschloss zu befreien. Nach den Regeln des Sieges ist sie nun auch Eigentümerin des fabelhaften Geschöpfes, dem Hippogryph, auf dem Atlas geritten war.

Wo Atlas in des Mädchens Hand gefallen,
Und fanden dort den Hippogryphen noch,
Der trug den Wunderschild, verdeckt jedoch.

Das Fräulein geht und greift nach seinem Zügel,
Und er erwartet sie und läßt ihr Zeit;
Dann schwingt er sich empor und läßt am Hügel
Herab sich wieder, etwas mehr abseit.4

Wie der Name verrät, ist das seltene Tier eine Unterart des Greifs – verwandt, aber nicht zu verwechseln mit Pegasus, dem geflügelten Ross aus der antiken Mythologie:

Kein Blendwerk war sein Roß, das war Natur:
Ein Greif hatt‘ es erzeugt, ein Pferd gebar es.
Vom Vater hatt‘ es Kopf und Schnabel nur,
Die Tatzen vorn, den Schmuck des Flügelpaares;
In allem sonst trug es der Mutter Spur.
Kurz, einer von den Hippogryphen war es,
Die ins Rhipäische Gebirge5 wohl
(Doch selten) kommen, fern vom eis’gen Pol.

Während vom Greif, der eine Mischung aus Löwe und Adler darstellt, schon in vielen altorientalischen Kulturen berichtet wird, und die mythische Gestalt so auch in die klassische Antike Eingang gefunden hat, ist der Hippogryph eine kreative Neuschöpfung des Renaissancedichters Ludovico Ariosto. Fast fünfhundert Jahre später lässt die britische Autorin Joanne K. Rowling das magische Geschöpf im dritten Band ihrer Fantasy-Reihe Harry Potter auftreten.6 Im Rahmen einer Unterrichtsstunde im Fach „Magische Geschöpfe“ an der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei lernen Harry Potter und seine Freunde die Wesen leibhaftig kennen. Wie im Rasenden Roland werden die Hippogreifen7 als bunt beschrieben, mit „Gefieder, das allmählich in Fell überging“8. Tiere in unterschiedlichen Farben, „sturmgrau, bronze, rostrot, schimmernd kastanienbraun und tintenschwarz“, führt der Lehrer Hagrid vor. Die Schüler lernen bestimmte Verhaltensformen mit welchen sie sich einem Hippogreif nähern können, ohne seinen Unmut zu wecken. Denn es sind stolze Geschöpfe, die bei Joanne K. Rowling auf bestimmte Höflichkeitsformen bestehen, wie sie in Baldesar Castigliones Lehrwerk Der Hofmann manifestiert werden. Dieses Buch war zu Ariostos Zeiten eine Pflichtlektüre für die gebildeten Edelmänner und Damen. An vielen Stellen des Rasenden Roland zeigt sich der große Einfluss, den Castigliones fiktiver Sittendialog auf Ariosto hatte.9 Darin wird auch eine Empfehlung für erste Begegnungen unterbreitet:

Der Hofmann hat sich daher gleich anfangs zu bemühen, einen guten Eindruck zu erwecken, da er weiss, wie gefährlich das Gegenteil werden kann;10

Und so werden die Zaubereischüler in Harry Potter aufgefordert sich untergebenst vor den Hippogreifen zu verneigen und abzuwarten, ob das animalische Gegenüber diese Geste erwidert. Allerdings räumt schon Castiglione ein, dass diese Gebärde gekonnt sein will und leicht misslingt:

Es gibt aber gar viele Italiäner, die sie mit aller Gewalt nachahmen, wollen, obwohl sie nichts andres zu Stande bringen als eckige Kopfwendungen und verkehrte, anmutslose Verbeugungen […]11

Wie man es nicht machen sollte führt Draco Malfoy, Harry Potters Antipode, vor, indem er den Hippogreif Seidenschabel als „großes, hässliches Scheusal“12 bezeichnet. Der beleidigte Hippogreif revanchiert sich direkt und attackiert den vorlauten Drittklässler mit seinem „grausamen stahlfarbenen Schnabel“13.

