Werkraum Tschaikowsky 1

Über „Eugen Onegin“ und die jüngere Inszenierungsgeschichte dieser Oper

Ein Vortrag von Alexej Parin mit Video-Einspielungen
Samstag, 14. Januar um 15 Uhr
Foyer I. Rang
„Aber schauen wir uns die Briefszene genauer an. Lyrische Wellen tragen Tatjana auf einen Gefühlshöhepunkt. Die Orchesterbegleitung zur Briefszene ist wie ein nicht zu stoppender Lauf, der den geistigen Raum öffnet und ihn weiter und weiter macht — ein Feld, der Spiegel eines Sees, die Weite des Meeres, der ewig unendliche Kosmos. Tschaikowski durchbrach geradezu mit seinen musikalischen Bildern die Grenzen seiner Zeit, ebenso wie seine Tatjana die moralischen Vorschriften ihrer gesellschaftlichen Schicht hinter sich lässt. Wahrscheinlich finden wir nur noch bei Gustav Mahler ein solches alles hinwegfegendes, gehoben-lyrisches, aber dabei erotisch-körperliches, frösteln machendes Gefühl, das mit den Mitteln der Musik ausgedrückt wird.
Tatjana verströmt ihre Liebe, deren Trägerin und Symbol sie wird, auf ihren Auserwählten. Sie verletzt eines der wichtigsten Tabus der Männergesellschaft, demzufolge die Frau ergeben der Wahl des Mannes zu folgen hat. Wer von den Opernheldinnen ist zu diesem Schritt bereit?“
Aus Paradigmen der russischen Oper von Alexej Parin

 

In seinem Vortrag wird Alexej Parin darüber sprechen, wie unterschiedlich ein russisches und ein nicht-russisches Publikum den Versromans von Puschkin und die Oper von Tschaikowsky empfinden. Für Russen ist der Roman und die Oper etwas selbstverständliches – schon in den Kinderjahren – und deren psychologische und „mythische“ Dimension wird als sich stets erneuernd angesehen. Für nicht-russische Regisseure ist Eugen Onegin ein Modell für soziologische und sogar politische Betrachtungen, was in Russland leicht als verfehlt empfunden werden kann.
Im Rahmen seines Vortrags wird er Ausschnitte aus Inszenierungen von Willy Decker und Andreas Homoki, Krzisztof Warlikowski und Stefan Herheim, Barrie Kosky und Andrea Breth, Dmitri Tcherniakov und Andrij Zholdak zeigen.

 


Alexej Parin

Dr. Alexej Parin, Theaterwissenschaftler, Musikkritiker, Librettist, Lyriker und Nachdichter, wurde 1944 in Moskau geboren.

In seinen Übersetzungen wurden Werke europäischer Dichter von der Antike bis zur Gegenwart, von Sappho und Ovid bis Paul Celan und Jacques Roubaud veröffentlicht. Lyrik aus verschiedenen Epochen wurde in der Anthologie Der verliebte Wanderer. Westeuropäische Lyrik in Nachdichtungen von Alexej Parin (2004) gesammelt. Seine eigene Lyrik wurde in einzelnen Bänden nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland (Interludien, Freiburg i.Br., 1991) und Frankreich veröffentlicht. Im Jahre 2015 veröffentlichte er seinen ersten Roman Chroniken der Stadt Leonsk, der auch deutsch im Jahre 2016 erschienen ist.

Parin verfasste Libretti für russishe Komponisten wie Wassili Lobanow, Wladimir Kobekin, Katja Chemberdji und Alexander Raskatow, den Ukrainer Alexander Shchetynsky, den Israeli Iossif Bardanashvili und den Franzosen Philippe Fenelon.

Parin ist Verfasser von mehr als 800 Essays und Aufsätzen über Musik und Musiktheater in der russischen sowie ausländischen Presse und in den wissenschaftlichen Bänden. Mehr als 20 Jahre präsentiert Parin Musikfeatures an den Sendern Echo Moskaus und Orpheus. Seine Bücher Der Gang in eine unsichtbare Stadt. Paradigmen der russischen Opernklassik (1999, deutsch 2016) und die Trilogie Um das Singen, um die Oper, um den Ruhm (2003), Das Phantom der russischen Oper (2006), Das europäische Operntagebuch (2007) dokumentieren seine umfassenden wissenschaftlichen und journalistischen Interessen.

Er nahm an vielen internationalen Kongressen teil, leitete Seminare und hielt Vorlesungen an verschiedenen Universitäten und Musikhochschulen Europas (Sankt-Petersburg, Wien, Zürich, Basel, Innsbruck, Leipzig, Strasbourg usw.).

In seiner organisatorischen Tätigkeit, ist die künstlerische Leitung des renommierten Festivals Sakro-Art in Loccum (1995 – 2004), der Inszenierung der Oper Così fan tutte bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen (1999) und mancher Projekte an der Helikon-Oper in Moskau hervorzuheben. Seit 15 Jahren leitet Parin den namhaften Verlag Agraf in Moskau als Chef-Lektor.

Als Dramaturg hat Parin an den Inszenierungen des Regisseurs Dmitri Tcherniakov von Aida (Nowossibirsk), Tristan und Isolde (Mariinski-Theater), Boris Godunow (Staatsoper Berlin), Chowanschtschina (Bayerische Staatsoper), Lady Macbeth von Mzensk (Deutsche Oper am Rhein) und Don Giovanni (Aix-en-Provence) mitgewirkt.


Programmübersicht

WERKRAUM TSCHAIKOWSKY

 


 

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