MEHR ALS NUR MEER: ›LA MER‹ UND SEINE GESCHWISTER

von Rafael Rennicke

Das Meer hat schon unzählige Künstler in Bann gezogen, und Claude Debussy war mit seinem 1905 uraufgeführten Orchesterwerk La Mer nicht der erste Komponist, der seine Faszination für das Meer und alles Maritime in Klänge überführt hat. Nur einige Jahrzehnte zuvor, im Jahr 1889, komponiert der Russe Alexander Glasunow La MerFantaisie pour grand orchestre, und ein Jahr später schreibt der belgische Komponist Paul Gilson ein Werk gleichen Namens und versieht es mit dem bis dahin seltenen Untertitel Esquisses symphoniques. Diese »symphonischen Skizzen« – eine veritable viersätzige Symphonie mit Sonnenaufgang, scherzoartigem Gesang und Tanz der Matrosen, Abenddämmerung und entfesseltem Sturm-Finale – wurden von den Zeitgenossen begeistert aufgenommen und häufig gespielt, und es kann kaum ein Zweifel bestehen, dass auch Debussy das Werk in Paris gehört hat, wo es bald nach der Brüsseler Uraufführung im Jahr 1892 in den »Concerts Colonne« erklang. Auf jeden Fall ist es verblüffend, mit welchem Untertitel Debussy sein La Mer zehn Jahre später versah – nämlich mit jenem Gilsons: Esquisses symphoniques.

Und doch: Es liegen Welten zwischen dem musikalischen Meer von Gilson und jenem Debussys. Denn während der Belgier alle musikalischen Mittel aufbietet, um das Meer mit seinen Klängen und Geräuschen, Schönheiten und Schrecken zur Darstellung zu bringen – Matrosen inklusive –, stand Debussy allem Bildlichen und Konkret-Inhaltlichen mit scheuer Zurückhaltung gegen- über. Zwar tönt das Rauschen des Meeres auch aus seiner Musik, und wir hören das glitzernde Spiel der Wellen und das Heulen des Windes – mehr aber wird sich in La Mer nicht benennen lassen. Anders als der Programm-Musiker Gilson versucht Debussy nicht, das Meer zu schildern oder zu malen, sondern er versucht, seine Musik wie das Meer selbst tönen zu lassen. Nicht Abbild der Natur will sie sein, sondern selbst ein Naturvorgang.

Das Titelblatt, das Debussy für die Erstausgabe der Partitur ausgewählt hatte (siehe die nebenstehende Abbildung), ist darum ein veritabler trompe l’œil, eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte optische Täuschung. Denn so sehr Debussy von der in Frankreich en vogue gewesenen Japan-Mode fasziniert war und seiner Musik mithilfe fernostasiatischer Ganz- und Fünftonskalen ein schillerndes, exotisches Gepräge verliehen hatte, so weit entfernt steht sie doch von der konkreten Bildlichkeit, mit der Natur in dem berühmten Holzschnitt Die große Welle (1832) des japanischen Künstlers Hokusai eingefangen ist. Ist dort das Wasser bis hin zum Spritzen der Tropfen förmlich zum Greifen nah, verfolgen alle musikalischen Mittel bei Debussy den einzigen Zweck, gerade nicht greifbar zu sein, sondern eine ungreifbare Distanz herzustellen. »Sie wissen vielleicht nicht«, schreibt Debussy in einem Brief aus der Entstehungszeit des Werks, »dass ich für die schöne Laufbahn eines Seemanns bestimmt war, und dass nur die Zufälle des Lebens mich davon abgebracht haben. Nichtsdestotrotz habe ich dem Meer eine aufrichtige Leidenschaft be- wahrt – und habe unzählige Erinnerungen daran; das ist meiner Meinung nach mehr wert als eine Realität, deren Zauber in der Regel die Gedanken zu schwer belastet.«

