Elektra // Schwesterchen komm tanz‘ mit mir

Gedanken zu den Schwesterfiguren mittels der Partitur von Richard Strauss‘ Elektra

von Johanna Danhauser

Keifend, in spitzen Dissonanzen ziehen die Mägde am mykenischen Hof über die Tochter des Hauses her. Sie sei „giftig wie eine wilde Katze“, ein „Dämon, der frei in Haus und Hof sein Unwesen treibe“[1]. Richard Strauss hat jeder eine dissonant-bösartige Stimme in den Mund gelegt, sodass ein bissiges Lästertableau entsteht: Noch vor ihrem ersten körperlichen Auftritt wird die Titelheldin Elektra in den hässlichsten Farben gemalt. Die andere Tochter des Hauses, Chrysothemis, ist nicht Objekt ihres Spotts. Mit den neuen Hausherren Aegisth und Klytämnestra hat sie sich arrangiert. Sie verhält sich unauffällig und lenkt nicht wie Elektra durch Wutanfälle alle Augen auf sich. Charakteristisch ist, dass sie für einen Moment still „in der Haustür stehend“[2] beobachtet, bevor sie erstmals leise das Wort ergreift. Richard Strauss und Librettist Hugo von Hofmannsthal schaffen in Chrysothemis und Elektra polarisierende Lebensrealitäten, die sich gegenseitig reflektieren.

Das Libretto der 1909 uraufgeführten Literaturoper legt die Grundlage für ein psychologisch motiviertes Beziehungsgeflecht. Hofmannsthals Bearbeitung der antiken Vorlage verdichtet das Personenmaterial und fokussiert so die ungleichen Frauenfiguren: Elektra, Chrysothemis und Klytämnestra. In ihrer Anlage erkennt man den Einfluss der damals aktuellen psychoanalytischen Theorien Freuds zur Hysterie und Nietzsches philosophische Betrachtungen „Psyche, Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen“.[3] Richard Strauss führt in der musikalischen Ausgestaltung das gebrochene Seelenleben der Figuren weiter: „Es ist als gäbe er jedem der unzähligen „ Bilder“ in den Seelen der handelnden Personen einen Untergrund, nicht nur einen eigenen Rahmen. Es ist eine besondere Form der Psychologie, ja manchmal fast der Psychoanalyse, die der Komponist hier in Töne umzusetzen versteht.“[4] Grundsätzlich sind beide Schwestern im Stimmfach Sopran eingeordnet, was sowohl auf verwandtschaftliche Bindung, als auch auf ihre Ebenbürtigkeit hinweist. Doch in seinen Memoiren stellt Strauss Elektra scheinbar abwertend als „die dämonische Rachegöttin gegen die Lichtgestalt ihrer irdischen Schwester“.

Chrysotemis‘ erste Gesangsstelle ist formal an den konventionellen Arienaufbau angelehnt[5] und verdeutlicht ihre Beherrschtheit inmitten der irren Familie. Da Strauss die Kompositionen Richard Wagners bewunderte und sich an dessen Technik inspirierte, kann man Chrysothemis Einsatz in der Tonart Es-Dur, ebenso wie das Rheinmotiv im Ring des Nibelungen, mit der unversehrten Natur verbinden. Ihre melodiöse Stimmführung wird von den typisch weiblichen Instrumenten, Flöte und Violine, begleitet: Der hohe, warme Klang vereinigt sich mit ihrer Singstimme zu einem harmonischen Fluss. In ihrem Ausdruck wird Chrysothemis dem antiken Schönheitsideal der Ausgeglichenheit gerecht.[6] Ihr Lebenstraum vom „Weiberschicksal“[7], also eine eigene Familie zu gründen, setzt die Loslösung von der verfluchten Familie voraus. Abgeschnitten von der außerfamiliären Gesellschaft wird sie ungeduldig, denn die Zeit arbeitet gegen ihre jugendliche Schönheit. Doch selbst ihr verzweifelter Ausbruch gegenüber der Schwester („Ich hab’s wie Feuer in der Brust, es treibt mich immerfort herum im Haus[…]“)[8] wirkt noch gezügelt. Ihre Existenz erinnert an die eines schönen, aber einsamen Paradiesvogels im goldenen Käfig.

Im Gegensatz zur periodisch strukturierten Ausdrucksform Chrysothemis‘ ist Elektras Gesangspart gänzlich unregelmäßig. Jäh aufblitzende musikalische Gedanken reihen sich aneinander, durchzogen vom Agamemnonmotiv, das die einzige Konstante in ihrer inneren Zerrissenheit bildet. Sie fixiert sich bedingungslos auf die Vergeltung des Mords an ihrem Vater. Der Gedanke liegt nahe, dass dieser Elektra durch eine Vergewaltigung physisch und psychisch an sich gekettet hat: „Meine Scham habe ich geopfert, die süßer als Alles ist, die Scham, die wie der Silberdunst, der milchige des Monds, um jedes Weib herum ist[…]. Diese süßen Schauer hab ich dem Vater opfern müssen.“[9] Sein omnipräsentes Motiv in der transzendenten Tonart b-Moll, holt sie mit emotionalem Druck ein. B-Moll sei nach Christian F. D. Schubarts „Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst“ zudem ein Sonderling, der mehrenteils in das Gewand der Nacht gekleidet sei und sich missvergnügt gegen Gott und die Welt aufbäume[10]. Bis zum Wiedersehen ihres Bruders, den sie als einzigen Vertrauten wähnt, verdrängt Elektra den inzestuösen Missbrauch. Allein der Rachegedanke gibt ihrem Dasein Sinn und füllt die innere Leere, die durch die Abwesenheit des Vaters entstanden ist. Gleichzeitig spürt sie, dass ihr Leben nach dem Muttermord beendet sein wird: „Weil ich den Reigen führen muss, und ich kann nicht, der Ozean, der ungeheure, der zwanzigfache Ozean begräbt mir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann mich nicht heben!“[11] Im ekstatischen Freudentaumel tanzt sie sich zu Tode.

