Hinter den Kulissen//Probebühne

Mit drei verschiedenen Spielplanproduktionen startet die Oper Stuttgart in die erste Woche der Saison. Die erste Premiere „Faust“ folgt dann am 30.Oktober. Schon jetzt sind die beteiligten Künstler, Gewerke und Bühnenarbeiter am Vorbereiten und Proben. Doch auf der Hauptbühne, die die Oper abwechselnd mit dem Stuttgarter Ballett bespielt, ist natürlich nur Platz für ein Bühnenbild. Um gleichzeitig an mehreren Stücken arbeiten zu können, stehen die Räume des Probenzentrums im Stuttgarter Norden zu Verfügung. Hier befindet sich auch die Studiobühne NORD des Schauspielstuttgarts und drei „Spiel-Plätze“ auf denen Operninszenierungen probiert, einstudiert, wiederholt und wiederaufgenommen werden. Während in den Werkstätten die originalen Elemente des Bühnenbilds detailliert nach Konstruktionsplan ausgearbeitet werden, wird unter Leitung von Walther Lorenz (Technische Verantwortung für die Probebühnen) mit Material von der Bauprobe Probenbühnenbild aufgebaut, ggf. verändert oder angepasst wenn seitdem Änderungen vorgesehen sind.

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Es wird viel geplant und ausprobiert bis ein Bühnenbild Premiere feiert.

„Bei unseren Bühnenbildern zählt vor allem die Sicherheit: Für die Techniker, die die Auf-, Um- und Abbauten durchführen und natürlich für die Akteure. Gerade in dieser ersten Probenzeit, in der sich die Sänger körperlich ausprobieren und auch auf die musikalischen Anforderungen noch mehr Konzentration legen müssen, ist es für eine gute Probenatmosphäre wichtig, dass nichts wackelt oder zu dunkel ist.“, erklärt Walther Lorenz. Auch wenn gerade die Probenbühnenbilder häufig etwas zusammengeschustert aussehen, weil viel sogenanntes allgemeines Gebrauchsmaterial, wie zum Beispiel genormten Treppen oder Aluminiumtraversen benutzt wird. Viele Bauteile hatten auch schon ein früheres Leben in einem anderen Bühnenbild. „Auch wenn die ästhetische Perfektion des Probenbühnenbilds nicht direkt im Vordergrund steht, versuchen wir indem wir zum Beispiel noch Vorhänge aufhängen immer ein bisschen »Schöner Wohnen«.“, so Walther Lorenz. Die wichtigste Maßgabe ist, dass alle Proportionen des Probenbühnenbilds mit denen des Originals übereinstimmen. Die besten Voraussetzungen liefert dafür die Probebühne 1 deren Grundriss exakt dem Bühnengrundriss entspricht.

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Die Sängerperspektive auf das Regiepult

Im berechneten Abstand wäre das Regiepult dann in der zehnten Reihe des Großen Hauses aufgestellt. „Meistens wollen die Regisseure bei den Proben aber ganz nah an den Sängern sein und schieben den Tisch auf Höhe des Orchestergrabens. Da bei den szenischen Proben aber eh erst mal mit Klavier geprobt wird, gibt es da keine Platzprobleme.“ Dieser Raum verfügt sogar über eine Drehbühne, die von einem der vier Bühnentechniker, die in Walther Lorenz Team arbeiten, während der Proben gefahren wird. Da die zeitlichen Abläufe bei einer Opernaufführung über die Musik definiert wird, muss man auch diesen technischen Ablauf probieren und bei jeder Aufführung aufmerksam anpassen. Die beiden anderen Probebühnen sind kleiner und verfügen über keine Drehscheibe. Um trotzdem die Abstände der Originalbühne markieren zu können, muss Walther Lorenz und sein Team kreative Lösungen entwickeln und zum Beispiel das Regieteam in die Mitte und den Bühnenaufbau an gegenüberliegenden Wänden platzieren. „Der Aufbau für die nächste Neuproduktion Faust war schon eine Tüftelarbeit. Bei dieser Arbeit wird zum Beispiel auch mit Life-Kameras gearbeitet, die auch schon bei der Probe von der Videoabteilung eingerichtet sein müssen.“

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Aus allgemeinem Gebrauchsmaterial, Aluminiumtraversen und genormten Treppen werden die Spielräume für die Proben markiert.

Wie die Probebühnen verteilt werden, also welches Stück in welchem Raum probiert, wird von der Chefdisponentin und dem Technischen Direktor entschieden. Es hängt einerseits von der Größe des jeweiligen Bühnenbilds, der Komplexität der durchzuführenden Abläufe, aber auch von der Verfügbarkeit. 
Wenn so viele Proben gleichzeitig beginnen wie zu Beginn der Spielzeit, wird auch ein Probenraum in der Alten Musikhochschule genutzt, auch wenn er nicht so optimale Bedingungen bietet, wie das Probenzentrum. Neben dem Team von Walther Lorenz, die in der Werkstatt vor Ort – zwar mit eingeschränktem Werkzeug – handwerkliche Arbeiten unternehmen können, findet sich dort auch ein Probenfundus der Requisite, sodass auch spontane Regie- und Ausstattungsideen direkt ausprobiert werden können.
Während im Inszenierungsprozess die inhaltliche Konzeption und die szenische Aktion entwickelt wird, wird auch das Bühnenbild daraufhin optimiert und weitergedacht. „Wir beobachten die Veränderungen genau und müssen darauf achten, dass im Probeneifer dennoch die Sicherheit, aber auch die Umsetzbarkeit auf der Bühne im Opernhaus garantiert ist. Nach 24 Jahren an diesem Haus habe ich die Erfahrung gemacht, dass Theater dazu tendiert, sich auszudehnen. Wir stehen im engen Austausch mit dem Bühnenmeister, der die technische Leitung der jeweiligen Produktion innehat, damit die entsprechenden Veränderungen am Original angepasst werden.“
Die Probendauer auf der Probebühne variiert: Neuproduktionen werden drei bis vier Wochen ausschließlich auf der Probebühne, die auch einen sehr intimen, geschützten Raum bietet, erarbeitet und dann auf der Hauptbühne weiterentwickelt. Wiederaufnahmen und Repertoirestücke haben dort – je nachdem, wie groß die Distanz zur letzten Vorstellung ist, ob es eine neue oder die Originalbesetzung ist und anderen Faktoren – zwischen einer und drei Wochen.
Für Walther Lorenz ist dann das Premierenerlebnis immer ein ganz Besonderes: „Meistens kenne ich ja die technischen Abläufe aus professioneller Sicht schon sehr gut, aber die Leistung der Künstler im Originalkostüm, – bühnenbild und – dekoration ist eben ein anderer Hochgenuss.“

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Walther Lorenz bei den Aufbauarbeiten eines Probebühnenbilds.

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