Die Puritaner//Phantasmagorien

In wenigen Stunden beginnt die finale Premiere dieser Spielzeit: Die Puritaner (I Puritani), die letzte Oper des italienischen Komponisten Vincenzo Bellini.
Sergio Morabito (Regie und Dramaturgie) und Sängerin Diana Haller erzählen von ihrer Reise in die puritanische Welt, von implodierenden Fluchtträumen und der sinnlich-üppigen Darstellung von Schmucklosigkeit.

Das Gespräch führte Johanna Danhauser

 

Es ist deine dritte Arbeit an einer Bellini Oper. Im Team mit Jossi Wieler und eurer Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock hast du bereits Die Nachtwandlerin und Norma auf die Bühne gebracht. Die Puritaner entdeckt man nicht so häufig auf den heutigen Spielplänen. Sie wurde 1835 in Paris uraufgeführt. Die Handlung spielt zur Zeit des englischen Bürgerkriegs um 1650 auf einer Puritanerfestung. Was spielt sich denn dort ab?

Sergio Morabito: Von großer Bedeutung ist der Handlungsort: in einer Festung. In den Regieanweisung ist das omnipräsent. Trotz der Schauplatzwechsel verliert man nie das Bewusstsein, dass man sich hinter Mauern befindet. Auch wenn ein Blick aus dem Fenster geschildert wird, wird beschrieben, dass sich in Sichtweite Teile der Festungsanlage befinden. Das ist sehr ungewöhnlich für ein Libretto und war auch für unsere konzeptionelle Annäherung sehr wichtig.

Im Inneren der Burg wird eine Hochzeit vorbereitet. Doch die Braut, Elvira, weiß noch nicht, wer der Bräutigam sein wird. Sie weiß, dass ihr Vater (Gouverneur der Festung) sie Riccardo, einem Puritaner versprochen hat, ohne auf ihre Wünsche Rücksicht zu nehmen. Diese ausweglose Situation versetzt sie in Panik. In ihrer Not wendet sie sich an ihren Onkel Giorgio, den sie liebevoll ihren zweiten Vater nennt. Er kann sie trösten, indem er berichtet, er habe in der vergangenen Nacht dem Vater die Zwangsehe ausreden können und ihn von der Liebesheirat mit Arturo Talbo – einem Kavalier – überzeugen können. Während Elvira es noch gar nicht fassen kann, hören wir schon, wie die Zugbrücke für den Kavalier heruntergelassen wird. Ein völlig aberwitziges Geschehen, dass einem Royalisten mitten im Bürgerkrieg so ein triumphaler Empfang bereitet wird, wo doch der Chor der Puritanischen Kämpfer gerade noch den Stuarts den Kampf angekündigt hatte.

Zu den zwei Vätern kommt nun also auch noch ein zweiter Bräutigam, und der Librettist lässt dann obendrauf auch noch eine zweite Braut in der Handlung aufkreuzen. Also ein sehr verrücktes, irres Geschehen. Da spielt der Wahnsinn der Titelfigur – dazu kommen wir später noch im Detail – eine Rolle – wie in so vielen romantischen italienischen Opern, aber es ist mehr als ein äußerlich geschilderter Wahnsinn, der einen Menschen befällt, der nicht Herr seiner Sinne ist. Die Geschichte selbst ist verrückt und spielt mit unserer Wahrnehmung. Wir können gar nicht mehr entscheiden, wo die Wirklichkeit endet und und wo der Traum, die Fluchtfantasie von Elvira beginnt. Diese „zweite Braut“ ist eine Staatsgefangene, die man verdächtigt, eine Spionin der Stuarts zu sein. In einem unbeobachteten Augenblick vertraut sie sich dem Kavalier Arturo an und gesteht, dass sie die verwitwete Königin Henriette von Frankreich, Frau des hingerichteten Charles I. und Tochter von Henri IV ist. In dem Moment wo sie sich zu erkennen gibt, fürchtet sie, dieses Schicksal teilen zu müssen. Elvira identifiziert sich bewusst oder unbewusst mit dieser Gefangenen, weil sie sich selbst gefangen fühlt. Sie schwört: „Ich will lieber sterben, als gegen meinen Willen vor den Altar geschleift werden.“ Sie lebt offensichtlich in einer Gesellschaft, in der so etwas geschieht. Für Arturo ist völlig klar, er muss diese Königin retten. Dann tritt Elvira mit ihrem Brautschleier auf – sie kommt mit diesem Kleidungsstück nicht zurecht und bittet die Gefangene ihr dabei behilflich zu sein. Sie kennt zwar ihren Namen nicht, aber weiß, dass sie Französin ist, also in Modefragen sehr versiert. In dem Moment, als Enrichetta am eigenen Haupt vorführt, wie so ein Schleier zu tragen ist, kommt Arturo die Erleuchtung, wie er die Rettung bewerkstelligen kann. Er hat nämlich einen Passierschein für sich und seine Braut erhalten und plant die Königin unter dem Schleier versteckt aus der Burg zu schleusen. Er verhindert, dass der Schleier wieder an Elvira zurück geht und wagt die Flucht. Die entsetze Hochzeitsgesellschaft beobachtet dann wie Elviras Geliebter mit einer anderen Frau über die Felder flieht.