Dass es auch erfahrenen Zauberern wie Atlas nur unter größter Anstrengung gelingt, den Hypogreif zu domestizieren, berichtet uns Ariosto:

[…] holt‘ er es durch Zauberzwang
Und dacht‘ an nichts als nur es anzuleiten,
Bis ihm durch eines Monats Schweiß gelang,
Mit Sattel und Gebiß das Thier zu reiten.
Nun tummelt‘ er’s bequem das Feld entlang
Und oben durch die Luft nach allen Seiten.
Dies war nicht, wie das andre, Spuk und Schein,
Sondern natürlich und von Fleisch und Bein.14

Auch Bradamante und Ruggiero unterschätzen die Eigenwilligkeit des fantastischen Wesens. Denn als der Ritter aufsattelt und der Hippogryph nach einigem Bocken15 in die Lüfte steigt, verliert er die Kontrolle. Bradamante muss mit ansehen, wie ihr Geliebter – wie gewonnen so zerronnen – vom Hippogryphen entführt wird.

Ihr starrer Blick folgt ihm am Firmament,
Doch, ach, kein sterblich Auge kann hienieden
Den Raum durchfliegen, der die beiden trennt;
Der Seele nur ist solcher Flug beschieden.
Indeß, mit Seufzern, Stöhnen, Thränen, kennt
Sie keinen Frieden, will auch keinen Frieden,
Und wie sich Rogers Spuren ihr entziehn,
Kehrt sie den Blick zum guten Roß Frontin.

Und sie beschließt, sie will das Pferd behalten,
Damit der erste beste nicht es raubt,
Und will es hüten, bis des Schicksals Walten
Roger zurückführt, wie sie hofft und glaubt.
Der Vogel steigt; nicht kann ihn Roger halten;
Tief unter ihm versinkt der Berge Haupt,
So tief, daß seine Augen nicht mehr sehen,
Wo flach das Land ist, noch wo Berge stehen.


Als er so hoch war in der blauen Leere,
Daß ihr von unten nur ein Pünktchen säht,
Schlug er dorthin sich, wo die Sonn‘ im Meere
Verschwindet, wann sie mit dem Krebs sich dreht.
Und durch die Lüfte ging’s, wie die Galere
Durchs Wasser, wann der Wind ihr günstig weht.16

Im sechsten Gesang landet der Hippogryph endlich17 und serviert seinen passiven Reiter der tückischen Zauberin Alcina18, aus deren Fängen ihn dann Bradamante mit Hilfe von Melissa befreien muss.

Der Greif, der große Wundervogel, trug
Mit solcher Flügelschnell‘ ihn Meil‘ um Meile,
Daß weit er überholen würd‘ im Flug
Den Boten der olympischen Donnerkeile.
Kein Thier, das je die Luft mit Flügeln schlug,
hm‘ es mit diesem auf an hurt’ger Eile;
Ich glaube Blitz und Donner fahren kaum
Schneller zur Erd‘ aus dem bewölkten Raum.

Nachdem der Vogel weiten Raum durchflogen,
Ohn‘ abzubiegen vom geraden Strich,
Senkt‘ er, der Lüfte satt, in großem Bogen
Sich auf ein Eiland, das der Insel glich,
Wohin einst unterhalb der Meereswogen
Auf finstren Bahnen Arethusa sich
Vor dem Verliebten, den sie spröd‘ und karg
Lange gefoltert hatt‘, umsonst verbarg.

So schön, so lustig sieht er keins im Kreise
Der weiten Luft, wo er die Flügel spannt,
Und macht‘ er um die ganze Welt die Reise,
Er fände nirgend solch anmutig Land.19

Dank der Fee Melissa lernt Ruggiero schließlich auch sein geflügeltes Ross zu beherrschen. Sie schenkt ihm ein magisches Zaumzeug, das ihm ermöglicht den Hippogryph zu lenken.

Jedoch Melissa sprach: »Das kann nicht frommen;
Er ist unlenkbar, wie du selbst gesehn.«
Am nächsten Tag versprach sie nachzukommen
Und mit dem Greif in sichres Land zu gehn,
Wo Roger dann gemächlich lernen solle,
Ihn mit dem Zaum zu lenken, wie er wolle.20

Der Künstler Girolamo Porro hat eine venezianische Orlando furioso Ausgabe von 1584 mit fantasievollen Kupferstichen ausgestaltet, die Szenen aus dem Ritterepos abbilden. Im Programmheft zur Neuproduktion Ariodante werden drei dieser detailverliebten Wimmelbilder zur Erkundung abgedruckt werden.
Der Künstler Girolamo Porro hat eine venezianische Orlando furioso Ausgabe von 1584 mit fantasievollen Kupferstichen ausgestaltet, die Szenen aus dem Ritterepos abbilden. Im Programmheft zur Neuproduktion Ariodante werden drei dieser detailverliebten Wimmelbilder zur Erkundung abgedruckt werden.

