Applaus, Applaus 2

Violinistin Veronika Unger über das Klatschen und beklatscht werden …

Für wen applaudieren Sie, wenn die Vorstellung zu Ende ist? Natürlich für die Künstler, die am Schluss der Vorstellung auf die Bühne treten und sich verbeugen. Was ist aber mit den Personen, die maßgeblich zum Gelingen der Oper oder des Konzerts beteiligt sind, jedoch nicht sichtbar beim Schlussapplaus erscheinen? Heute berichtet Veronika Unger, 2. Violine, wie sie in dem Kollektiv des Orchesters oder als Solist den Beifall erlebt.

Der Applaus ist für mich vor allem eine Antwort, ein Feedback zu der Leistung, die man gerade erbracht hat. Er ist die nonverbale Kommunikation des Zuschauers, ob er die Vorstellung gut oder nicht gut gefunden hat. Ich spüre, ob der Beifall Energie hat oder nicht. Wenn das Publikum verstimmt ist, nehme ich das so hin. Man darf es nicht nur auf sich beziehen, sondern auch auf das Werk. Wenn die Musik nicht gefällt, gibt das Publikum als Dank für das Vortragen einen höflichen Applaus. Eine effektvolle Musik hilft auch, dass man für sein Können mehr Applaus bekommt.

Natürlich ist es toll, wenn man sich als Solist verbeugen kann. Dann stehen eher die Herausforderung alleine zu überzeugen und die Individualität des Spiels im Vordergrund. Ich freue mich aber genauso, wenn ich in der Gruppe, zum Beispiel bei Sinfoniekonzert, Oper oder Kammerkonzert, Applaus bekomme. Ich kann dann sehen, dass das Kollektiv, die Arbeit in der Gruppe das Publikum begeistert hat.

Von den beiden Ratgeber-Zitaten „Oft wird der Künstler mehr durch Schweigen als durch lauten Beifall geehrt“ (1922)[1] und „Applaus ist mehr als Beifall, nämlich ein Lebenselexier

“ (2004)[2] trifft für mich eher das letzte zu. Ein Lebenselexier ist es für mich aber nicht, ich freue mich einfach, wenn die Zuschauer ihre Begeisterung zeigen. Das kann auch nach einer besonders gelungenen Arie sein; der Szenenapplaus besitzt ja bereits eine Tradition. Für so einen spontanen Applaus muss aber die Dynamik passen. Ein guter Vortrag verdient durchaus Szenenapplaus. Ich bin zwar nicht unbedingt begeistert, wenn die Zuschauer zu Unrecht klatschen, aber es stört mich nicht. Im Sinfoniekonzert dagegen finde ich Beifall zwischen den Sätzen störend, weil er das Ganze unterbricht.

Wenn ich im Publikum bin, applaudiere ich wie jeder andere. Ich höre aber anders zu, weil ich weiß, welche Arbeit dahintersteckt. Allein die Aufführung und die Beschäftigung der Künstler mit dem Stück verdienen Respekt. Wenn ich die Darbietung toll finde, applaudiere ich sehr gern.

 



Veronika Unger

Veronika Unger, Violine, geboren in Russland/Wladiwostok. Musikalische Ausbildung in Russland. Solistisches, kammermusikalisches und pädagogisches Studium an der Musikfachschule des Tschaikowsky-Konservatoriums in Moskau bei Zoria Shikhmursaewa. 2002-09 Studium an der Hochschule Stuttgart bei Christine Busch, Kammermusikalisches Studium bei Peter Buck. Sie war u.a. bei den Stuttgarter Philharmonikern, dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR tätig. Seit 2010 festes Mitglied der 2. Violinen des Staatsorchesters Stuttgart. Am 13.07.2016 ist Veronika Unger im 7. Kammerkonzert „Kaffeekantate“ zu hören.

Foto: Martin Sigmund

 


[1] Franken, Konstanze von: Handbuch des guten Tones und der feinen Sitte. Berlin: Max Hesses, 1922, S. 140.

[2] Augst, Helen Ann: Das grosse Buch der Umgangsformen. Baden-Baden: Humboldt, 2004, S. 144.


Titelbild: Martin Sigmund

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