Dieser Anblick macht Elvira wahnsinnig, sie fragt sich auch für einen Moment, ob sie selbst die fliehende Braut ist, denn der Passierschein ist auf ihren Namen ausgestellt und die Fliehende ist in ihren Schleier gehüllt. Die Folgen dieses Geschehens zeigt der zweite Akt. Man sieht dort die Gesellschaft der Puritaner, die sich noch mehr eingebunkert und gepanzert hat, gegen alles, was die eigenen Überzeugungen hinterfragen könnte . Im dritten Akt kommt dann Arturo zurück und ist unvermutet mit Elviras Wahnsinn konfrontiert. Sein Verschulden daran wird im erst jetzt bewusst, während ihm, dem Staatsfeind Nr. 1, die Verfolger noch auf den Fersen sind. Die seelisch verletzte Elvira verhindert seine Flucht und liefert ihn seinen Verfolgern aus. Zuletzt dringt die Botschaft von der Machtergreifung Oliver Cromwells herein und von der allgemeinen Amnestie. Arturos Leben ist gerettet.

 

Die Rolle der Enrichetta ist eine ganz neue Rolle für dich, Diana. Am Freitag gibst du dein Debüt in Die Puritaner. Wie hast du das Erarbeiten der Partie empfunden?

Diana Haller: Es ist eine kurze, aber nicht gerade kleine Partie, die sehr bedeutend für die Handlung ist. Königin Enrichetta ist innerlich zerrissen und hat Grausames erlebt. Gefangen auf der Puritanerburg, erwartet sie den Tod – ihr Mann, Charles I., ist schon geköpft worden. Doch dann kommt es zur Rettung: Der Tenor – Kavalier Arturo Talbo – gibt ihr neue Hoffnung und verhilft ihr zur Flucht. Die Szenische Arbeit war sehr interessant. Ihren Gefühlen nachzuspüren, ihrem Schmerz, das Vermissen ihrer Kinder.

 

Enrichetta ist in dieser Oper die einzig historisch fundierte Figur: Königin Henriette Maria von Frankreich. Ist dieses Vorbild eine Inspiration für dich?

Ja, sehr, auch das Kostüm orientiert sich an den Bildern, die Antoonis van Dyck von ihr malte. Auch ihre Biografie nachzuverfolgen, ist sehr spannend.

 

Sergio, du hast eine verhärtete gesellschaftliche Situation auf der Puritanerfeste beschrieben. Wie kann man so etwas denn inszenatorisch zum Ausdruck bringen?

Eine große Rolle spielt da unser wunderbarer Staatsopernchor, denn wenn wir uns fragen, wer hier eigentlich die Titelfigur ist, dann ist es nicht Elvira oder Arturo, sondern es sind I Puritani, ein Kollektiv also. Es geht um die Gesetze dieser religiös fundierten Bewegung. Diese Oper spielt natürlich mit historischen Erscheinungen. Der Puritanismus war eine real existierende Erscheinung der ganzen Reformationszeit. Das griff von Calvins Schweiz aus auch schnell über auf England. Es gab unterschiedlich fundamentalistische oder gemäßigte Strömungen und auch politische Forderungen. Man distanzierte sich vom König, der gerade wegen seiner Verbindung mit Henriette, die Katholikin war, kritisch betrachtet wurde, und strebte eine republikanische Staatsform an. Die versuchte Rekatholisierung durch die „Bloody Mary“ war ein Trauma in England und führte dazu, dass man die anglikanische Amtskirche mit ihrer Hierarchie ablehnte. Bei allen historischen Elementen, die in der Oper eine Rolle spielen, handelt es sich immer um ein modellhaftes Spiel mit der Geschichte, das Bellini entwirft, er zielt in keinem Augenblick auf historische Richtigkeit. Und es ist ein Paradox dieser Oper, dass Bellini mit der ganzen Schönheit seiner Musik eine puritanische Welt verklärt, die ja eigentlich von Musik-, Bild- und Theaterverboten geprägt war. Sogar das Orgelspiel war verboten. Es gab große Bilderstürme, bei denen auch die Orgeln in den Kirchen zerstört wurden. Alles Weltliche und Sinnliche wurde in den radikalen Ausprägungen des Puritanismus abgelehnt. Es macht großen Spaß, diese paradoxe Situation zu theatralisieren. Wir versuchen für diese Gesellschaft, in der Individualität nicht gefragt ist, mit seinem sittenstrengen und sinnenfeindlichen Regiment, in dem es um Arbeit und Pflichterfüllung geht, eine künstliche Körpersprache mit unserem Opernchor zu erfinden.

