Kammerkonzert//Kaffeekantate

No more Blues
Von Kaffee und anderen Genussmitteln

von Ann-Christine Mecke

… oder »Chega de Saudade«, wie es im Original des Bossa Nova-Songs heißt : Schluss mit der Sehnsucht! Passend dazu werden im vorwiegend heiteren letzten Kammerkonzert der Spielzeit gleich mehrere Sehnsüchte gestillt : Lieschen, Protagonistin der Kaffeekantate, bekommt nicht nur ihr bevorzugtes Genussmittel, sondern auch einen Mann. Fans der Familie Bach erhalten in diesem Konzert eine ordentliche Dosis, und sogar die traurig-schöne › Sehnsucht nach der Sehnsucht ‹, die im portugiesischen Wort »saudade« unübersetzbar mitschwingt, kommt nicht zu kurz : Melancholie lebt im langsamen Satz des Doppelkonzerts für Flöte und Oboe, Heimweh und Liebeskummer im Jazz-Standard Georgia on my mind.

Nachdem der erste experimentelle Genuss in Privathäusern stattgefunden hatte, eröffneten in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts in den Großstädten öffentliche Kaffeehäuser, 1694 auch in Leipzig. Und obwohl der »Coffee« keineswegs unerschwinglich war, haftete ihm schnell der Ruf eines Luxusprodukts und einer zweifelhaften Modeerscheinung an. Insbesondere den Frauen warf man vor, zu tratschenden »Kaffeeschwestern« zu werden. Sie tranken ihren Kaffee vornehmlich in privaten Runden, da Kaffeehäuser nicht als geeigneter Ort für bürgerliche Frauen galten (angeblich waren sie Brutstätten der Prostitution). In der Kritik am »Luxusgut« Kaffee mischen sich protestantische Verzichtsethik, frauenfeindliche Haltungen und handfeste wirtschaftspolitische Propagande: Kaffee war ein teures Einfuhrprodukt, und ein hoher Importanteil war nicht im Interesse des merkantilistischen Staats. In Preußen führte diese Überlegung 1766 sogar zu einem Verbot des privaten Kaffeehandels. In diesem gesellschaftlichen Zusammenhang ist auch die Kaffeekritik in der Kantate BWV 211 zu sehen. In der Kantate wird jedoch deutlich, dass im Falle des schwarzen Getränks bereits 1734 jede Propaganda hoffnungslos war: »Die Jungfern bleiben Coffeeschwestern«. Alle Sympathie gilt von vornherein Lieschen und ihrer »Coffeemanie«, die nicht bloßgestellt, sondern liebevoll ironisiert wird. Und nicht zuletzt wurde die Kantate vermutlich in einem Kaffeehaus uraufgeführt! Die Mode spielt übrigens noch in anderer Hinsicht eine wichtige Rolle in dieser Mini-Oper: Wenn Vater Schlendrian seiner Tochter androht, ihr keinen »Fischbeinrock nach itzger Weite« zu kaufen, deutet der Sänger mit einem extra-weitem Tonsprung eine – nach Ansicht des Vaters – ziemlich extreme Rockmode an.

 


7. Kammerkonzert

Liederhalle | Mittwoch, 13.07.2016, 19:30 Uhr
Mit Josefin Feiler (Sopran), Thomas Elwin (Tenor), Dominic Große (Bariton), Alan Hamilton und Musikern des Staatsorchesters Stuttgart: Muriel Bardon, Veronika Unger, Robin Porta, Florian Richter, Philipp Körner, Manuel Schattel , Andreas Noack, Ulrich Hermann, Bernhard Leitz, Reinhard Riedel, Alexander Erbrich, Matthias Dangelmaier,
Einführung 30 Minuten vor Beginn im Mozartsaal, Liederhalle

KAFFEEKANTATE

CARL PHILIPP EMANUEL BACH
TRIOSONATE FÜR FLÖTE, VIOLINEUND BASSO CONTINUO D-MOLL WQ 145 (1731/1747)
JOHANN SEBASTIAN BACH
KONZERT D-MOLL FÜR VIOLINE UND OBOE BWV 1060 (1736)KAZIMIERZ SEROCKI
SUITE FÜR VIER POSAUNEN (1953)CARL PHILIPP EMANUEL BACH
TRIO SONATE F-DUR FÜR FAGOTT, VIOLA UND CONTINUO WQ. 163 (1755)

JOHANN SEBASTIAN BACH
KANTATE FÜR FLÖTE, STREICHER UND BASSO CONTINUO BWV 211 „KAFFEEKANTATE“ (1734)
Szenische Einrichtung: Nina Dudek
Kostüm: Arndt Bareth

HOAGY CARMICHAEL
GEORGIA ON MY MIND (ARRANGIERT VON INGO LUIS) (1930/1959)

ANTONIO CARLOS JOBIM
NO MORE BLUES (ARRANGIERT VON KIM SCHARNBERG) (1958/1995)

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