Reigen//Wandverschiebungen

Die Kreisform bestimmt nicht nur die dramatische Form des Werks, sondern auch Oliver Proskes Bühnenbild für die Stuttgarter Opernproduktion Reigen. Szene für Szene verschiebt sich das Interieur – Möbel und Menschen – durch die Wände. Die Assoziation der Bewegung mit dem Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau führt das Thema der Oper auf räumlicher Ebene weiter: »Die Wände haben Sex mit den Möbeln«, fasst Oliver Proske das Bühnenbildkonzept mit einem Augenzwinkern zusammen – und dabei sollte die Bühne viele Spielmöglichkeiten bieten, damit die Sängerdarsteller in der Probenzeit gemeinsam mit Regisseurin Nicola Hümpel möglichst frei an der Szene arbeiten konnten. Oliver Proske arbeitet künstlerisch und als Geschäftsführer im Performancekollektiv »Nico and the Navigators« in ganz anderen Strukturen und Arbeitsweisen als in den etablierten Produktionsabläufen der Stuttgarter Staatstheater. Als Industriedesigner ist er einerseits gestaltend, aber auch technisch mit der Produktion und Konstruktion von Bühnenbildern für verschiedene Spielstätten vertraut. »Mir war klar, dass unsere künstlerischen Vorstellungen und der Bühnenbildentwurf eine schwierige technische Umsetzung nach sich ziehen würden. Die Zusammenarbeit mit den technischen Abteilungen der Staatstheater war eine große Bereicherung, weil auch in den vermeintlichen Sackgassen der Entwicklung von vielen Seiten kreative Ideen eingebracht und viel Herzblut investiert wurde, um die Ideen doch noch zu realisieren.«

Sein erster Bühnenbildentwurf erfasst die Anordnung, Funktionalität und Bewegung (Fahrten) der Bühnenbildelemente. Konstrukteur Andreas Guhl erarbeitet daraus in Absprache mit dem technischen Leiter des Opernhauses Michael Zimmermann einen „Schlachtplan“ samt Kalkulation der Materialkosten, Erstellung eines Zeitplanes und Einteilung der Gewerke für die verschiedenen Arbeitsprozesse.

 

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Konstrukteur Andreas Guhl misst die Bauteile.

Weil jede Theaterproduktion anders ist und eine eigene ästhetische Welt umfasst, in der die Gesetze der alltäglichen Funktionen häufig auf den Kopf gestellt werden, muss man bei jeder Neuproduktion neue Lösungen finden. Die große technische Herausforderung bei Reigen war, drei von insgesamt acht Wänden gleichzeitig in einer Kreisform auf unterschiedliche Positionen zu fahren – und das in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, ohne zu schwanken und sehr leise. Darunter sollte sich der Boden mit den Möbeln wie auf einem Fließband bewegen. Für die technische Realisierung musste ein Prototyp gebaut werden. Dieser sollte die Möglichkeit darstellen, die Wandfahrten motorisch oder im ungünstigeren Fall auch nur manuell (mit Umbaustatisten) zu bewegen.

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Ausgeschnittene Wandteile vor dem Tapezieren.

Zur Entwicklung des Prototyps schloss sich das Schlosserteam (Patrick Kopke, Johannes Bund, Christian Illing, Tim Grau) mit den Kollegen der Bühnenmaschinerie zusammen, um die Bewegung mit einem Motor zu planen. Die zündende Idee kam dem Schlosserteam durch die Kombination der Funktionsweise eines Seilliftes (gesehen in einer Folge der Sendung mit der Maus) und einer „Klettersteigklemme“ vom Maschinenschlosser und Hobbykletterer Erich Wohnhaas.

Durch die Kombination der Auffahrentriegelung des Seilliftes und der Seilklemmung durch die „Klettersteigklemme“ war es nun möglich, mit einem Endlosseil die Wände auf einer definierten Position zu entkoppeln.

 

Die acht Wände fahren in einer vorderen und einer hinteren Schiene, somit können die Wände manuell geschwenkt und über die Bühne gezogen werden. In unmittelbarer Nähe der Schienen läuft jeweils ein Endlosseil und an den Wänden die Klemmvorrichtung zum ein- bzw. auskoppeln der Wände vom Seil. Damit lassen sich durch zwei Motoren, die die Seile antreiben, die Wände mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten schwenken und in eine Richtung über die Bühne fahren. Die acht Wände sind in einem „Turm“ gelagert, und mit einer zusätzlichen Schiene vom Seil entkoppelt, so dass die Wände im Turm nur manuell geschoben werden können. An der Startposition endet diese zusätzliche Schiene und die Klemmvorrichtung schnappt in das Seil, so dass die Wand mitgezogen wird. An zwei Positionen der vorderen Schiene und an zwei Positionen der hinteren Schiene können Elektrozylinder mit einer Steuerung der Bühnenmaschinerie ausgefahren werden. Wenn die Wand an eine dieser Positionen fährt, wird die Klemmvorrichtung entriegelt, so dass das Seil durchrutscht und stehen bleibt.

