Wir gratulieren dem „Rasenden Roland“ zum 500. Geburtstag!

1516 erschien die Erstausgabe eines der erfolg- und folgenreichsten Bücher der Renaissance: der Roman Orlando furioso von Ludovico Ariosto.

von Sergio Morabito

Seinen Stoff hat Ariosto aus jahrhundertealten Erzähltraditionen empfangen. Als historischer Fluchtpunkt dieser Traditionen wird ein Ereignis angenommen, das sich im Jahr 778 zugetragen haben soll: Nach einem gescheiterten Eroberungsversuch von Saragossa war das Heer Karls des Großen zu eiligem Rückzug gezwungen. Die Nachhut geriet am Fuß der Pyrenäen bei Roncisvalle in einen Hinterhalt und wurde niedergemetzelt, auch ein gewisser „Hruodlandus“ soll damals gefallen sein. Drei Jahrhunderte später setzte das Rolandslied seiner Tapferkeit ein Denkmal: erst als er tödlich getroffen ist, entschließt Roland sich, König Karl zur Hilfe zu rufen, in dem er in seinen Olifanten stößt ‒ ein aus einem Elefantenstoßzahn gefertigtes Signalhorn ‒, so fest und kräftig, dass seine Halsschlagader platzt und das Horn zerbirst.

Im 15. Jahrhundert begannen die Dichter die von Humanisten und Gelehrten bis dato herablassend belächelte Trivialkultur rund um „Kaiser Karl und seine Paladine (=Ritter)“ für die Literatur zu entdecken. Ariosto übernahm das Material von seinem unmittelbaren Vorgänger Matteo Maria Boiardo. In seinem Orlando innamorato (Der verliebte Roland, 1483) kombinierte Boiardo die karolingische Epik mit dem bretonischen Fabel- und Zauberwesen der Abenteuer von Merlin, König Artus und der Tafelrunde. Der Roman erzählt, wie Roland, der keusche, fromme Ritter ohne Fehl und Tadel der sinnlichen Leidenschaft für die chinesische Prinzessin Angelica verfällt ‒ inmitten von Turnieren und Duellen, die er und seine Mitstreiter mit Zauberwaffen, Drachen, Magiern, Riesen, guten oder bösen Feen auszufechten haben. Boiardo verstarb, noch bevor er die Arbeit am dritten Band seines Romans zu Ende führen konnte.

Ariosto, der wie Boiardo am weithin gerühmten Musenhof der Herzöge von Este in Ferrara tätig ist, greift die Fäden der Erzählung da auf, wo sie seinem Vorgänger entglitten sind. Keine einzige Figur aus seinem Epos hat er erfunden, auch viele Handlungsmotive Boiardos hat er aufgegriffen und fortgeführt. Aber er schafft ein eigenes poetisches Universum, das diesen phantastischen Gestalten und Ereignissen eine frappierende Echtheit, sinnliche Lebenswirklichkeit und eine geradezu „hyperrealistische“ Anschaulichkeit verleiht ‒ nicht zuletzt auch den genussvoll inszenierten erotischen Eskapaden. „Ariostos Lachen“ habe „dem Mittelalter den Todesstoß versetzt“ ‒ mit diesen Worten hat der Dramatiker Luigi Pirandello einmal dem Autor des Furioso gedankt. Dieses Lachen hat man im Zeitalter der Gegenreformation in katholischen und puritanischen Gesellschaften immer wieder zu ersticken versucht: zu angstbesetzt erschien Ariostos Spielen mit den Geschlechterrollen, sein Postulat der erotischen Freiheit und Gleichberechtigung der Frauen und seine völlig ressentimentfreie Respektlosigkeit dem Klerus gegenüber.

Ariosto komponiert seinen Roman als Versroman und wählt dafür die „ottava Rima“: eine Strophe aus acht elfsilbige Verszeilen mit dem Reimschema abababcc. Dass er diese anspruchsvolle Form mit atemberaubender Geistesgegenwart und Frische zum Funkeln bringt, dabei immer wieder auch persönlich mit dem Leser kokettiert, um auf den ganz und gar fiktiven und spielerischen Charakter seiner Unternehmung hinzuweisen, hat dazu geführt, dass man ihn immer wieder gern als geistreichen Virtuosen unterschätzt. Ariosto ist in Wahrheit der Eulenspiegel des modernen Ich. Die Abenteuer, die seine Helden zu bestehen haben, stoßen ihnen nur scheinbar von außen zu; viel eher gehorchen sie  den Gesetzen des Traumes und des Unbewussten ‒ und in ihren Schicksalen kristallisieren sich die Lebensentwürfe moderner Individuen, die lernen müssen, mit ihrer neu entdeckten und eroberten Freiheit, aber auch mit ihrer Bedingtheit und Unvollkommenheit umzugehen.

dsc01356
Eine Lira da braccio mit sieben Saiten (davon zwei freischwingende Bordunsaiten). Mit diesem Instrument wurde im 16. Jahrhundert bevorzugt die gesungene Rezitation begleitet. Die Gestaltung des Instrumentenkörpers scheint surrealistische Verfremdungsprinzipien vorwegzunehmen. Foto: Dmitry Kunyaev

Ariostos Furioso hat dem europäischen Theater, und vor allem: dem europäischen Musiktheater einen Schatz an Geschichten vermacht, die immer wieder auf die Bühne gebracht wurden. Auch der große Opernkomponist Georg Friedrich Händel hat zwischen 1733 und 1735 drei Geschichten aus dem Furioso, die zugleich drei Hauptstränge in Ariostos Erzähllabyrinth darstellen, musikalisch nacherzählt:

Orlando (1733) berichtet, wie der liebende Orlando über die Entdeckung, dass die von ihm hochherzig Verehrte Angelica ihm, dem Muster aller Rittertums, den verwundeten Sarazenenknaben Medoro vorzieht, seinen Verstand verliert und Amok läuft.

