Urlaub in … Rom

Ein Spaziergang auf Toscas Spuren

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Mit den römischen Kirchenglocken erwacht die Handlung der Oper Tosca und klingt am Ende desselben tragischen Tages wieder aus. Giacomo Puccini komponierte vor der realistischen Kulisse der „Ewigen Stadt“ einen mitreißenden Krimi um die römische Sängerin Floria Tosca und den Maler Mario Caravadossi, deren Liebe im Terrorregime des Polizeichef Scarpia auf eine harte Probe gestellt wird.

Sant'Andrea_della_Valle_(Rome)_-_Dome

Der erste Akt führt uns in die Basilika Sant‘ Andrea della Valle, wo Mario Cavaradossi an einem Gemälde der Maria Magdalena arbeitet. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Giovanni Lanfranco, der von 1621 bis 1625 die Kuppel mit der Abbildung der Glorie des Paradieses ausmalte, konnte er relativ ungestört – abgesehen von einem misstrauischem Mesner – daran arbeiten. Denn der Alte Meister benutzte keine Pinsel, sondern grobe und schwere Bürsten, die von zwei Männern an langen Stangen hochgehalten und von Lanfranco dirigiert wurden.
Die Seitenkapelle, die Capella Ginetti, in der die Attavanti Kleidung für den politischen Flüchtling Angelotti versteckt haben soll, ist mit einem Marmorrelief von Antonio Rage ausgeschmückt. Es zeigt einen Engel, der die Heilige Familie zur Flucht nach Ägypten animiert und fügt sich wie von selbst in den Sinnzusammenhang der Oper ein.

Die elektrische Orgel der Barockkirche ist nicht zur Handlungszeit der Oper, sondern neun Jahre nach der Premiere eingeweiht worden. Dennoch kann man den gewaltigen Klang der Kriegskantate, die Tosca zur Feier des vermeintlichen Siegs über die Franzosen in Anwesenheit der Königin Maria Carolina vortragen muss, in diesem imposanten Raum imaginieren.

Die Barockfassade der Basilika San‘ Andrea della Valle ist zum Corso Vittorio Emanuele II. hin gelegen. Die große Verkehrsader zieht sich vom Tiber bis zur Piazza Venezia, ihr Namensgeber Vittorio Emanuele II (V.E.R.D.I) rief als erster italienischer König 1861 den geeinten italienischen Nationalstaat aus.

Wer Muse findet vom Thema dieser Tosca-Exkursion abzuweichen, überquert den Corso, biegt in die Via de Torre Argentina, dann rechterhand in die Via di Santa Chiara, um für einen Augenblick in den Sternenhimmel, das Deckenfresko der Basilica Santa Maria Sopran Minerva, einzutauchen (und vielleicht in Erinnerung an die Kuppel des Stuttgarter Opernhauses immerhin eine kleine rote Faser des verlassenen Fadens wiederzufinden).

Durch das blühende Markttreiben auf dem Campo de‘ Fiori, vorbei am Steindenkmal eines gescheiterten Idealisten, Giordano Bruno, der für seine freimaurerische Überzeugung 1600 als Ketzer verbrannt wurde, erreichen wir den Palazzo Farnese.

Palazzo_Farnese_VasiDen Tiber im Rücken hat sich Baron Scarpia in einem der bedeutendsten Gebäude der profanen Renaissancearchitektur, von Antonio da Sangalls errichtet und Michelangelo erweitert, eingerichtet. Die Entstehungsgeschichte des Bauwerks spricht Bände über die pietätlose Skrupellosigkeit der Mächtigen und liefert gleichzeitig gehaltvolles Erzählmaterial: Der Auftraggeber Alessandro Farnese wurde dank fleischlicher Dienste seiner Schwester Giulia an den Papst Alexander VI bereits mit 25 zum Kardinal ernannt und zwanzig Jahre später zu Papst Paul III. gewählt. Aus diesem Anlass lies er den Wohnsitz, nun vom Wappen der Tiara ermächtigt, zu einem Epizentrum der Macht für die Familie Farnese ausbauen. Paradoxerweise sind die Räumlichkeiten, in denen die große Konfrontation Toscas mit Scarpia und die Folter Caravadossis mitten im Krieg Italiens gegen Napoleon stattfanden, heute Sitz der französischen Botschaft.

