Mit Witz und Walzern

von Rafael Rennicke

»Stürmisch bewegt« beginnt die liebessehnsüchtige, walzerselige Rosenkavalier-Suite, in der Richard Strauss die populärsten Themen seiner gleichnamigen Oper zusammengefasst hat. Und stürmisch bewegt beginnt auch das Staatsorchester das neue Jahr – gemeinsam mit seinem ehemaligen Generalmusikdirektor Dennis Russell Davies, der nach 30 Jahren ans Dirigentenpult im Littmannbau zurückkehrt. Zum Neujahrskonzert bringt der Amerikaner schwungvolle und mit Witz gewürzte Musik aus seiner alten Wahl-Heimat Deutschland und seiner neuen Wahl-Heimat Österreich mit : Straussens Aufschwünge und Leidenschaften hallen in Hans Werner Henzes packender Ouverture zu einem Theater wider, während Posaunen-Virtuose Mike Svoboda in Kurt Schwertsiks Mixed Feelings hinterlistigen Humor beweist. Joseph Haydns Sinfonie Nr. 86 schließlich sorgt mit Pauken und Trompeten für finalen Glanz und ist ein brillanter, sprühende Laune verströmender Kehraus in den Neujahrsabend.

Nicht alles ist klar und eindeutig in unserer Welt, erst Recht nicht am Neujahrstag. Wie Janus, römischer Gott des Anfangs und des Endes, blicken wir zurück ins alte Jahr und ins neue hinein, wehmütig oder hoffnungsvoll oder beides zugleich, mit gemischten Gefühlen … Da mag es vielleicht günstig sein, dass uns die Musik dieses Neujahrskonzerts mit ihrem Schwung und Schwanken, Schillern und Trillern geschwisterlich zur Seite steht. »Mit einem nassen und einem trockenen Auge« wollte Richard Strauss, nach eigenem Bekunden, die Musik seines Rosenkavalier komponiert haben – wie überhaupt in dieser Oper alles auf doppeltem Boden steht, halb real, halb imaginär : Welch wunderbarer Anachronismus etwa, dass in die höflich-höfische Welt Maria Theresias, in der die Handlung angesiedelt ist, das Lustvoll-Elementare des Wiener Walzers einfällt – als Gruß aus der Zukunft des 19. Jahrhunderts.

Dass Richard Strauss dabei ausgerechnet den Dynamiden-Walzer seines Namensvetters Josef zitiert, kann kein Zufall sein. Maschinenbautechniker, der Josef Strauss war, war er fasziniert vom unsichtbaren Wirken der Dynamiden, also jener Molekularkräfte, die für den Zusammenhalt und die Anziehung von chemischen Stoffen verantwortlich sind. Der Untertitel dieses Walzers lag für die Zeitgenossen damit auf der Hand : »Geheime Anziehungskräfte«. Und sie wirken auch in diesem Neujahrskonzertprogramm, wenn in Hans Werner Henzes Ouverture zu einem Theater alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, nur scheinbar immer wieder in sich zusammenfällt – oder wenn in Kurt Schwertsiks Konzert für Posaune der doppelte Boden, auf dem die Musik errichtet ist, ins Schwanken gerät und wir mit ihm, hin- und hergerissen zwischen Elegien und Extasen, Tänzen und Träumereien …

Wie gut nur, dass sich der Mensch schon immer auch mit Witz über die Melancholien und Zwiespältigkeiten dieser Welt hinwegzusetzen wusste – »con spirito«, mit Esprit, wie es nicht nur im Schluss-Satz von Schwertsiks Mixed feelings heißt, sondern auch gleich zweimal in Joseph Haydns Sinfonie. Wie nur wenige Dirigenten hat sich Dennis Russell Davies für die Musik dieses in Deutschland noch immer so selten gespielten großen Aufklärers eingesetzt und gerade Haydns Sinfonien als unerschöpflichen Quell für Überraschungen, Witz und Inspiration entdeckt. Im Reigen dieses Neujahrskonzertprogramms durfte neben Richard Strauss und den einstigen Weggefährten von Davies’ Stuttgarter Zeit – Henze und Schwertsik – also auch Haydn nicht fehlen. Und mit Sir Simon Rattle, jenem anderen großen Haydn-Enthusiasten, ist sich Davies sicher, dass »der schlimmste Fehler, den man mit Haydn-Sinfonien machen kann, der ist, sie zum Einspielen an den Anfang eines Konzerts zu setzen. Das sind große, anspruchsvolle Stücke, auch wenn die Besetzung klein ist! Man muss sie dem Publikum am Ende als Höhepunkt des Abends anbieten. Sie eignen sich dazu, den Menschen nach einem aufregenden Programm wieder zivilisiert in die Welt zu entlassen.« Ganz gleich, ob in dieser Welt nun alles klar und eindeutig ist oder nicht.


Video: Philippe Ohl


Neujahrskonzert

Mit Witz und Walzern

Musikalische Leitung: Dennis Russell Davies
Posaune: Mike Svoboda
Staatsorchester Stuttgart
RICHARD STRAUSS
ROSENKAVALIER-SUITE (1945)

KURT SCHWERTSIK
MIXED FEELINGS (GEMISCHTE GEFÜHLE). A CONCERTO FOR TROMBONE AND ORCHESTRA OP. 84 (2001)
DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG

HANS WERNER HENZE
OUVERTURE ZU EINEM THEATER (2012)

JOSEPH HAYDN
SINFONIE NR. 86 D-DUR (1786)

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