Vom Abseits auf die Bühne

Eine Stehgreifflanke zum EM-Beginn

von Konzertdramaturg Rafael Rennicke

Nun, da heute Abend der Ball bei der Fußball-Europameisterschaft ins Rollen kommt, rückt endlich wieder der oft knapp im Abseits stehende Beziehungszauber zwischen zwei wahrlich unschlagbaren Gesamtkunstwerken ins Blickfeld: der Beziehungszauber zwischen Fußball und Oper.

Die Fülle der bei näherer Hinsicht geradezu offensiv sich aufdrängenden Gemeinsamkeiten fängt schon beim Äußersten an: dem Ort, an dem sich die Wunder von Fußball und Oper ereignen. Wie der „Musentempel Oper“ ist auch das Fußballstadion ein mythischer Ort. Ein Ort, der das, was unser Menschsein ausmacht, zum Vorschein bringt. Ein Ort, der zum Schauplatz größter Dramen und Tragödien wie auch zum Schauplatz harmloser Lustspiele (einst Freundschaftsspiele genannt) oder heroischer Heldengeschichten werden kann. Ein Ort der Leidenschaften und der großen Gefühle, an dem Schmerz und Ekstase beheimatet sind und der – wie das Leben selbst – das ganze Glück und Unglück, Aufstieg und Fall, Sieg und Niederlage auf engstem Raum vereint: Ein Spiel dauert 90 Minuten…

So gleichen unsere Fußballstadien nicht umsonst den Theaterbauten unserer griechischen Vorfahren. Deren Theater trugen das Antlitz einer Arena, und die Aura der Arena verströmen gerade jene Theaterbauten noch heute am beeindruckendsten, die für die größte Kunstform auf Erden – das Gesamtkunstwerk Oper – erschaffen wurden: Tief von unten her, wie aus unsrem Unterbewussten, tönt es aus dem Orchestergraben empor, dem tiefsten und mythischsten Ort eines jeden Opernhauses. Richard Wagner, in seiner Jugend glühender Anhänger des Fußballvereins RB Leipzig, hat den Graben mit gutem Grund ins Unsichtbare entrückt – gleich den Katakomben der Fußballtempel, in deren unendlichen Gängen Mannschaftskabinen zu Orten geheimer Taktikpläne werden und Herz und Hirn jeder Mannschaft pochen, bevor deren Spieler, flutenden Klängen gleich, aus der Verborgenheit der Katakomben in die Scheinwerferhelle der Flutlichtanlagen treten.

Der Rasen schließlich wird zur eigentlichen Bühne – doch sollte dabei nicht vergessen werden, dass eine Mannschaft stets stärker ist als jeder Einzelne („Der Star ist die Mannschaft“) und ohne ihren „zwölften Mann“ nichts ist. Dieser sitzt oder steht auf den Rängen und bewacht nicht nur mit Argusaugen das Spielgeschehen. Auch sind die Ränge des Stadions – als wären’s die Bühnen unserer Theater – Orte erfindungsreichster La-Ola-Choreographien, skandierender Sprechrufe („Deutschland vor, noch ein Tor“, „Die Nummer eins der Welt sind wir“) und himmlisch schöner Fan-Gesänge: „Oh, wie ist das schön!“ Auch wenn dieses Ritual heutzutage eher bei den Nachfahren des Alten Roms gepflegt wird, sollte doch – zumindest in diesen Tagen – daran erinnert werden, von welch befreiender Wirkung ein Schlachtruf auch in unseren Opernhäusern sein könnte: „Viva Verdi!“

Keine Frage: Der Unterhaltungswert der Oper hängt von solcher „Brot- und Spiele“-Mentalität allein nicht ab. Indem wir ganz eins werden mit den Figuren auf der Bühne, die dort unten ja immer auch unser eigenes Leben spielen und mit uns und für uns lieben und leiden, werden wir zu „Fans“ – mitunter ohne es zu merken: Nach Schlusspfiff bejubeln wir unsere Stars auf der Bühne und im Graben, Buhrufe und Blumengebinde fliegen über die Rampe, und wer möchte, reiht sich ein in die Schlange derer, die ohne ein Autogramm ihres Helden die Stätte dieses Glücks nicht verlassen wollen. Und wenn wir dann doch einmal zuhause angekommen sind, hallt uns vielleicht jener schöne, tiefsinnige Satz des Kunstkritikers und Fußballreporters Herbert Zimmermann in den Ohren nach, der nach dem legendären 3:2-Triumph der Deutschen gegen Ungarn im WM-Finale 1954 im Berner Wankdorfstadion meinte: „Und wir wollen auch in diesem Augenblick nicht vergessen, dass es ein Spiel ist…“


Rafael Rennicke ist seit dieser Spielzeit Konzertdramaturg an der Oper Stuttgart und leidenschaftlicher Fußballfan. Er wirkte in den vergangenen Jahren als freischaffender Publizist, Dramaturg und Moderator und kuratierte bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern die Festivals „360 Grad Streichquartett“ (gemeinsam mit dem Artemis Quartett und Belcea Quartet) und „360 Grad Viola“ (gemeinsam mit Nils Mönkemeyer). Seit seinem Stipendium in der „Masterclass on Music Education“ der Körber-Stiftung in Hamburg, einer Meisterklasse für Musikvermittlung und Konzertdramaturgie in Kooperation mit der European Concert Hall Organisation (ECHO), gilt sein Interesse verstärkt dem Erfinden und Gestalten neuer Formen des Musik-Erlebens. So setzte er neue Akzente als Programmheft-Autor und Moderator von Konzerteinführungen und Künstlergesprächen u. a. für die musica viva München, die Schwetzinger SWR Festspiele, das Festival “Young Euro Classic” Berlin und das Gewandhaus zu Leipzig. Als Musikkritiker und Autor schreibt er regelmäßig für die Neue Zeitschrift für Musik und war in den Jahren 2011 und 2012 Mitarbeiter im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Rafael Rennicke war mehrfacher Landes- und Bundespreisträger bei den Wettbewerben „Jugend musiziert“ und „Deutsche Sprache und Literatur“ und studierte Musikwissenschaft und Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen, wo er demnächst mit einer Arbeit über Erinnerungspoetik im 19. Jahrhundert promoviert wird. Er war Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, 2008-2010 Landesgraduierten-Stipendiat der Universität Tübingen, 2009 mit einem Forschungsaufenthalt in Paris. Seine Veröffentlichungen zur Musik des 19. und 20. Jahrhunderts sowie zur Musik der Gegenwart erschienen u. a. in den Fachzeitschriften Archiv für Musikwissenschaft, Die Musikforschung und Musik & Ästhetik. Seit 2005 ist Rafael Rennicke Vorstandsmitglied der Stiftung Musikforschung in Baden-Württemberg sowie Mitglied der Jean-Paul-Gesellschaft, der Deutschen Liszt-Gesellschaft, der Association Nationale Hector Berlioz, der Gesellschaft für Musikforschung, der Gesellschaft für Neue Musik sowie der Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg. Im Jahr 2000 erhielt er den Kulturpreis seiner Geburtsstadt Rottweil.

Das Beitragsbild zeigt die Zuschauerplätze des Stuttgarter Opernhaus und des Stade de France.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s