Nacktkritik

Es ist manchmal verblüffend, welche Aspekte einer Opernaufführung in den realen oder virtuellen Foyers diskutiert werden. In der  Produktion Der fliegende Holländer beispielsweise sind im Finale rund 90 Personen auf der Bühne, die sich auffällig benehmen. Einer davon, er steht mittendrin, ist nackt. Welche der 90 Personen beschäftigt viele Zuschauer am meisten? Genau.

Ich weiß das aus Gesprächen mit Zuschauern, ich lese es bei Twitter und Facebook. Volker Stahl schrieb uns beispielsweise auf Facebook: „Warum muss momentan immer etwas in Rot an eine Wand geschrieben werden und immer wieder Nackte.“

facebook_nackte

Betrachten wir zunächst nur den zweiten Kritikpunkt: Immer wieder Nackte? (Zum „Graffitivorwurf“ ein andermal.) Die folgende Statistik zeigt die Anzahl der Opernproduktionen, die in den letzten Jahren in der Oper Stuttgart liefen. Blau die Vorstellungen, in denen alle Darsteller die ganze Zeit bekleidet sind, rot diejenigen, in denen irgendwann im Laufe des Abends „Aktstatisten“ zum Einsatz kommen.  (Dass nicht nur Statisten, sondern auch Sänger_innen, Orchestermusiker_innen oder gar Dirigent_innen unbekleidet sind, ist zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen, kommt an der Oper Stuttgart jedoch derzeit nicht vor).  nacktstatistik

Es war pro Spielzeit genau eine Produktion. 2014/15 wurde Platée gespielt, in der die Rolle des Bacchus von einer Statistin mit nacktem Oberkörper verkörpert wird – wenn man bedenkt, dass Bacchus der Gott des Alkohols und des Rausches ist und er in der Kunstgeschichte häufig nackt oder fast nackt dargestellt wird, ist das keine ganz fernliegende Lösung. 2015/16 kamen in Hoffmanns Erzählungen vier Tänzerinnen als Aktmodelle zum Einsatz: Der erste Akt der Oper spielte in einem Kulturzentrum, in dem im Hintergrund der Szene ein Kunstkurs stattfand. Die vier Tänzerinnen wechselten sich als Aktmodelle ab, zeichenbegabte Statistinnen und Statisten malten sie. Während jeder Aufführung entstanden also echte Zeichnungen! Warum hier Aktstatistinnen zum Einsatz kamen, ist klar. Und 2016/17 ist es nun Der fliegende Holländer, in dessen letztem Akt sich ein Mann auszieht.

Sicher: Nackte Darsteller werden seit gut 100 Jahren als Theatermittel eingesetzt (vgl. hierzu: Ulrike Traub, Theater der Nacktheit, Bielefeld 2010).  Es gibt also tatsächlich „immer (mal) wieder Nackte“ auf der Opernbühne. Aber wie die Zahlen zeigen, handelt es sich trotz allem eher um ein Randphänomen und keineswegs um eine Mode.

Kommen wir also zur interessanteren Frage, die vermutlich auch Herrn Stahl in Wirklichkeit umtreibt: Warum ist der Mann eigentlich nackt? Auch Elina Reitere beklagt bei Twitter, dass ihr eben dies nicht klar sei:

nacktkritik_twitter

„Nacktheit auf der Bühne muss begründet sein.“ Da möchte man spontan zustimmen: natürlich! Aber wieso eigentlich speziell Nacktheit? Muss Nacktheit besser oder irgendwie anders begründet sein als, sagen wir, das Herumsitzen oder das Öffnen einer Flasche Sekt? Muss Nacktheit besser begründet sein als das Tragen eines (anderen) Kostüms? Warum? Im Finale des Fliegenden Holländers befinden sich rund 90 Personen auf der Bühne, und alle benehmen sich, gelinde gesagt, merkwürdig: Eine Frau streichelt ihre Perücke wie einen kleinen Hund, ein Mann formt hingebungsvoll weibliche Brüste aus Sand, ein anderer bügelt sein Bein mit einem Bügeleisen, eine Frau isst gedankenverloren Sand. Diese Leute wirken sehr verzweifelt, verstört und wahnsinnig; und bei jedem zeigt sich der Wahnsinn anders. Einer zieht sich eben nackt aus. Die Frage lautet doch eher: Was hat die Seeleute und ihre Frauen so erschreckt? Es ist wohl ihre eigene Leere, der sie, ohnehin angetrunken und aufgewühlt, in Form des Geisterchors begegnen.

