Den Himmel erringen

»Den Himmel zu erringen, ist etwas Herrliches und Erhabenes, aber auch auf der lieben Erde ist es unvergleichlich schön. Darum lasst uns Menschen sein«, schreibt Wolfgang Amadeus Mozart, den wir zwei Tage vor seinem Geburtstag mit Werken ehren, die so klingen, als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst. Auf Mozarts himmlisches und voll »menschlicher« Dialoge steckendes Hornquintett folgen Meisterwerke seiner Nachfolger: György Ligetis Sechs Bagatellen für Bläserquintett und Johannes Brahms’ zweites Streichsextett. Als diese Werke geschrieben wurden, waren ihre Komponisten jeweils erst knapp 30 Jahre jung – entstanden sind, dessen ungeachtet, Perlen der Kammermusik, die uns für Momente das Glück schenken, den Himmel auf Erden zu fühlen.

von Rafael Rennicke

Einst gehörten sie in jeden gut geführten Haushalt: die »Unvergängliche Klassik« oder »Meisterwerke der Musik« titulierten Nachschlagewerke, die Ende des 19. Jahrhunderts in Mode kamen und bis heute in immer wieder neuen Anläufen den Markt populärer Musikbücher beleben. Durchblättern wir sie, so ist fast ausgemacht, welchem Komponisten darin die meisten Einträge gelten: Wolfgang Amadeus Mozart. Doch wen will das schon wundern – wo bereits »die ganze Erscheinung dieses Komponisten«, wie Wolfgang Hildesheimer in seinem Mozart-Bestseller von 1977 meinte, »ein einmaliges, nie wiederholtes Kunstwerk war« und die Engel im Himmel, wenn sie unter sich seien, so die Vermutung des Theologen Karl Barth, Mozart spielen würden? Mozart selbst, der um sein »superieures Talent« zwar wusste, doch gleichzeitig mit einem guten Schuss Humor und einem unwiderstehlichen Hang zur Albernheit gesegnet war, hätte ob solch’ rührseliger Mythologisierungen und kitschverdächtiger Verklärungen wohl nur schallend gelacht. Und sodann mit derselben Leichtigkeit, Ausgelassenheit und Selbstverständlichkeit, wie sie uns etwa im Finalsatz seines Hornquintetts begegnet, einfach weiterkomponiert.

Alfred Einstein bezeichnete Mozart, in seinem Buch Größe in der Musik von 1941, als »den so leicht Nachzuahmenden und Unnachahmlichen« – und wie kaum einem zweiten Komponisten dürfte dies Johannes Brahms bewusst gewesen sein. Die Bewunderung und Ergriffenheit, die uns angesichts von Mozarts so rätselhaft unfehlbar scheinenden Kompositionen regelmäßig befällt, kannte auch er, der sich fast zeitlebens als Nachgeborener verstand, als Erbe einer langen, mächtigen Vergangenheit. Und doch schuf gerade auch der von Selbstzweifeln so oft zerrissene Brahms das, was schon manche seiner Zeitgenossen und erst recht spätere Generationen »Meisterwerke« nennen sollten: Gleich Mozarts Hornquintett ist auch sein zweites Streichsextett ein genialischer »Wurf«, der so klingt, als wäre er wie aus einem Guss entstanden. Bescheiden, zurückgezogen und ohne zahlreiche Beziehungen nach außen lebend, schuf Brahms hier eine höchst intensive und von unzähligen Beziehungen durchzogene Musik, der immer wieder die bewunderten Vorbilder Schubert und Beethoven – und, wie im hurtigen, elfenhaften Finalsatz, Mendelssohn – über die Schultern schauen.

Und György Ligeti? Der sah sich beim Komponieren seiner Sechs Bagatellen für Bläserquintett »auf der – zunächst vergeblichen – Suche nach einem eigenen Stil«. Mag er zu diesem in diesem einen seiner frühesten überlieferten Werke auch noch nicht gefunden und darum, wie Brahms, an seine musikalischen Vorbilder angeknüpft haben, so sind seine Bagatellen, dessen ungeachtet, sechs kleine Meisterwerke kammermusikalischer Pointierungskunst, Phantasie und Raffinesse. Und wie Geistesblitze fährt es in uns, wenn diese Stücke – obwohl ganz und gar Musik – ein ums andere Mal über sich hinausweisen, zeigen, sprechen und mahnen: Sie künden, wie jedes große Kunstwerk, von der Freiheit, die sein könnte, wenn wir wirklich frei wären.


4. Kammerkonzert

25.01.2017 I 19:30 Uhr, Liederhalle (Mozartsaal)
Einführung 30 Minuten vor Beginn im Mozartsaal, Liederhalle
WOLFGANG AMADEUS MOZART
QUINTETT ES-DUR KV 407 FÜR HORN, VIOLINE, ZWEI VIOLEN UND VIOLONCELLO (1782)
CA. 17 MIN

GYÖRGY LIGETI
SECHS BAGATELLEN FÜR BLÄSERQUINTETT (1953)
CA. 15 MIN

PAUSE

JOHANNES BRAHMS
STREICHSEXTETT NR. 2 G-DUR OP. 36 (1864-65)
CA. 35 MIN


© Sebastian Klein / Licht-Schein Fotografie
Quer: v.l. Philipp Körner, Elena Graf, Claudius Müller, Madeleine Przybyl, Jan Melichar

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