Ariodante (1735) löst eine Episode heraus, die mit dem Romangeschehen über Bradamantes Bruder Rinaldo verknüpft ist: Die Extratouren dieses fahrenden Ritters geben Ariosto Gelegenheit, immer wieder neue Erzählungen einzuflechten. In diesem Fall hat es Rinaldo nach Schottland verschlagen, wo er Zeuge des auch von Händel berichteten Geschehens wird: Die Königstochter Ginevra hat vermeintlich vor den Augen ihres versteckten Bräutigams Ariodante die Treue gebrochen und soll nun bestraft werden ‒ dem berüchtigten „scottish law“ gemäß, das außerehelichen Geschlechtsverkehr mit dem Feuertod ahndet.

Schottlands Gesetz, das strenge, mitleidlose,
verlangt, dass jede, Fürstin oder Magd,
die einen, der nicht ihr Gemahl, liebkose,
des Todes sterbe, wenn man sie verklagt.
Und nichts errettet sie von diesem Loose,
wenn nicht ein Kämpfer aufzutreten wagt,
der mit Erfolg verficht, dass die verschrie’ne
unschuldig sei und nicht den Tod verdiene.
Der alte König, der gern alles täte,
Ginevra, seine Tochter zu befrein,
erließ Proclam‘ an Burgen und an Städte:
wenn einer komm‘ ihr seinen Arm zu leihn
und siegreich der Verleumdung Kopf zertrete,
(nur müss‘ er adligen Geschlechtes sein,)
so woll‘ er ihre Hand ihm und daneben
als würd’ge Mitgift Rang und Reichtum geben.
Kömmt aber niemand oder stellt sich einer,
der unterliegt, so ist’s um sie geschehn.
Da sprach Rinald: »Tod also lohnt der Armen,
dem Mädchen, das so freundlich und so gut
den Liebenden in liebevollen Armen
abkühlen ließ die allzu mächt’ge Glut?
Verflucht, wer dies Gesetz gab ohn‘ Erbarmen!
Verflucht, wer es erträgt mit kaltem Blut!
Dass sie es nicht getan hat, sag‘ ich nicht;
da ich’s nicht weiß, so könnt‘ ich falsches sagen.
Ich sage nur, dass jeder Grund gebricht,
ob solcher Tat sie peinlich anzuklagen,
und sag‘: ein Narr war und ein Bösewicht,
wer dies Gesetz gemacht in frühern Tagen,
und dass man es als ungerecht und toll
aufheben und ein bessres machen soll.
Wenn unser und das andere Geschlecht
ganz von derselben Glut, demselben Triebe,
den dummer Pöbel sich zu schmähn erfrecht,
genötigt wird zum süßen Ziel der Liebe,
wie straft man denn ein Weib und nennt es schlecht,
selbst wenn sie das mit mehr als einem triebe,
was unser eins, so oft er Lust hat, treibt
und Lob empfängt, geschweige straflos bleibt?
Durch dies verschiedne Recht, das sag‘ ich frei,
ist Weibern großer Nachtheil widerfahren,
und zeigen werd‘ ich, wenn Gott will, es sei
sündhaft, so schlechte Regeln zu bewahren.«
(aus dem vierten Gesang des Rasenden Roland, übersetzt von Otto Gildemeister)

Alcina (1735) spielt sich vor dem Hintergrund der aus inneren wie äußeren Gründen immer wieder verzögerten und aufgeschobenen Hochzeit des sarazenisch-christlichen „Halbbluts“ Ruggieros mit der christlichen Ritterin Bradamante ab. Die endliche Hochzeit der beiden stellt auch das Ende des Romans dar ‒ und schlägt die Brücke zu Ariostos eigene Gegenwart, denn beide sollen die Stammeltern des Hauses von Este sein.

Nachdem an der Oper Stuttgart im Herbst dieses Jahres noch einmal eine gefeierte Aufführungsserie von Alcina zu sehen war, feiert am 5. März Ariodante Premiere. In dieser Neuproduktion wirken in Hauptrollen die Ensemblelieblinge Diana Haller und Ana Durlovski mit, unter Musikalischer Leitung von Giuliano Carella und in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito.

oper_barock
Barockoper


Beitragsbild: Die erste Orlando Furioso-Vertonung: eine dreistimmige Vertonung der Liebesklage Orlandos, noch vor Erscheinen des Erstdrucks 1511/12 von Bartolomeo Tromboncino komponiert. Foto: Dmitry Kunyaev

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s