Applaus, Applaus!

Spende deinen Beifall! – Eine Zeitreise

von Julia Maschke

„[Sängerin] Rhoda von Glehn […] hatte nach ihrer Bravourarie im 2. Akt den schüchtern sich vorwagenden Beifall voll verdient, der aber im Keim erstickte, weil das wohlerzogene Publikum meint, man dürfe bei offener Szene nicht mehr klatschen.“[1] Diese Zeitungsnotiz über eine Stuttgarter Mozart-Aufführung im Jahr 1925 verrät etwas über die „Klatschkultur“ des Württembergischen Publikums. Was aber wurde tatsächlich von der damaligen Sitte vorgeschrieben?

„Spende deinen Beifall, wenn die Darstellung ihn verdient“, [2] fordert das Handbuch des guten Tones und der feinen Sitte aus dem Jahr 1922, das sich an junge Leute richtet, die die Gepflogenheiten der gebildeten Welt – von den Vorschriften bei Tisch bis hin zur richtigen Wortwahl bei Heiratsanträgen – lernen sollen. Auch wenn diese Verhaltensweise beim Schlussapplaus heute noch üblich ist, unterlag die Art und Weise dieser Begeisterungsbekundung jedoch einem Wandel. Begeben Sie sich auf eine Zeitreise durch die Applausordnung zu verschiedenen Uraufführungen in der Staatsoper Stuttgart.

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Lucien Fugère als Sir John Falstaff in Verdis Falstaff, 1894

Sie besuchen die deutsche Erstaufführung von Verdis Falstaff im Jahr 1893, es ist die Zeit, als das Theater von den damaligen Hütern der Sitte so beschrieben wird: „[E]in wichtiges Glied in der Reihe der Kunsttempel, aus deren Hallen der Geist der Kultur und Bildung in mächtigem Fluge sich aufschwingt“ (1904).[3] Nach der grandiosen Vorstellung dürfen Sie aber nicht so applaudieren, wie Sie es in der heutigen Zeit tun. Bei den damaligen Sittenlehrern sind Claqueure, die den Beifall anstoßen und ihn bis zum Exzess treiben, verpönt. Lassen Sie sich also nicht dazu hinreißen, „mit lautem Schall in die Hände zu klatschen und mit kreischender Stimme Bravo zu rufen.“ (1904)[4] Sollten Sie mit der Darbietung nicht zufrieden sein, ist es angebracht, nicht zu zischen und stattdessen zu schweigen.

Falls Sie nun auch noch eine Dame sind, müssen sie sich leider „mit einem ganz leichten Zusammenschlagen der Hände“ begnügen. (1922)[5] Jedoch durften Sie 60 Jahre früher, z.B. bei der ersten Stuttgarter Inszenierung von Gounods Faust (1861), lediglich „das Talent der Frauen enthusiastisch und warm [loben], denn da die Männer zum öfteren sehr eitel sind, könnte Dein Lob bei ihnen leicht eine andere Deutung erhalten.“ (1866)[6] Ob diese Sitte auch noch bei der Uraufführung von Strauss’ Ariadne auf Naxos (1912) gültig ist, ist nicht gewiss, jedenfalls äußern sich die aktuellen Gepflogenheitsbücher nicht mehr darüber.

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Uraufführung von Orffs Oedipus der Tyrann am Württembergischen Staatstheater Stuttgart 1959, Gerhard Stolze (Oedipus), Fritz Wunderlich (Tiresias); Foto: Madeline Winkler-Betzendahl; Deutsches Theatermuseum München

Einige Jahre später erlebt der Applaus aber eine Kehrtwende. Zur Uraufführung von Orffs Oedipus der Tyrann (1959) werden Sie von den Anstandsratgebern dazu angehalten, Beifall reichlich zu spenden. Das sollten Sie auch tun, wenn Sie mit dem Oedipus- oder dem Jokaste-Darsteller nicht restlos zufrieden sind. Denn „[a]uch er ist nur ein Mensch“ (1959).[7] Dass tatsächlich nichts „für ihn tödlicher, als eisiges Schweigen nach dem Aktschluss“[8] ist, lässt sich aber bezweifeln, denn vor 30 Jahren galt noch die Devise: „Oft wird der Künstler mehr durch Schweigen als durch lauten Beifall geehrt.“ (1922)[9]

