Werkraum Tschaikowsky 2

Eine Buchempfehlung von Sergio Morabito

Alexander Poznanskys 1998 erschienene Studie Tschaikowsys Tod ist die wissenschaftliche Aufarbeitung der Skandalgerüchte um des Komponisten Nötigung zum Selbstmord durch ein „Ehrengericht“ ehemaliger Jura-Kommilitonen, die der angeblich drohenden Aufdeckung der erotischen Beziehung des Komponisten zu einem jungen Mann aus den höchsten Gesellschaftskreisen zuvorkommen wollten. Gerüchte, die es – auf Grundlage dilettantischer, seit den 80er Jahren von der Exilrussin Alexandra Orlova gestreuten Mystifizierungen – immerhin bis in namhafte Fachlexikas  geschafft haben. Das Buch sei hiermit allgemein empfohlen: Der Autor zeigt sehr schön, dass und wie Gerüchte und ihre erratische Eigendynamik vor allem etwas über die Gesellschaften erzählen, die sie ausbrüten, im vorliegenden Fall über das offizielle Totschweigen des „Tabuthemas“ Homosexualität in der Sowjetunion. Leider, oder muss man sagen: dankenswerterweise  gewinnt das Buch darüber im „postfaktischen“ Zeitalter auch eine ganz unverhoffte Aktualität.
Die Studie ist implizit die beste Ideologiekritik an der auch heute noch immer wieder und auch auf Theaterbühnen gedankenlos reproduzierten Imago Tschaikowskys als verquälter Schmerzensmann und Märtyrer seiner Homosexualität. Poznansky rekonstruiert das vergleichsweise tolerante Klima, von dem der Umgang der vorrevolutionären russischen Oberschicht mit Homosexualität in ihren Reihen geprägt war, und analysiert treffend das angst- und schuldbesetzte (Un-)Verständnis von Homosexualität, das Orlova mit ihrer Strafphantasie auf einen Künstler zu projizieren versuchte, der seine Erotik bemerkenswert frei und gelassen akzeptiert und ausgelebt hat.

Alexander Poznansky: Tschaikowskys Tod. Geschichte und Revision einer Legende, Mainz, 1998.


Das Faltblatt „Werkraum Tschaikowsky“ zum Herunterladen

Werkraum Tschaikowsky

14. und 15. Januar 2017

SAMSTAG, 14. JANUAR 2017
15.00 – 16.30 UHR │ FOYER I. RANG

ÜBER „EUGEN ONEGIN“ UND DIE JÜNGERE INSZENIERUNGSGESCHICHTE DIESER OPER

Ein Vortrag mit Video-Einspielungen von Alexej Parin, Moskau

SONNTAG, 15. JANUAR 2017
11.00 – 12.00 UHR │ FOYER I. RANG

„DIE AKTE TSCHAIKOWSKY – BEKENNTNISSE EINES KOMPONISTEN“

Ein Film von Ralf Pleger (gebrueder beetz filmproduktion, in Zusammenarbeit mit ZDF und arte, 2015, DVD-Projektion)

 

12.15 – 13.30 UHR │ FOYER I. RANG

DAS ANDERE PETERSBURG ZUR ZEIT TSCHAIKOWSKYS

Ein Vortrag von Professor Philip Ross Bullock, Oxford

21.00 – 23.00 UHR │ FOYER I. RANG

„TSCHAIKOWSKY – GENIE UND WAHNSINN“

Ein Film von Ken Russel (1971, DVD-Projektion)

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