Musik der Freiheit 2

NATUR UND IMAGINATION

»Musik ist eine freie Kunst, frei hervorsprudelnd, eine Pleinair-Kunst, eine Kunst nach dem Maß der Elemente, des Windes, des Himmels, des Meers!«

Diesen Worten Claude Debussys ist noch heute der erhöhte Herzschlag anzumerken, mit dem der französische Komponist und seine Freunde die Stubengelehrsamkeit der Akademien hinter sich ließen und auszogen, um endlich das zu schreiben, wonach sie sich sehnten: freie Musik. Sie fanden sie im Freien, in der Natur, die fortan ihre Lehrmeisterin wurde. Nicht um die Abbildung von Natur ging es ihnen dabei, im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger, die »Programm-Musik« komponierten. Vielmehr versuchten sie, tief hineinzuhorchen ins Leben und Weben der Naturerscheinungen, um auf diese Weise das innere Wesen ihrer eigenen Kunst zu ergründen: das innere Wesen des Naturstoffs Klang.

Die freien, schwebenden Linien und Formen seiner Musik begriff Debussy dabei als Ausdruck einer »geheimnisvollen Übereinstimmung von Natur und Imagination«. Indem er sich auf die Ästhetik der Arabeske berief, des freien, vegetativ wuchernden Linienspiels als einem Inbegriff des Naturschönen, meldete Debussy die Rechte der künstlerischen Phantasie in neuer Weise als Naturrechte an – und wusste sich dabei auf der Seite des von ihm bewunderten Johann Sebastian Bach. Dessen Musik rezipierte er als eine »Musik der Freiheit« – als Musik mit einer »Freiheit des Ausdrucks und des ungekünstelt schönen Klangs«: »Ihre Schönheit konnte sich, trotz der strengen Ordnung, in die der große Meister sie stellte, mit dieser freien, unaufhörlich zu neuen Gestalten drängenden Phantasie bewegen, die uns noch heute in Erstaunen versetzt.«

Doch wie klänge sie, eine dem Konzertsaal gänzlich entrückte Musik der Freiheit? Debussy war Realist genug, um sich auch dies vorzustellen: »Mir schwebt eine Musik vor, die eigens fürs ›Freie‹ geschaffen wäre, eine Musik der großen Linienzüge, eine Musik der vokalen und instrumentalen Kühnheiten, die sich in der freien Luft entfalten und unbeschwert über den Wipfeln der Bäume schweben würden. Eine solche Harmonienfolge schiene im geschlossenen Konzertsaal befremdlich, hier aber könnte sie zu ihrer wahren Geltung kommen und zu neuem Leben erwachen, könnte die herrliche Lehre der Freiheit erfahren, die im Erblühen der Bäume liegt.« Eine solche Musik zu imaginieren, bleibt jedem Einzelnen von uns selbst überlassen – vielleicht schon beim Verlassen des Konzertsaals, beim Hinaustritt ins Freie …

RAFAEL RENNICKE

»Oper ohne Grenzen« lautet das Spielzeit-Motto der Oper Stuttgart. Inspiriert von diesem Motto, präsentiert das Staatsorchester Stuttgart in dieser Spielzeit »Musik der Freiheit«. An dieser Stelle beleuchten wir in sieben Folgen jeweils eine Facette des Freiheitlichen, Grenzenlosen oder Grenzüberschreitenden der Musik unserer Sinfoniekonzert-Programme.


Das Beitragsmotiv gestaltete die englische Künstlerin Emma McNally. Zwei weitere Werke aus ihrer Serie finden Sie auf den Umschlagsinnenseiten der Lied- und Kammerkonzertprogrammhefte.


2. Sinfoniekonzert

Sylvain Cambreling dirigiert Debussy

Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling
Klavier: GrauSchumacher Piano Duo
Staatsorchester Stuttgart
20. NOV 2016, 11 UHR │ 21. NOV 2016, 19.30 UHR

SAY SEA, TAKE ME!

CLAUDE DEBUSSY
PRÉLUDE À L’APRÈS-MIDI D’UN FAUNE (1892-94)JOHANN SEBASTIAN BACH
KONZERT C-MOLL BWV 1060 FÜR ZWEI KLAVIERE UND ORCHESTER (UM 1736)

TORU TAKEMITSU
QUOTATION OF DREAM FÜR ZWEI KLAVIERE UND ORCHESTER (1991)

CLAUDE DEBUSSY
LA MER. TROIS ESQUISSES SYMPHONIQUES POUR ORCHESTRE (1903-05)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s