Musik der Freiheit 3

GEWALT UND SCHÖNHEIT

»Auf der Suche nach Freiheit« – so überschrieb David Fanning seine vor sieben Jahren erschienene Biographie Mieczysław Weinbergs. Für nur wenige Künstler-Lebensläufe im 20. Jahrhundert dürfte dieser Titel zutreffender sein als für jenen des 1919 in Polen geborenen und 1939 in die Sowjetunion emigrierten Komponisten, der vor dem Heranrücken der einen Gewalt in die Arme einer anderen flüchtete: Die Barbarei der Nationalsozialisten und die stalinistische Sowjet-Diktatur haben im Leben und Werk Weinbergs unauslöschliche Spuren hinterlassen – und doch kündet seine Musik nicht nur von Unterdrückung, Leid und Klage. Was sie in besonderer Weise auszeichnet, ist ihre Kraft, Erlebtes und Erfahrenes nicht nur in sich aufzunehmen, sondern sich zugleich darüber zu erheben. »Nach klassischer humanistischer Tradition«, so der Weinberg-Biograph Fanning, »erschafft Weinbergs Musik eine alternative Wirklichkeit, die oft von der realen Welt inspiriert ist und sich mit ihr auseinandersetzt, ihre Grenzen aber nicht anerkennt.« Im Sinne eines Singens über Wunden wird Gewalt mit Schönheit überwunden.
Wie unmittelbar Weinbergs Musik damit an Innerstem von menschlicher Existenz angesiedelt ist, wird exemplarisch deutlich beim Blick auf die Lebenszeugnisse der Opfer des Warschauer Gettos, denen Weinberg seine 21. Sinfonie gewidmet hat. Marcel Reich-Ranicki, der diesen Ort des Grauens für Hunderttausende europäischer Juden vor der Deportierung in die Konzentrationslager erlebt und überlebt hat, beschreibt in seiner Autobiographie Mein Leben eindrücklich, wie sehr gerade die Musik überlebensnotwendig war, um die Schrecken des Alltags zumindest für Momente zu überwinden: »Die unentwegt um ihr Leben Bangenden, die auf Abruf Vegetierenden waren auf der Suche nach Schutz und Zuflucht für eine Stunde oder zwei, auf der Suche nach dem, was man Geborgenheit nennt, vielleicht sogar nach Glück. Sicher ist: Sie waren auf eine Gegenwelt angewiesen.«
Reich-Ranickis Feststellung »Im Warschauer Getto ist Mozart noch schöner gewesen« mag vor diesem Hintergrund eigentümlich berühren. Und sie verdeutlicht einmal mehr, warum im 20. Jahrhundert das Glück innerer Harmonie, die Selbstfindung des Menschen und die Fähigkeit zur Erlösung und Befreiung insbesondere Mozarts Musik zugeschrieben wurde: »Die goldene Spur war aufgeblitzt, ich war ans Ewige erinnert, an Mozart, an die Sterne. Ich konnte wieder für eine Stunde atmen, konnte leben, durfte da sein, brauchte nicht Qualen zu leiden, mich nicht zu fürchten, mich nicht zu schämen.«

( Hermann Hesse, Der Steppenwolf, 1927 )

RAFAEL RENNICKE

»Oper ohne Grenzen« lautet das Spielzeit-Motto der Oper Stuttgart. Inspiriert von diesem Motto, präsentiert das Staatsorchester Stuttgart in dieser Spielzeit »Musik der Freiheit«. An dieser Stelle beleuchten wir in sieben Folgen jeweils eine Facette des Freiheitlichen, Grenzenlosen oder Grenzüberschreitenden der Musik unserer Sinfoniekonzert-Programme.


Das Beitragsmotiv gestaltete die englische Künstlerin Emma McNally. Zwei weitere Werke aus ihrer Serie finden Sie auf den Umschlagsinnenseiten der Lied- und Kammerkonzertprogrammhefte.


3. Sinfoniekonzert

Thomas Sanderling dirigiert Mozart und Weinberg

Musikalische Leitung: Thomas Sanderling
Sopran: Mandy Fredrich
Klavier: Martin Stadtfeld
Staatsorchester Stuttgart
12. FEB 2017, 11 UHR │ 13. FEB 2017, 19.30 UHR

SINGEN ÜBER WUNDEN

WOLFGANG AMADEUS MOZART
KLAVIERKONZERT NR. 1 F-DUR KV 37 (1767)WOLFGANG AMADEUS MOZART
KLAVIERKONZERT NR. 9 ES-DUR KV 271 („JENAMY“) (1777)MIECZYSŁAW WEINBERG
SINFONIE NR. 21 OP. 152 („KADDISH“) (1991), DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG

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