Kammerkonzert//Neue Bahnen

In seiner berühmtesten Rezension für die Neue Zeitschrift für Musik nannte sie Robert Schumann in einem Atemzug – als Beschreiter „neuer Bahnen“ und Wegbereiter einer kommenden, poetischen Musik: Johannes Brahms (1833-1897) und Woldemar Bargiel (1828-1897). Heute ist nur noch Ersterer allbekannt. Grund genug, die Musik beider Komponisten in einem Konzert zu vereinen. Konzertdramaturg Rafael Rennicke sprach vorab mit Woldemar Bargiel über seine Beziehung zu Johannes Brahms und seinen einstigen Rang im deutschen Musikleben.

 

Herr Bargiel, wie schön, dass Sie zu Gast in Stuttgart sind und uns Rede und Antwort stehen! Es ist ja einigermaßen ruhig um Sie geworden in den vergangenen einhundert Jahren…

Wohl wahr! Nach meinem Tod ist mein Werk rasch der Welt abhanden gekommen, und ich kann mich wahrlich glücklich schätzen, dass die wack‘ren Kollegen des Stuttgarter Staatsorchesters meine Musik in diesem Konzert wiederaufleben lassen. Glauben Sie mir: Zeitweise hatte ich die Worte einer Psalmvertonung auf den Lippen, die ich einst komponierte – „Herr, wie lange willst du meiner so gar vergessen?“ Jetzt hat der Herr offenbar ein Einsehen mit mir und meiner Musik!

 

Robert Schumann, der Ihr Schwager war, sprach noch in seinen letzten Lebensjahren in höchsten Tönen von Ihnen: Bargiel habe „ganz geniale Musik geschaffen“.

Schumann war weit und breit der einzige, der warmes Interesse an jungen Kräften nahm; es war so prächtig, dass, wenn andere immer mit großem Wortschwall da waren, Schumann immer die Tat war. Und er hat mir, als ich 25 Jahre jung war und gerade eben erst das Leipziger Konservatorium verlassen hatte, ja eigentlich erst die Tür geöffnet…

 

Sie spielen an auf seine berühmte Rezension „Neue Bahnen“ in der Neuen Zeitschrift für Musik?

Jawohl.

 

Schumann rechnete Sie dort zu den „hochaufstrebenden Künstlern der jüngsten Zeit“ und nannte Sie in einer Reihe mit Komponisten wie Ernst Naumann, Ludwig Norman oder Theodor Kirchner – Namen, die heute allenfalls Kennern ein Begriff sind.

Und natürlich auch damals, zum Zeitpunkt der Rezension, nur Kennern ein Begriff waren. Aber sie machten doch alle Karriere, die Herren: ihre Musik wurde gedruckt und gespielt – meine Musik, wenn ich so bescheiden sagen darf, eingeschlossen. Die Zeit ist eben manchmal, um es mit der Marschallin aus Richard Straussens Rosenkavalier auszudrücken, ein sonderbar‘ Ding: Komponisten, die einst einen erheblichen Bekanntheitsgrad genossen, rücken im Lauf der Zeit in die zweite Reihe und werden zu „Kleinmeistern“ degradiert…

 

Dabei gab es zu Ihrer Zeit einen Grundtenor: Ihr Werk galt als studierenswert und tiefsinnig in einer oft als oberflächlich empfundenen Gegenwart der Effekthascher und Vielschreiber. Trotzdem setzten schon zu Ihren Lebzeiten auch divergierende Urteile über Ihr Schaffen ein: Den Konservativen waren Sie nicht „klassisch“ genug, von den anderen wurden Sie als „Mendelssohnianer“ und „Schumannianer“, also bereits als Epigone abgewertet…

Ja, wahrlich kurios. Und noch besser: Als ich mich mit Anfang vierzig auf dem Höhepunkt meines Schaffens fühlte, bezeichnete mich das damals führende deutsche Musiklexikon – das Musikalische Conversationslexikon – als einen der „besten und durchgebildetsten Tonsetzer der Gegenwart“; woraufhin zwanzig Jahre später ein anderer Autor meinte, dies bestreiten zu müssen: „Er ist ein strebsamer und gewissenhafter Komponist, er hat Ideale und ist ein Schöngeist, aber von tieferer musikalischer Bedeutung ist sein ganzes Schaffen nicht. Wenn wir bereits Bargiel unter die Halbgötter versetzen wollen, wo sollen wir Wagner, Brahms, Bruch, Grieg oder Liszt unterbringen?“

 

Nun, bringen wir jetzt einmal Brahms in unserem Gespräch unter! Zumindest indirekt sprachen wir ja eben schon von ihm – denn die „Neue Bahnen“-Rezension Schumanns handelte ja eigentlich von ihm, „jenem jungen Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten“.

Dass Schumann den jungen Brahms so vorgehoben, ehrt beide gleich hoch. Ich lernte Brahms kennen, als er 1855 auf seinem Weg nach Danzig zu Konzerten mit meiner Halbschwester Clara Schumann und meinem Leipziger Studienfreund Joseph Joachim in Berlin Zwischenstation machte, wo ich inzwischen lebte und als Klavierlehrer mein täglich‘ Brot verdiente. Seitdem begegneten wir uns immer wieder, und wir begannen, uns gegenseitig Werke zur Beurteilung zu senden. Zu seinem Klavierquartett op. 25, das drei Jahre vor seinem Klavierquintett entstand, schrieb mir Brahms: „Ich würde Dir sehr dankbar sein, wenn Du mir recht offen u. etwas ausführlich mittheiltest, was es Dir für Eindruck macht, auch was Dir bedenklich od. verwerflich etc. erscheint.“ Wir vertrauten uns, vertrauten unserem Urteil, und wurden Freunde. Etwa zur selben Zeit widmete ich Brahms meine Fantasie op. 19 für Klavier, und ich schrieb ihm: „Mit dieser Widmung möchte ich Dir gern sagen, wie sehr ich mit Deinem Streben übereinstimme, es werth halte und zu verstehen glaube“.

 

Das komplette – fiktive – Gespräch zwischen Woldemar Bargiel und Rafael Rennicke wird im Programmheft zum 6. Kammerkonzert abgedruckt sein.
Die Fotografie von Rafael Rennike zeigt ein Detail einer Hausfassade aus dem 19. Jahrundert im Stuttgarter Westen.

 


6. Kammerkonzert

Unbekannte Romantik

Liederhalle (Mozartsaal)│29. JUNI 2016, 19.30 UHR

JOHANNES BRAHMS
KLAVIERQUINTETT F-MOLL OP. 34 (1865)

WOLDEMAR BARGIEL
STREICHOKTETT OP. 15A (1877)

Mit Elena Graf, Veronika Unger, Alexandra Taktikos, Alexander Jussow (Violine), Madeleine Przybyl, Bertram Jung (Viola), Francis Gouton, Michael Groß, Philipp Körner (Violoncello) und Till Fellner (Klavier)

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