Musik der Freiheit 1

ORDNUNG UND OFFENBARUNG

In welchem Verhältnis stehen in der Musik Ordnung und Freiheit? Wer nur einmal einen Blick in eine Partitur geworfen hat, der ahnt bereits, wie genau geordnet und strikt geregelt Musik sein kann: Liniensysteme, Vorzeichen und eine nicht auszudenkende Fülle an Detailanweisungen sprechen eine eigene, komplizierte Sprache; sie zu verstehen, will gelernt sein. Andererseits wissen wir aus eigener Erfahrung: Wie kaum eine andere Kunst vermag gerade die Musik Fesseln zu lösen und uns ein Gefühl des Grenzenlosen und Freien zu schenken. Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus…

Anton Bruckners Fünfte Sinfonie ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie tief durchdacht und streng geordnet ein Kunstwerk sein kann – und zugleich von überwältigender Wirkung. Die von Bruckner akribisch ausgetüftelten Abläufe und die unvergleichlichen Wirkungen dieser Musik stehen in dieser Sinfonie in einem so engen Zusammenhang, dass die Wunder an Klangoffenbarungen ohne die Geordnetheit der musikalischen Strukturen nicht zu denken sind. Um seine Fünfte in einem majestätischen, den Himmel aufreißenden Choral gipfeln zu lassen, hat sich Bruckner aller nur denkbaren kompositionstechnischen Raffinessen bedient. Minutiös plante er nicht nur die Gewichtsverteilung der Sätze untereinander, wobei die drei ersten die »Vorbereitung« zum riesigen Finale bilden (doch was für eine Vorbereitung!). Auch sind die einzelnen Sätze musikalisch aufs Engste miteinander verknüpft: Die beiden Mittelsätze verwenden das gleiche Themenmaterial, während sich über den beiden Ecksätzen ein Bogen erhebt und das Werk wie das schwindelerregend hohe Gewölbe einer gotischen Kathedrale überspannt. Zusammengehalten aber wird diese monumentale musikalische Architektur von einer bis ins Detail ausgearbeiteten Kontrapunktik, über deren polyphoner Wunderwerk-Kleinteiligkeit, die sich ins Gigantische weitet, jedes gewöhnliche Gefühl für Raum und Zeit verloren geht.

Kein Wunder, dass schon die ersten Hörer aus Bruckners »kontrapunktischem Meisterstück« sehr viel mehr hörten als nur die faszinierende Geordnetheit eines musikalischen Mikro- und Makrokosmos und von der Fünften als einer »Kathedrale der Musik« sprachen. In ihr werden Konstruktion und Freiheit, Ordnung und Offenbarung unauflösbar eins. Wo wir aber im Hören die in die »ungeheure Wirkung« investierte Kunst vergessen, weil sie unsere Wahrnehmungsfähigkeit übersteigt, bleibt uns das vielleicht Kostbarste im Kunst-Erlebnis: die Freiheit des Staunens.

RAFAEL RENNICKE

»Oper ohne Grenzen« lautet das Spielzeit-Motto der Oper Stuttgart. Inspiriert von diesem Motto, präsentiert das Staatsorchester Stuttgart in dieser Spielzeit »Musik der Freiheit«. An dieser Stelle beleuchten wir in sieben Folgen jeweils eine Facette des Freiheitlichen, Grenzenlosen oder Grenzüberschreitenden der Musik unserer Sinfoniekonzert-Programme.


Das Beitragsmotiv gestaltete die englische Künstlerin Emma McNally. Zwei weitere Werke aus ihrer Serie finden Sie auf den Umschlagsinnenseiten der Lied- und Kammerkonzertprogrammhefte.


1. SINFONIEKONZERT

MAREK JANOWSKI DIRIGIERT BRUCKNER

Musikalische Leitung: Marek Janowski
Staatsorchester Stuttgart
ANTON BRUCKNER
SINFONIE NR. 5 B-DUR (1875-78)
9. OKT 2016, 11 UHR │ 10. OKT 2016, 19.30 UHR

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