Während die jungfräuliche Schwester sich an ihre Weiblichkeit klammert, verbietet sich Elektra sämtliche Fraulichkeit und Weichheit. Verloren in dem sie umgebenden sozialen Geflecht verwahrlost sie auch körperlich. „Elektra trägt ein verächtlich elendes Gewand, das zu kurz für sie ist“[12], lästern die Mägde. Sie erkennt ihren Verfall erst im Angesichts ihres Bruders: „Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester, mein armes Kind! Ich weiß, es schaudert dich vor mir, und war doch eines Königs Tochter.“ Hofmannsthal wählt für Elektra kalte Worte, die aber gleichwohl in einer eigenständigen Klanglichkeit das Makabre illustrieren. Unverblümt beschreibt sie den Mord am Vater („Sie schlugen dich im Bade tot, dein Blut rann über deine Augen, und das Bad dampfte von deinem Blut“)[13] und erkennt den Tod mit all seinen Grausamkeiten. In Verbindung mit Strauss‘ aufgewühltem Orchestersatz, der an die Grenzen der Tonalität stößt, erschafft Hofmannsthal onomatopoetisch einen akustischen Blutrausch der nicht nur Elektra, sondern die Sinne aller Figuren umnebelt

Auch Chrysothemis, das scheinbar menschlichste Familienmitglied, ist moralisch verroht. Opportunistisch steht sie immer auf der Seite der Mächtigen. Sie passt sich zunächst Klytämnestra und Aegisth an und positioniert sich dann nachträglich bei den Verschwörern. Für ihre Befreiung will sie sich selbst nicht die Finger schmutzig machen. Obwohl sie Elektra die Beihilfe zum Mord versagt, verkündet sie endlich mit grotesker Freude den Tod der Mutter. Chrysothemis‘ Schönheit verzerrt sich an diesem Punkt zu einer nicht minder grausamen Maske der Abscheulichkeit. Die Geschehnisse und die Gefangenschaft haben auch sie abgestumpft.


[1] Vgl. Hofmannsthal, In: Pahlen: S. 13 – 15
[2] Vgl. ebd.: S. 35
[3] vgl. Bayerlein: S. 13
[4] Vgl. Pahlen: S. 40
[5] Vgl. Bayerlein: S. 172
[6] Vgl. Hofmannsthal: S. 2
[7] Vgl. Singer: S.46
[8] Vgl. Singer: S. 42
[9] Vgl. Hofmannsthal, In: Pahlen S. 107
[10] Vgl. Schubart: S. 284 – 287
[11] Vgl. Singer: S. 236
[12] Vgl. ebd.: S. 14
[13] Vgl. ebd.: S. 22

Quellen
Bayerlein, Sonja: Musikalische Psychologie der drei Frauengestalten in der Oper Elektra von Richard Strauss. Osthoff, Wolfgang (Hrsg.), Hans Schneider Verlag, Tutzing, 1996

Hofmannsthal, Hugo von: Das Buch der Freunde. Tagebuch-Aufzeichnungen. Zitiert nach: Elektra. Programmheft der Deutsche Oper Berlin, Meyer, Andres K.W. (Hsg.), Berlin, Spielzeit 2007/2008

Pahlen, Kurt: Richard Strauss. Elektra. Textbuch. Einführung und Kommentar von Kurt Pahlen, Piper/Schott Verlag, Mainz, 1995

Schubart, Christian Friedrich Daniel: Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, Reclam Verlag, Leipzig, 1977

Strauss, Richard: Elektra. Klavierauszug. Singer, Otto (Hrsg.), Fürstner Verlag, London, 1943


Elektra

Von Richard Strauss
in deutscher Sprache mit Übertiteln

Musikalische Leitung: Ulf Schirmer, Georg Fritzsch, Regie: Peter Konwitschny, Bühne und Kostüme: Hans-Joachim Schlieker, Video: Signe Krogh, Licht: Manfred Voss, Chor: Johannes Knecht, Dramaturgie: Werner Hintze, Juliane Votteler, Jens Schroth

Klytämnestra: Doris Soffel, Elektra: Rebecca Teem, Chrysothemis: Simone Schneider, Aegisth: Torsten Hofmann, Orest: Shigeo Ishino, Pfleger des Orest: Sebastian Bollacher, Vertraute: Anna Matyuschenko, Schleppträgerin: Brigitte Czerny, Ein junger Diener: Alois Riedel, Alexander Efanov, Alter Diener: Daniel Kaleta, Die Aufseherin: Catriona Smith, Erste Magd: Stine Marie Fischer, Zweite Magd: Josy Santos, Dritte Magd: Maria Theresa Ullrich, Vierte Magd: Esther Dierkes, Fünfte Magd: Mandy Fredrich, Agamemnon: Bernhard Conrad, Mit: Staatsopernchor Stuttgart


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