 

Tosca
Auf dem Bild: Adina Aaron (Floria Tosca | Besetzung 2015), Statisterie der Oper Stuttgart Foto: A.T. Schaefer

Seit Kaiser Hadrian diente die Engelsburg den römischen Kaisern als letzte Ruhestädte. Mit ihrem Sprung von den Zinnen des Mausoleums tritt Tosca also in herrschaftliche Fußstapfen. Die Bausubstanz, ein großer Anteil ist aus Vulkangestein, errichtet auf einem marmornen Sockel, entspricht dem lodernden Wesen der Primadonna. Dass der Tiber, den die Unglückliche als Grab wählt, durch eine breite Straße getrennt vom Absprungsort, realistisch gesehen viel zu weit entfernt ist, um dort einzutauchen, rationalisiert Puccini Macht der künstlerischen Freiheit weg.  Später wurde das massive Hadrianeum zur päpstlichen Fluchtburg umgebaut und diente seit der Inquisition als Gefängnis, bis es im 19. Jahrhundert von französischen Soldaten eingenommen wurde. Neben Mario Cavaradossi waren Galileo Galilei und Giordano Bruno, dem wir bereits am Campo de‘ Fiori begegneten, berühmte Gefangene. Der ehrfurchtgebietende Erzengel Michael thront, das Schwert des göttlichen Zorns in der Hand, als Namenspatron auf der Spitze des Bauwerks. Im obersten Stockwerk, des spiralförmig nach oben führenden Zylinders, verabschiedet sich Caravadossi mit „E lucevan le stelle“ vom Leben und einer großen Liebe.

 

TOSCA
zu Cavaradossi, sehr leise und mit verstohlenem Lachen
Denk daran: Beim ersten
Schuss fallen …

CAVARADOSSI
leise, ebenfalls lachend
Fallen.

TOSCA
Und steh nicht auf,
bevor ich dich rufe.

CAVARADOSSI
Nein, Geliebte!

TOSCA
Und fall richtig.

CAVARADOSSI
lächelnd
Wie die Tosca auf der Bühne.

TOSCA
bemerkt Cavaradossis Lächeln
Lach nicht …

CAVARADOSSI
ernst
So?

TOSCA
So.

Und wie ergreifend klingt der unvermutet letzte Moment der Zweisamkeit des Paares, beim Lesen von Adrians stimmigem Grabspruch nach:

ANIMULA VAGULA BLANDULA HOSPES COMESQUE CORPORISQUAE NUNC ABIBIS IN LOCA PALLIDULA RIGIDA NUDULA NEC UT SOLES DABIS IOCOS.

Kleine Seele, schweifende, zärtliche, Gast und Gefährtin des Leibs, die du nun entschwinden wirst dahin, wo es bleich ist, starr und bloß, und nicht wie gewohnt mehr scherzen wirst.


 

Für’s Reisen braucht es keinen Urlaub: Die Opernhandlungen und das Konzertprogramm der kommenden Saison entführen sie aus dem Alltag, hinein in die Klangwelten fremder Länder und entlegener Zeiten.


TOSCA

von Giacomo Puccini
in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Wieder im Repertoire
15. Juni 2017

Musikalische Leitung: Gregor BühlWillem WentzelSimon Hewett, Regie: Willy Decker, Bühne und Kostüme: Wolfgang Gussmann, Chor und Kinderchor: Christoph Heil, Dramaturgie: Juliane Votteler

Floria Tosca: Barbara Haveman, Adina Aaron, Mario Cavaradossi: Brian Jagde, Dmytro Popov, Baron Scarpia: Michael EbbeckeSebastian Holecek, Alfredo Daza, Cesare Angelotti: Ashley David PrewettDavid Steffens, Mesner: Karl-Friedrich Dürr, Spoletta: Heinz Göhrig, Schließer: N.N., Ulrich Frisch, Kristian Metzner, Sciarrone: N.N., Stephan Storck, Sebastian Bollacher, Mit: Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

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