Leise gehobenes eigenes Lied

Meine Stube und diese Weite, / wach über nachtendem Land, – /
ist Eines. Ich bin eine Saite, / über rauschende breite / Resonanzen gespannt.

Aus: Rainer Maria Rilke, Am Rande der Nacht

Die Musik ist eine Seelenverwandte der Nacht. Wenn die blaue Stunde verdämmert und letztes Tageslicht verlischt, die klaren Konturen des Tages verschwimmen und Unsichtbares im Widerschein der Gestirne aus dem Verborgenen tritt, werden wir hellhörig für das Andere, das Leise und Besondere: wir lauschen – »und die Augen gehen darin über, und es dunkelt bedeutend, so dass Äußeres zunächst versinkt und nur ein Brunnen zu reden scheint«. Das schreibt Ernst Bloch in seinem philosophischen Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung geradezu so, als erinnerte er sich dabei des Beginns des Nachtlieds aus Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra : »Nacht ist es : nun reden lauter alle springenden Brunnen. / Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.«

Symbiotisch verschmelzen im Lauschen ins Dunkle hinein Äußeres und Inneres, Welt und Ich, »meine Stube und diese Weite « (Rilke) : Ohne unseren Sehsinn gebrauchen zu müssen, sind wir jetzt ganz Ohr, ganz bei der Musik, diesem »Glück der Blinden«, wie sie Ernst Bloch unnachahmlich treffend bezeichnet hat. »Ich traue der Musik, die aus dir dringt«, schreibt Rose Ausländer innig in ihrem Gedicht An die Nacht, und Rainer Maria Rilke feiert das, was fern und unbehelligt von den Ablenkungen des Tages im nächtlichen Lauschen auf das Leise ersteht, emphatisch als die Begegnung mit uns selbst: »Unsichtbare Hände heben / aus einem fremden Leben / leise das eigene Lied.«

So liegt es nahe, dass das Dunkle und Nächtliche nicht nur die Dichter, sondern auch die Komponisten schon immer fasziniert und zu Musik von ganz eigener, intimer Stimmung inspiriert hat. Mit dieser »Langen Nacht der Nachtmusiken« wollen wir den vielfältigen Klangfacetten dieser langen Tradition nachhorchen: Ausgehend von der Geselligkeit heiterer und der Komik vergeblicher Abendständchen, dringen wir immer tiefer ein ins Zauberreich der Nacht mit all’ seinen Abgründen und Geborgenheit, seinen Geheimnissen und seiner Magie. Und sind – gleich den beiden symbiotisch aufeinander bezogenen Stimmen von Violine und Violoncello über der harfenartigen Begleitung des Klaviers in Franz Schuberts Notturno – »eine Saite, / über rauschende breite / Resonanzen gespannt« (Rilke).

RAFAEL RENNICKE


1. Kammerkonzert

19. OKTOBER 2016, 19.30 – ca. 23.15
Liederhalle (Mozartsaal)
Rezitation: Manja Kuhl
Mit Musikern des Staatsorchesters Stuttgart
Mit freundlicher Unterstützung des Fördervereins der Staatstheater Stuttgart e.V.

WOLFGANG AMADEUS MOZART
DIVERTIMENTO F-DUR („LODRONISCHE NACHTMUSIK“) KV 247 FÜR 2 HÖRNER UND STREICHQUARTETT (1776)CARL NIELSEN
SERENATA IN VANO FÜR KLARINETTE, FAGOTT, HORN, VIOLONCELLO UND KONTRABASS (1914)

WOLFGANG AMADEUS MOZART
SERENADE C-MOLL („NACHT MUSIQUE“) KV 388 FÜR BLÄSEROKTETT (1782)

GEORGE CRUMB
FOUR NOCTURNES („NIGHT MUSIC II“) FÜR VIOLINE UND KLAVIER (1964)

FRANZ SCHUBERT
TRIOSATZ („NOTTURNO“) FÜR KLAVIER, VIOLINE UND VIOLONCELLO ES-DUR D 897 (1827-28)

JOHANN SEBASTIAN BACH
GOLDBERG-VARIATIONEN BWV 988 (1741)
IN DER FASSUNG FÜR STREICHTRIO VON DMITRI SITKOVETSKY

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