Auch Anna Viebrocks Kostüme spielen mit historisierenden Elementen. Enrichetta tritt auf in einer Kopie des Kleids, dass die historische Figur auf einem Gemälde von Antoonis van Dyck trägt. Das ist ein Kunstgriff, wie wir ihn aus den historischen Romanen à la Walter Scott kennen, der das Schicksal fiktiver, durchschnittlicher Protagonisten in den Mittelpunkt stellt. Aus deren Perspektive sind dann die Auftritte historischer Protagonisten einer Epoche geschildert. Diese Technik ist hier auch angewandt.

 

 

Gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang der italienischen Gegenwartspolitik zur Entstehungszeit der Puritaner?

In der Tat gibt es eine Parallele zur italienischen Vormärzbewegung, dem Risorgimento, und zwar über den Librettisten Carlo Pepoli. Er war von den Habsburgern ins Gefängnis geworfen worden und ist nach seiner Freilassung ins französische Exil, nach Paris, gegangen. Dort traf er Bellini, mit dem er dann gemeinsam das Puritani-Libretto erarbeitete. Er hat sicher einige seiner gesellschaftlichen Utopien mit in das Stück hineinprojiziert. Als ein berühmter Moment wäre das martialische Duett der beiden Bässe zu nennen: „Suoni la Tromba – Töne Trompete, ich werde unerschrocken für das Vaterlandkämpfen.“ Den mitreißend-patriotischen Schwung dieser Nummer konnte sogar Verdi nicht mehr überbieten. Interessanterweise musste gerade diese Nummer dann rausgenommen werden, als die Oper in Italien nachgespielt wurde.

 

Bellini hat diese Oper im Auftrag des Pariser Théâtre Italien komponiert. Passt er sich denn in seinem Kompositionsstil oder formal an den französischen Geschmack an?

Es ist die einzige Oper, die Bellini nicht für ein italienisches Theater komponierte. Es war eine große Herausforderung, in Paris zu reüssieren, dem großen kulturellen Zentrum des 19. Jahrhunderts mit den vielen Boulevardtheatern, der Grand-Opera, der Opéra-comique und dem Théâtre Italien. Das hieß so, weil dort in italienischer Sprache, mit italienischen Sängern italienische Opern aufgeführt wurden. Es stand damals unter der Leitung von Rossini, der seine letzte Oper Wilhelm Tell schon geschrieben hatte, aber immer noch künstlerischer Mentor war. Bellini hatte zwar mit allen Opernhäusern verhandelt, aber sich dann für dieses Haus entschieden, unter anderem deshalb, weil das Wort und der Sprachklang für ihn so wichtig war. Er konnte sich nicht vorstellen, in Französischer Sprache etwas zu Stande zu bekommen. Er musste aber natürlich trotzdem auf die Breite des Pariser Kulturhorizonts reagieren. Dort hörte er zum Beispiel zum ersten Mal das sinfonische Werk Beethovens, gespielt von den führendsten Orchestern der damaligen Musikszene. Diese Erfahrung nutzte er für die Gestaltung seiner Puritaner-Partitur, die wirklich eine verblüffend opulente, klangfarbenreiche Schöpfung ist. Auch durch die räumliche Aufstellung verschiedener Instrumente und Sänger hinter der Bühne, erschloss er ganz neue musiktheatrale Klangräume. Er selbst war bei den Orchesterproben ganz überrascht von seinem Werk und rief aus: „Ho istrumentato come un angelo – Ich habe orchestriert wie ein Engel!“. Die Partitur ist auch von hoher harmonischer Raffinesse.