Und so ist das Meer für Debussy, den gescheiterten Seemann und großen Erinnerungskünstler, nur der Anlass, um Natur in seiner Musik direkt tönen zu lassen, ganz ohne den Umweg gedanklicher, bildlicher Vorstellungen: Aus dem Auf- und Abwogen der kurvenreichen, ziellosen Klangbänder mit ihren unzähligen Bewegungs- und Tempoänderungen, aus den fernen Rufen und schallenden Hymnen, dem flirrenden Tänzeln und verhangenen Singen spricht die pure Natürlichkeit, die im Augenblick sich erschaffende und in jedem Moment neue Gebilde gebärende geheimnisvolle Naturhaftigkeit der Musik. Sie ist es, die auf den Spuren Debussys und auf den Spuren seiner eigenen kulturellen Tradition auch der japanische Komponist Tōru Takemitsu in jenen sei- ner Werke zu ergründen suchte, die vom Wasser ihren Ausgang nehmen: »Ich liebe das Meer. Es hat viele Gesichter. Es wirbeln unzählige Strömungen darin umher, jede mit einem eigenen Tempo, einer eigenen Farbe und einer eigenen Temperatur. Dieses Phänomen erinnert mich an die Struktur von Musik«, meinte Takemitsu, für den das Motiv des Fließens auch schon deshalb an Innerstes und Elementarstes rührte, als es zentrales Element der Philosophie des Zen-Buddhismus ist. Wenn in Quotation of Dream Zitate aus Debussys La Mer wie Erinnerungsspritzer aus vagen, unergründlichen Tiefen auftauchen, hat Takemitsus Musik längst die Gestalt eines Ur-Meeres an- genommen, eines so gewaltigen wie geheimnsivollen Gedächtnisraums, in dem – mit dem Philosophen Ernst Bloch gesprochen – »Äußeres versinkt und nur ein Brunnen zu reden scheint«.

Und die Musik von Bach? Glauben wir einigen ihrer größten Bewunderer – und nicht nur Debussy zählte zu ihnen –, so will auch sie nicht Abbild von Äußerem sein, sondern es tönt aus ihr und ihrem frei hervorsprudelnden Bewegungsfluss, der »reicher ist als das weiteste Meer« (Rainer Maria Rilke), die Natur selbst: »die vollkommene Form, die den ›Inhalt‹ verschluckt und aufgelöst hat und in sich selber schwebend nur noch atmet und schön ist« (Hermann Hesse). Wir sitzen und lauschen auch hier an den Ufern des Urquells Musik.

 

screenshot-2016-11-21-07-52-03Mit diesem Text sei auf den Themenschwerpunkt SEESTÜCKE des Konzert- und Musiktheater- Spielplans der Oper Stuttgart hingewiesen. Unter diesem Titel – in der Malerei der Begriff für Meeresdarstellungen – versammeln wir in dieser Spielzeit Kompositionen, die die Magie des Meeres, seine Verheißungen und Schrecken in unterschiedlichsten stilistischen Idiomen und Facetten widerspiegeln: impressionistisch, folkloristisch oder hochdramatisch. Der Bogen reicht von Richard Wagners Der fliegende Holländer (ab 8. Januar 2017) und der Musiktheater-Produktion Gold an der Jungen Oper (ab 14. Januar) über Benjamin Brittens Four Sea Interludes (4. Sinfoniekonzert, 12. März), Malcolm Arnolds Three Shanties für Bläserquintett (6. Kammerkonzert, 26. April) und den Liederabend La regata veneziana (18. Juni) bis hin zum »Seestücke«- Höhepunkt, der Neuproduktion von Benjamin Brittens Oper Der Tod in Venedig am 7. Mai.


Beitragsbild: Titelblatt der Erstausgabe von Claude Debussys La Mer (Paris 1905). Es zeigt den von Debussy selbstgewählten Ausschnitt aus dem Holzschnitt Die große Welle (1832) des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai (1760–1849) – und führt den Betrachter doch auf eine falsche Fährte. Denn nicht tonmalerische Abbildung von Natur will Debussys Musik sein, sondern vielmehr wie ein Naturvorgang selbst tönen.


1. SINFONIEKONZERT

MAREK JANOWSKI DIRIGIERT BRUCKNER

Musikalische Leitung: Marek Janowski
Staatsorchester Stuttgart
ANTON BRUCKNER
SINFONIE NR. 5 B-DUR (1875-78)
9. OKT 2016, 11 UHR │ 10. OKT 2016, 19.30 UHR

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