Urlaub in … Sevilla

 

Ein Gebäude ist noch zu nennen, an Ausdehnung fast ein ganzes Städtchen, nämlich die Tabakfabrik; dieselbe sendet Zigarren über das ganze schmauchende Spanien hinaus, und man schmaucht hier bis in das Theater hinein, in die Vorhalle, und in allen Korridors; der Tabakrauch dringt selbst in die Logen hinein. Aus der Fabrik in Sevilla regnet und schneit es Schnupftabak über die ganze Halbinsel; fünfhundert Menschen, meist Frauen, arbeiten in dieser großen Tabaksdose. […] Wunderschöne Augen wären dort zu sehen, sagte man mir.

In Spanien, Hans Christian Andersen

 

 

Aus der sinnlichen Reisebeschreibung des größten europäischen Industriebauwerks im 18. Jahrhunderts, erheben sich noch heute Rauchkringel, die scheinbar bis in die Ritzen der Opernpartitur von George Bizets Carmen dringen. Auch die Handlung der auf Prosper Merimées Roman basierenden Oper führt auf den Vorplatz der Königlich Spanischen Tabakfabrik:

ZIGARRENARBEITERINNEN.
In der Luft folgen wir mit
den Augen dem Rauch,
der zum Himmel
aufsteigt,
wohlriechend aufsteigt.
Das steigt angenehm
zu Kopfe;
ganz sanft versetzt das eure Seele in festliche Stimmung.
Rauch ist
das sanfte Sprechen von Liebenden;
Rauch sind ihre Leidenschaften und Schwüre.
Ja, das ist Rauch,
ist Rauch.

In dieser Szene zeigt sich ein Sevilla der beginnenden Industrialisierung und auch ein neues Gesellschaftsphänomen: die Arbeiterin. Gleichzeitig nehmen die Sevillaner auch an traditionellen Massenevents in der Stierkampfarena und dem Markttreiben in der andalusische Stadt teil, die sich im urbanen Wandel befindet.

Dem Bild von der rauchenden Frau, das sowohl der dänische Dichter als auch der französische Komponist in Szene setzen, haftet auch etwas Erotisches an.

sepia
Die ehemalige Königlich Spanische Tabakfabrik ist heute Hauptsitz der Universität von Sevilla.

In vergleichbarer Weise evozieren die beiden Textstellen – durch sanft nachgeschobene Worte oder Satzglieder – einen nicht enden wollenden, kontinuierlich mäandernden Rauchkringel. Bizet verdichtet den Gesang des Damenchores dann mit einer Instrumentalbesetzung aus Holzbläsern, Harfe und Streichern zu einer Wolke schwebenden, sanft emporsteigenden Klangs, der die Zigarrenarbeiterinnen in eine geheimnisvolle Nebelwolke zu hüllen scheint.


Für’s Reisen braucht es keinen Urlaub: Die Opernhandlungen und das Konzertprogramm der kommenden Saison entführen sie aus dem Alltag, hinein in die Klangwelten fremder Länder und entlegener Zeiten.


CARMEN

von Georges Bizet
in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Modestas Pitrenas, Regie: Sebastian Nübling, Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner, Licht: Gérard Cleven, Video: Gabriele Vöhringer, Chor und Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Xavier Zuber

Zuniga: David Steffens, Morales: Ronan Collett, José: Matthias Klink, Escamillo: Bogdan Baciu, Dancaïre: Dominic Große, Remendado: Kai Kluge, Frasquita: Esther Dierkes, Mercedes: Maria Theresa Ullrich, Carmen: Ramona Zaharia, Micaëla: Pumeza Matshikiza, Surplus: Luis Hergón, Mit: Staatsopernchor StuttgartStaatsorchester Stuttgart

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