Unzufriedenheitsäußerungen verstoßen jedoch in allen beschriebenen Zeiten gegen den guten Ton. Sollte jedoch die Ausnahme eintreffen, dass Ihnen das Stück missfallen hat, „haben Sie nun [beim Schlussapplaus] die Möglichkeit, stilvoll das Weite zu suchen!“ (2015)[10]

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Uraufführung wunderzaichen von Mark Andre an der Staatsoper Stuttgart 2014, Kora Pavelic (1. Beamtin), André Jung (Johannes), Maria Theresa Ullrich (2. Beamtin), Staatsopernchor Stuttgart; Foto: A.T. Schaefer

Nach dieser Reise durch die Vergangenheit sitzen Sie jetzt in der Uraufführung von Wunderzaichen (2014) des Komponisten Andre. Wenn Sie jetzt ihre Begeisterung zum Ausdruck bringen wollen, ist alles erlaubt. Sie sollten mit dem Applaus „möglichst verschwenderisch umgehen“ (2004)[11] und müssen nicht „hinter dem berühmten Berg halten“ (2015).[12] Sie dürfen neben dem Klatschen auch pfeifen oder ein elegantes ‚Bravo‘ rufen. Auch wenn sich die Knigge-Bücher vor zehn Jahren um die Stabilität des Bodens beim Fußtrampeln sorgten und standing ovations eher skeptisch gegenüberstanden, können die Ratgeber heute sagen: „‚Standing ovations‘ sieht jeder Künstler gern.“ (2015)[13]

 



Quellen:

Augst, Helen Ann: Das große Buch der Umgangsformen. Das Standardwerk des ‚guten Tons‘ für alle Bereiche des beruflichen und privaten Lebens. Baden-Baden: Humboldt, 2004.

Berger, Otto: Neuestes Komplimentirbuch oder der gute Ton in allen Lagen des Lebens. Reutlingen: Enßlin und Laiblin, ca. 1881.

Dungern, Julie: Was sich schickt und was den Leuten gefällt. Regeln des guten Tons für Söhne und Töchter gebildeter Stände. Stuttgart: Kröner, 1866.

Emanuel Barth: Das Buch vom guten Ton in der Gesellschaft. Anstandsregeln und Umgangsformen im gesellschaftlichen Verkehr. Reutlingen: Bardtenschlager, ca. 1904.

Franken, Konstanze von: Handbuch des guten Tones und der feinen Sitte. Berlin: Max Hesses, 1922.

Gillmann, Dirk: Knigge für Dummies. Weinheim: Wiley-VCH-Verl., 2015.

Miketta, Hubert: Anstand Benehmen Charme. ABC des guten Tonses. Stuttgart: Fackelverlag, 1959.


[1] Otto Weinreich: Die Entführung aus dem Serail. Gastspiel des Württembergischen Landestheaters Stuttgart am 13. Januar 1925 im Schiller-Saal Tübingen, Tübinger Chronik 1925, S. 50f.

[2] Franken, Konstanze von: Handbuch des guten Tones und der feinen Sitte. Berlin: Max Hesses, 1922, S. 137.

[3] Emanuel Barth: Das Buch vom guten Ton in der Gesellschaft. Anstandsregeln und Umgangsformen im gesellschaftlichen Verkehr. Reutlingen: Bardtenschlager, ca. 1904, S. 88.

[4] Ebd.

[5] Franken 1922, S. 137.

[6] Dungern, Julie: Was sich schickt und was den Leuten gefällt. Regeln des guten Tons für Söhne und Töchter gebildeter Stände. Stuttgart: Kröner, 1866, S. 47.

[7] Miketta, Hubert: Anstand Benehmen Charme. ABC des guten Tonses. Stuttgart: Fackelverlag, 1959, S. 591.

[8] Ebd.

[9] Franken 1922, S. 140.

[10] Gillmann, Dirk: Knigge für Dummies. Weinheim: Wiley-VCH-Verl., 2015, S. 179.

[11] Augst, Helen Ann: Das große Buch der Umgangsformen. Das Standardwerk des ‚guten Tons‘ für alle Bereiche des beruflichen und privaten Lebens. Baden-Baden: Humboldt, 2004, S. 144.

[12] Gillmann 2015, S. 178.

[13] Ebd. S. 179.


Titelbild: Honoré Deaumiers, „Claqueure in den ersten Reihen eines Theaters“

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