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Die Seilklemme

Das Fließband mit den Funktionsmöbeln besteht aus Bühnenwagen, diese lassen sich mit einer im Bühnenhaus vorhandenen Antriebskette von links nach rechts bewegen. Somit können die sechs Wagen durch die Bühnenmannschaft rochiert werden. Sichtbar sind jeweils immer nur drei Bühnenwagen gleichzeitig, ein Bühnenwagen wird vorbereitet, der zweite Bühnenwagen dient als Spielfläche und der dritte muss weg für die Vorbereitung der nächsten Szene. Dadurch ist die Fahrwandanlage für eine Opernproduktion ziemlich breit. Insgesamt werden 30m auf der Bühne benötigt, damit alle Baugruppen Platz haben. Ein geplanter Probeaufbau und Probelauf der gesamten Anlage musste deswegen ausnahmsweise im Hochregallager des Zentrallagers stattfinden.

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Probeaufbau

Das eigens von einer Seilerei hergestellte 60 Meter lange Endlosseil kam „just in sequence“ am Morgen des Probeaufbaus an. »Alles sah eigentlich super aus, wir konnten abschätzen in welchen Dimensionen man weiterplanen musste – nur die Wände fuhren nicht“, erinnert sich der hauptverantwortliche Schlosser Steffen Spielberger. Es war schnell klar, dass es nicht an einer Fehlfunktion der Klemmeinrichtung liegt, vielmehr war die hohe Untersetzung der Antriebseinheit mit der gewünschten Fahrgeschwindigkeit der Fehler. Eine Woche vor der Technischen Einrichtung (bei der das Bühnenbild erstmals auf der Bühne aufgebaut wird) stand alles noch auf Messers Schneide, weil für den zweiten Probelauf erstmal eine passende Antriebseinheit eingebaut werden musste.

 

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Ein zusammengeschweißtes Team.

Im normalen Repertoirebetrieb muss das Bühnenbild innerhalb von max. 2,5 Stunden auf- bzw. abgebaut werden können. Damit es so schnell geht, werden die Bühnenbilder in möglichst wenige Teile zerlegt, wenn sie im Haus gelagert werden. Muss das Bühnenbild jedoch ins Außenlager, müssen die Einzelzeile auf LKW Maß in kleinere Bauteile auseinandergeschraubt werden. Für den Abbau und Transport der Reigen-Fahrwandanlage mussten zwei Tage eingeplant werden.

Beim Probeaufbau war das Team so auf den oberen Teil der Wände fixiert, dass niemandem auf den Höhenunterschied der Wände geachtet hatte. Dadurch konnten die Wände mit den Konturen nicht über die Bühnenwagen mit den Möbeln fahren. Johannes Bund und Christian Illing mussten dann die Drehaufhängung an den hinteren Wänden während der technischen Einrichtung „gschwind“ anpassen.

Auch eine Spezialstehlampe wurde in der Schlosserei angefertigt: Christian Illing und der Auszubildende der Abteilung, Tim Grau, tüftelten lange an der Umsetzung: Die Stehlampe sollte nur von der fahrenden Wand angestoßen in eine bestimmte Richtung umfallen, leise aufschlagen und dabei nicht kaputt gehen. Die Beleuchtung benötigte für die LED-Birnen, Kabel, Akku und Funkempfänger Platz und bestimmte Vorrichtungen. Der Lampenschirm wurde aus sehr biegsam dünnem Kunststoff maßgefertigt angeschraubt.

Nach dem Generalprobenbesuch waren alle Beteiligten glücklich mit dem Ergebnis ihres Bühnenbilds – auch in dem Wissen, dass bei den Abänderungen der Drehaufhängung während der Technischen Einrichtung der Spezialschlüssel in eine der Wände gefallen war und nun einen unsichtbaren Auftritt bei jeder Vorstellung hat.


 

Reigen

von Philippe Boesmans
in deutscher Sprache mit Übertiteln

Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling, Regie: Nicola Hümpel, Bühne: Oliver Proske, Kostüme: Teresa Vergho, Licht: Jörg Bittner, Dramaturgie: Ann-Christine Mecke

Die Dirne: Lauryna Bendziunaite, Der Soldat: Daniel Kluge, Das Stubenmädchen: Stine Marie Fischer, Der junge Herr: Sebastian Kohlhepp, Die junge Frau: Rebecca von Lipinski, Der Gatte: Shigeo Ishino, Süßes Mädel: Kora Pavelic, Der Dichter: Matthias Klink, Die Sängerin: Melanie Diener, Cornelia Ptassek, Der Graf: André Morsch, Paar im Video: Julla von Landsberg, Michael Shapira (Nico and the Navigators)

 

 

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