In Harry Potter und der Gefangene von Askaban zeigt sich der grimmige Seidenschnabel schlussendlich dann als heroischer Retter: Auf seinem Rücken gelingt es dem zu Unrecht verurteilten Zauberer Sirius Black aus seinem Gefängnis zu fliehen.


1 Ariosto: IV. Gesang, Strophe 4 – 5.

2 Der Übersetzer Otto Gildemeister nennt Ruggiero „Roger“.

3 Melissa beschreibt Bradamante den Gauner, der zeitweise in Besitz des Zauberrings ist unmissverständlich: „Damit du ihn erkennst: sein Wuchs ist nicht/ Sechs Spannen hoch, das Haar ist schwarz und wollen,/ Die Haut ist braun, und bleich ist das Gesicht/ Und bärt’ger als es hätte werden sollen;/ Die Nase stumpf, die Brauen buschig dicht,/ Glanzlos der Blick, die Augen aufgequollen;/ Der Anzug – daß ich völlig ihn beschreibe / Wie eines Boten, kurz und knapp am Leibe., Ariost: III. Gesang, Strophe 72.

4 Ariost: IV. Gesang, Strophe 42 – 43.

5 Der Hippogryph scheint schon alleine deshalb eine Rarität, weil sein Herkunftsort geografisch nicht nachweisbar, sondern ein mythischer Raum ist, von dem einst Herodot und Aristoteles Kunde taten.

6 Auch an anderen Stellen wird eine Nähe des modernen Romans zum Rasenden Roland deutlich. Wie Ariosto verknüpft Joanne K. Rowling die Fäden der Artus-Sage mit ihrer Erzählung, sodass sie die kulturellen Grundfesten der modernen magischen Gesellschaft bildet, die Rowling erfindet.

7 Es finden sich abweichende Schreibweisen bei Ariost und Joanne K. Rowling sowie ihren Übersetzern. In diesem Text orientiert sich die Autorin an den verwendeten Quellen, die in den abschließend aufgelistet sind.

8 Rowling: S. 120.

9 Unter anderem fällt bei beiden Autoren die emanzipatorische Überzeugung, mit der Frauen eine Ebenbürtigkeit an Geist und Kriegsgeschick attestiert wird. Die Figur der Bradamante kann dafür als exemplarisch betrachtet werden.

10 Castiglione: S. 164.

11 Ebd. S. 165.

12 Rowling: S. 124.

13 Ebd. S. 120.

14 Ariost: IV. Gesang, Strophe 19.

15 „Roger ergreift ihn, um ihn mitzuführen; Der sträubt sich aber, will den Fuß nicht rühren.“ Ariosto: IV. Gesang, Strophe 45.

16 Ariost: IV. Gesang, Strophe 48 – 50.

17 So anmutig der Flugkomfort laut Ariost und J. K. Rowling auch sein mag, so erfahren wir in Harry Potter auch, dass die Landung eines Hippogreifs aufgrund seiner körperlichen Konstitution eine ungemütliche Angelegenheit ist: „Dann gab es einen schmerzhaften Aufprall, als die vier schlecht zusammenpassenden Füße auf dem Boden aufschlugen;“ Rowling, S. 123.

18 Aus dieser Episode des Rasenden Roland hat Georg Friedrich Händel eine Oper gestaltet, die an der Oper Stuttgart in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito (Premiere 1998) zuletzt im Herbst der laufenden Spielzeit zur Aufführung kam.

19 Ariosto: VI. Gesang, 18 ff.

20 Ariosto: VII. Gesang, Strophe 78.


Bibliographie

Ludovico Ariosto: Der Rasende Roland, übersetzt von Otto Gildemeister, Berlin 1881.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Askaban, übersetzt von Klaus Fritz, limitierte Sonderausgabe, Hamburg 2002.

Baldesar CastiglioneDer Hofmann, übersetzt von Albert Wesselski, München 1907.


Das Beitragsbild ist ein Kupferstich von Gustave Doré (1832–1883): „Roger reitet den Hippogryph“, für eine illustrierte Ausgabe des Epos Orlando furioso von Ludovico Ariosto, Frankreich 1877.

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