„Wenn die Toten auf dem Holländerschiff erwachen und der fantastische Stuttgarter Geisterchor (einstudiert von Michael Alber) erklingt, verwandelt sich die ohnehin latent gespenstische Szene in einen reinen Stadl des Grauens zwischen Breughel und Bosch: Stroboskopblitze zucken, nackte Leiber winden sich, Kinder werden gemeuchelt, und selbst die Saaltüren springen auf. Es hält Bieitos’ immer aufs Existenzielle zielendes und stets aufs Äußerste die Nerven strapazierende Theater nicht länger auf der Bühne. Hier wird nicht gerührt, hier wird geschüttelt: mittels reiner, hintergründiger Apokalypse.“
(Mirko Weber: „Bis das Herzblut spritztin: Die Zeit vom 30.1.2008. Für die Wiederaufnahme 2017 wurde der Chor von Christoph Heil einstudiert.)

In höchster Verzweiflung reißt sich ein Mann die Kleider vom Leib, er kühlt sich zwischendurch in einer Pfütze ab und rennt gegen Wände. Sein Verhalten ist nicht schwerer erklärbar als das der anderen Figuren. Und doch zieht er die Blicke auf sich, gerade weil er im Chaos des Finales so ruhig stehenbleibt. Es geht nicht nur um einen beliebigen Ausdruck des Wahnsinns. Nacktheit auf der Bühne erinnert uns immer auch die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers, sie gemahnt an die Grundbedürfnisse des Menschen jenseits von Konventionen und Konsumbegeisterung.

„Die Not wird die Hölle des Luxus endigen; sie wird die zermarterten, bedürfnislosen Geister, die diese Hölle in sich schließt, das einfache, schlichte Bedürfnis des rein menschlich sinnlichen Hungers und Durstes lehren; gemeinschaftlich aber wird sie uns auch hinweisen zu dem nährenden Brote, zu dem klaren süßen Wasser der Natur; gemeinsam werden wir wirklich genießen, gemeinsam wahre Menschen sein.“

Das schrieb Richard Wagner in Das Kunstwerk der Zukunft. Vielleicht hat der Regisseur Calixto Bieito den „Aktstatisten“ auch deshalb erfunden, um uns ein Gegenbild zur „Hölle des Luxus“ zu zeigen?

6 thoughts on “Nacktkritik

  1. Ich weiß nicht wie es anderen Menschen so geht, aber mich verstört ein Nackter nicht, im Gegenteil: Nacktheit auf der Bühne langweilt mich. Es nimmt viel zu viel Raum ein für nichts! Wenn man schon die Leute aus der Generation Porno schocken und aufrütteln will müsste man schon etwas mehr bieten. Vielleicht Sex mit Tieren oder mit dem Intendanten. Aber ist das die Stärke von Musik-Theater?

      1. Nein. Ich sehe nur einen Sänger ohne Kostüm. Die stärken des Musiktheaters liegen auf einer anderen Ebene. Wenn es um das Innere des Menschen geht kann der Fokus auf das Äußere nur stören. Nacktheit ist nunmal eindeutig oberflächlich.

  2. Ist Kleidung nicht auch eine Schicht Oberfläche? Für mich bedeutet Musiktheater sinnliches Erleben, geistige und emotionale Anregung, ein Fest der leiblichen Kopräsenz. Kunst, die durch Körper, durch Stimme hervorgebracht und erzählt wird, sollte sich nicht durch den Vorwurf „Nacktheit diene der reinen Provokation“ seitens einer kollektiven Prüderie (- die scheinbar elitär ist, weil einer kultivierten Erhabenheit über Nackheit folgend -) einschränken müssen. Gerade in einer Gesellschaft, die wie Sie schon andeuteten, „oversexed“ ist, erlebe ich es als einen spannenden und eben nicht willkürlichen Prozess, mich in einem Theaterraum mit der Erscheinung „Nacktheit“ auseinanderzusetzen.

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