Helles Entsetzen am Plattensee

Zum 6. Liedkonzert (23. Juni 2016)

Wenn die Mutter von Alban Berg im Sommer 1885 mit ihrem Säugling Urlaub am Plattensee gemacht hätte, hätte sie die Mutter des dreijährigen Imre (Emmerich) Kálmán treffen können – und absolut nichts hätte darauf hingedeutet, dass das aufgeweckte Kleinkind ein »Operettenkomponist«, das schlummernde Baby aber ein Komponist von atonalen und zwölftönigen Opern werden würde. Und hätten sich die beiden Söhne einige Jahre später getroffen, hätten sie vielleicht gemeinsam über Alban Bergs Gelegenheitsgedicht Lob der Faulheit gelacht, hätten sich über die Schule ausgetauscht (Kálman war immer ein guter Schüler, Berg blieb zweimal sitzen) und über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihrer Eltern: Das Geschäft von Kálmáns Vater ging 1896 bankrott, Alban Bergs Familie geriet nach dem Tod des Vaters 1900 in wirtschaftliche Bedrängnis. Vielleicht hätten die beiden jungen Männer um 1900 auch einander ihre ersten Lieder vorgespielt, musikalische Gemeinsamkeiten entdeckt und festgestellt, dass sie beide ein Gedicht von Ludwig Jacobowsky vertont hatten.

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Von Berg im Alter von 15 Jahren gemalte Karte mit seinem Gedicht „Lob der Faulheit“.

Dass die beiden jungen Komponisten so unterschiedliche Wege gehen würden, begann sich erst ab 1904 abzuzeichnen. Zwei Geschwister Alban Bergs, für die er seine ersten  Lieder komponiert hatte, kümmerten sich darum, dass ihr begabter Bruder nicht in einem Verwaltungsberuf endete und arrangierten für ihn Theorie- und Kompositionsunterricht bei einem gewissen Arnold Schönberg. Emmerich Kálmán hatte sein Kompositionsstudium bei Hans Koessler zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen. Trotzdem drohte auch ihm eine ungeliebte Karriere, denn sein Patenonkel hatte sich so über die symphonische Dichtung Endre es Johanna aufgeregt, dass die Eltern auf die Fortsetzung von Imres Juristenausbildung bestanden. Da niemand seine symphonischen Dichtungen drucken wollte, verkündete Kálmán seinen Freunden »mit tonloser Stimme«, wie er in seiner Autobiographie erzählt: »›Ich – schreibe – eine Operette!!!‹ Tiefe Erschütterung, helles Entsetzen waren die Wirkung.« Einige Nummern aus dieser »Operette « (eigentlich eher ein ungarisches Singspiel) fügte der Komponist in seine erste gedruckte Liedersammlung Dalai (Lieder) ein. Neben diesen acht Liedern der Gattung, für die Kálmán später berühmt werden sollte, gehören zwölf originäre Klavierlieder auf ungarische Texte zu der 1907 gedruckten Sammlung, drei davon erklingen im 6. Liedkonzert: Örök mámor (Ewiger Rausch), Virágének (Blumenlied) und Őszi estén (Am Herbstabend). 1908 zog Kálman nach Wien und komponierte nur noch Operetten, darunter Gräfin Mariza, die der kroatischen Stadt Varaždin ein »Sternchen im Operetten-Baedeker« verschaffte, wie der Kritiker Erich Urban bald nach der Uraufführung formulierte. Dalai waren Kálmáns Abschiedslieder vom Klavierlied.

Alban Berg hingegen lernte bei Schönberg ab 1904 erst einmal die Grundlagen in Harmonielehre und Kontrapunkt. Obwohl Schönberg ihn aufgrund seiner Lieder als Schüler angenommen hatte, war das erste Urteil vernichtend, wenn man seinem späteren Bericht glauben will: »In dem Zustande, in dem er zu mir gekommen ist, war es seiner Phantasie scheinbar versagt, was anderes als Lieder zu komponieren. Ja selbst die Klavierbegleitungen zu diesen hatten etwas vom Gesangsstil. Einen Instrumentalsatz zu schreiben, ein  Instrumentalthema zu finden, war ihm absolut unmöglich.« Neben dem Grundlagenunterricht durfte Berg aber weiterhin an neuen Liedern arbeiten – alle, die im Konzert  erklingen, entstanden zwischen 1906 und 1908, also etwa zeitgleich mit Kálmans Liedern. Im Verlauf der Jahre ist Bergs Jugendliedern eine allmähliche technische Verfeinerung anzumerken, besondere Ausdruckskraft und Originalität finden sich jedoch von Anfang an. Erst später, während der eigentlichen Kompositionsausbildung bei Schönberg,  veränderte sich der Stil Bergs deutlich.