 

 

Bellini wird unter anderem von Richard Wagner für seine wunderschönen Melodien gelobt, aber auch darauf reduziert. Was würdest du dem hinzufügen wollen?

Natürlich war Bellini ein wunderbarer Melodiker, aber nur, weil er ein raffinierter Harmoniker war. Er gibt diesen Melodien einen ganz langen Atem, indem er die Kadenzauflösung immer verzögert. Das ist etwas, was Wagner von ihm übernommen hat. Selbst ein so strenger Kunstkritiker wie Berlioz, der eigentlich nichts mit italienischer Oper am Hut haben wollte, saß auch in der Puritaner-Premiere und nannte es eine „trouvaille“, wie er es schafft, diese endlosen Bögen zu spannen, indem er die Auflösung immer wieder in einen harmonischen Schwebezustand versetzt, um dann die Melodie weiterzuspinnen.

Bellini setzte immer wieder Frauen ins Zentrum seiner Opern, die in den Wahnsinn fliehen. Das ist ein Motiv der italienischen Belcanto Oper, wie wir es zum Beispiel auch aus Donizettis Lucia di Lammermoor oder Anna Bolena und Bellinis Schlafwandlerin kennen. Auch Elvira ist so eine fragile femme. Die „Hysterika“ geht auf ein veraltetes, chauvinistisches Frauenbild zurück. Wie geht ihr aus heutiger Perspektive in eurer Konzeption damit um?

Diese Frage hat sich für uns gar nicht gestellt. Wir haben versucht, jede einzelne Figur von innen heraus zu verstehen und darüber auch die Handlung nachvollziehbar zu machen für uns Menschen von heuten. Die „Hysterika“ und ihre negative Besetzung hat ja mehr was mit Darstellungskonventionen, die erst nach Bellini modisch wurden zu tun. Auch der Begriff entstand erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im Zuge der Hysteriestudien in Medizin und Wissenschaft.

In der romantischen Fantasie und der italienischen Oper sind das eher bestimmte Ausnahmezustände, nicht im pathologischen Sinne. Diese Personen haben ein bestimmtes Mehrwissen, oder einen Erfahrungsschatz, die in der Tageswelt keinen Raum finden. So ist das in der Nachtwandlerin und in den Puritanern noch viel stärker, weil das Klaustrophobe dieser Situation noch viel gnadenloser formuliert wird.

Man könnte auch sagen Elvira ist die einzig Normale oder Gesunde in dieser verrückten, pervertierten Puritanerwelt. Die ganze Geschichte, die wir erzählen, handelt von einem gesellschaftlichen Wahnsinn, deshalb muss Elvira nicht eine klischierte „Hysterika“ spielen. Es ist auch ein ganz anderer Stil, als Donizettis bei Lucia di Lammermoor, und der ja als Prototyp der italienischen Wahnsinnsszene gilt. Bellini bleibt da ganz lyrisch.

Als Inspiration für Elviras Kostüm war Alice im Wunderland eine Inspirationsfigur. Ein Mädchen, das nicht wahnsinnig ist, aber verrückte Dinge erlebt, die in unserem normalen Alltag nicht vorkommen dürfen und können. Aber nicht nur die Romanfigur von Lewis Caroll, sondern auch dessen Beziehung zum historischen Vorbild von Alice im Wunderland: Alice Liddell – ein junges Mädchen, dass er sehr geliebt hat und für die er diese ganzen Fantasie und Welten erfunden hat. Das war nicht nur das Buch, sondern hatte auch viel mit Spiel und Verkleiden zu tun. So verstehen wir auch die Beziehung von Giorgio und Elvira auf. Wir haben ihn auch als Geschichten – und Märchenerzähler und Puppenspieler gesehen. Aber auch hier wissen wir nicht genau, gibt es diesen Onkel Giorgio wirklich, oder hat Elvira sich ihn nur erträumt, um nicht alleine in dieser starren Welt zu sein.


Die Puritaner

I Puritani

von Vincenzo Bellini
in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln


Musikalische Leitung: Giuliano Carella, Manlio Benzi, Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Reinhard Traub, Chor: Johannes Knecht

Lord Valton: Roland Bracht, Sir Giorgio: Adam Palka, Lord Arturo: Edgardo Rocha, Sir Riccardo: Gezim Myshketa, Sir Bruno: Heinz Göhrig, Enrichetta von Frankreich: Diana Haller, Elvira: Ana Durlovski, Mirella Bunoaica, Mit: Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

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