Sinfoniekonzert//Ins Offene!

von Rafael Rennike

Outscape – vom Entfliehen ins Draußen und vom Wunsch nach dem Verschmelzen mit der Andersartigkeit einer noch unbekannten Natur künden die Klänge in Pascal Dusapins Konzert für Violoncello und Orchester. Die Oper Stuttgart hat das neue Werk des französischen Komponisten, das Ende Mai vom Chicago Symphony Orchestra uraufgeführt wurde, mit in Auftrag gegeben – jetzt erklingt es erstmals in Europa. Das Staatsorchester Stuttgart präsentiert die Deutsche Erstaufführung in poetischer Verknüpfung mit Anton Bruckners Vierter Sinfonie, der »Romantischen«. Wie Dusapins Konzert wurzelt auch diese im Natur-Erleben : Freiheitliche Hornrufe hallen allenthalben durch ihre Klanglandschaften – mal direkt, dann versteckt, mal hymnisch, dann geheimnisvoll. Wir lauschen und ahnen die Botschaft : »Komm! ins Offene, Freund !«

Anton Bruckner hat die Arktis nie gesehen. Doch hat er sie sich erlesen: Die Lieferungen der Österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition in den Jahren 1872 – 1874 hatte er abonniert, und er mag sich in die abenteuerlichen Berichte eines der Kommandanten des Forschungsschiffes »Tegetthoff« mit Begeisterung vertieft haben. Im August 1880 notierte Bruckner am oberen Rand einer Seite des Akademischen Kalenders der Österreichischen Hochschulen für das Studienjahr 1880 : »8000 Meilen von den 1ten Menschen. Tegetthoff«. Es ist der beeindruckte Reflex auf eine der Schilderungen der Nordpolfahrer, nachdem diese einen unbekannten, eisigen Archipel entdeckt und ihn »Franz-Josephs-Land« getauft hatten: »tausend Meilen entfernt von den ersten Niederlassungen der Menschen.« Riesig, um das Achtfache, dehnte sich in Bruckners Imagination der Raum …

Pascal Dusapin hingegen hat als 25-Jähriger die Arktis mit eigenen Augen gesehen. 35 Jahre später erinnerte er sich an das Gesehene und Erlebte, als er sich ans Komponieren einer Musik machte, die in diesen Konzerten des Staatsorchesters Stuttgart ihre Deutsche Erstaufführung erlebt. Mag ihm dabei auch, wie Dusapin selbst bekannte, die »Idee einer Schneewüste« präsent vor Augen gestanden haben, so ist es doch weit mehr als das, was in seiner Musik zum Klingen kommt: Das »Entfliehen« ins Draußen, ins Freiheitliche, wovon der Titel seines Cellokonzerts spricht – Outscape –, ist nicht nur ein dem Künstler Dusapin in die Komponisten-Wiege gelegtes Grundbedürfnis; es ist auch den Bewegungen des Solo-Instruments hin zum Orchester wie auch den Bewegungen des Orchesters hin zum Solo-Instrument auf Schritt und Tritt zu entnehmen. Hier werden im Aufsuchen eines unbekannten Gegenübers neue, unentdeckte Naturen erspürt, um sich ihnen anzunähern und anzuverwandeln: Schritte ins Offene, bei denen sich das Wunder gegenseitigen Sich-Öffnens ereignet.

Und Bruckner? Seine einzige wirkliche Urlaubsreise führte ihn, in den Sommermonaten 1880, in die Schweiz. Doch blieben ihm die Abenteuerreisen seiner Phantasie. Wie in jenem blitzartig aufgerufenen Bild der »8000 Meilen von den 1ten Menschen« entfernten Nordpolfahrer vermochte Bruckner auch mit den Mitteln der Musik Größen ins Unermessliche zu steigern, fernste Distanzen zu überbrücken und Horizonte ins Unbegrenzte zu weiten. Erhabenheit strahlt seine Musik darum fast immer aus, auch und gerade da, wo sie – wie in seiner meistgespielten Sinfonie, der »romantischen« Vierten – im vermeintlich Puppenstubenhaften einer Biedermeier-Idylle beheimatet zu sein scheint. Bruckners diesbezüglichen programmatischen Erläuterungen kann darum getrost misstraut werden: Seine Musik überführt – wie jene Dusapins – äußere Natur in innere, sublimiert sie ins Unkonkrete und Unfassbare. Wie schon der frühromantische Dichter und Grubenarbeiter Novalis sagte: »Nach innen geht der geheimnisvolle Weg.«



7. Sinfoniekonzert

Markus Stenz dirigiert Bruckner

Musikalische Leitung: Markus Stenz
Violoncello: Alisa Weilerstein
Staatsorchester Stuttgart
Einführung 45 Minuten vor Beginn im Silchersaal, Liederhalle
PASCAL DUSAPIN
OUTSCAPE. CONCERTO POUR VIOLONCELLE ET ORCHESTRE (2015)
Deutsche Erstaufführung
Kompositionsauftrag von Chicago Symphony Orchestra, Opéra de Paris und Fundação Casa da Música, in Zusammenarbeit mit Oper Stuttgart mit freundlicher Unterstützung des Fördervereins der Staatstheater Stuttgart e. V. und BBC Symphony OrchestraANTON BRUCKNER
SINFONIE NR. 4 ES-DUR WAB 104 (2. Fassung von 1878)


Foto: Markus Stenz © Molina Visuals

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