Wenn die Mutter von Franz Lehár 1885 auch an den Plattensee gereist wäre, hätte sie ihren 15jährigen Sohn wohl nicht dabei gehabt, denn der studierte bereits am Prager Konservatorium. Aber sie hätte sich daran erinnert, das ihr Sohn ihr im Alter von sechs Jahren sein erstes Lied komponiert hatte – auf den nicht ganz altersgemäßen Text »Ich fühl’s, daß ich tief innen kranke«. Als Kálmáns und Bergs Lieder entstanden, war Lehár bereits ein etablierter Operettenkomponist; 1905 hatte er mit Die lustige Witwe seinen  ersten Welterfolg komponiert. Lieder schrieb er sein ganzes Leben lang, vom Kunstlied bis zum Schlager. Je weiter seine Karriere fortschritt, desto mehr Überschneidungen finden sich zwischen seinen Bühnenwerken und seinen Liedern. Bereits Die Näherin von 1902 enthält als Refrain eine Melodie, die der Komponist kurz darauf in seinem berühmten Walzer Gold und Silber erneut verwendete. Vorüber und Aus längst vergang’ner Zeit hingegen entstanden noch in der Zeit vor den Operetten, für die – zum Glück! – einzige Gesangsschülerin Lehárs. 1890 musste der junge Militärkapellmeister nämlich auf Befehl seines vorgesetzten Oberst dessen Tochter Vilma Fried Gesangsunterricht erteilen. »Befehl ist Befehl … Meine Verlegenheit war nicht gering, als ich dem hübschen siebzehnjährigen Mädchen gegenüberstand … die junge Baronesse merkte sehr schnell, dass ich mich auf Gesangsunterricht nicht verstand …. Ich lebte in einer ständigen Todesangst und aus ihr heraus, um die Oberstentochter zu versöhnen, komponierte ich Lieder, die ich ihr widmete. Sie verstand dies zu würdigen, verriet mich nicht bei ihrem Vater, sondern erschien pünktlich zu den Gesangsstunden, während die Stimme von Mal zu Mal heiserer wurde.« Um die Stimme nicht völlig zu verderben, »kamen wir überein, dass sie sich krankstellen sollte, bis ich als Gesangslehrer vergessen war.«

Wenn man sich vorstellt, wie der fesche 20jährige Militärkapellmeister und die junge Baronesse wiederholt die Zeilen »Ich hab’ geliebt, ich hab’ geschwärmt« übten, kommt man nicht umhin, sich eine operettenähnliche Situation im Musikzimmer auszumalen, aber ein Kuss mit der Tochter des Oberst hätte für Lehár sicher schlimme Folgen gehabt. So sammelte er wohl nur gedankliche Inspiration für seine später so zahlreichen Arien zur Kussthematik: Warum hast du mich wachgeküsst, Gern hab ich die Frau’n geküsst und Meine Lippen, sie küssen so heiß.

So weit entfernt von der leichten Muse, wie man denken könnte, war übrigens selbst der Kreis um Arnold Schönberg nicht: 1921 veranstaltete der »Verein für musikalische Privataufführungen in Wien«, bei dem üblicherweise Werke aus dem Schönberg-Umfeld gespielt und diskutiert wurden, einen »außerordentlichen Abend«, in dem vier Walzer von Johann Strauß erklangen, für Kammerorchester bearbeitet von Anton von Webern, Arnold Schönberg und Alban Berg. Berg instrumentierte den Walzer Wein, Weib und Gesang. An jenem Abend war bei dem strengen Vereinskonzert sogar ausnahmsweise Applaus zugelassen.

 

Ann-Christine Mecke

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