Sinfoniekonzert//Wolkenuhrenträume

von Rafael Rennicke

Uhren sind präzise, Wolken sind wolkig. Dies galt langezeit als Gesetz, bis die Newtonsche Revolution uns weismachte, dass alles auf dieser Erde nach voraussehbaren Mustern abläuft – selbst Wolken. Dass jedoch auch Uhren wolkig sein können: Für diese These machte sich der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper stark. Und verfasste 1965 den Aufsatz Of Clouds and Clocks – Über Wolken und Uhren. Seither wissen wir: Nicht nur Wolken sind Uhren, auch Uhren sind Wolken. Sie sind weniger präzise und zuverlässig als wir gemeinhin dachten. Selbst in den genauesten Mechanismen können Mängel auftreten, die ins vermeintlich perfekte System ein chaotisches Zufallsmoment bringen. Für den Komponisten György Ligeti waren Poppers Uhren- und Wolken-Metaphern ein wunderbarer Aufhänger für das eigene Schaffen, das schon früh um Fragen des Exakt-Determinierten und des Nebulös-Zufälligen kreiste. Seine 1972 / 73 komponierten Clocks and Clouds für 12-stimmigen Frauenchor und Orchester sind eine faszinierende Entdeckungsreise ins Reich der »tickenden« und »wolkigen« Klänge, wobei die Übergänge zwischen punktgenauen »Uhren« und sanft verfliegenden »Wolken« im Verlauf des Stücks immer gleitender werden, die Uhrwerke sich am Ende gar auflösen in Wolkenuhrenträume …

Es ist ein auskomponiertes Plädoyer für die Freiheit und die Fantasie, fürdas Unbestimmte und Überraschende, das unsere menschliche Existenz jenseits der »Mechanik« unseres Alltags auszeichnet. Wohl auch deshalb hat Ligeti in Clocks and Clouds die Violinen durch Frauenstimmen ersetzt, die zwar textlos (allein mit lautmalerischen Silben), aber doch mit aller Verführungskraft, die der menschlichen Stimme eigen ist, zum Orchesterklang hinzutreten, ihn überlagern, sich unentwirrbar mit ihm vermischen: Ein an der Grenze zum Geheimnis angesiedeltes, mythisches Singen. Es erinnert wohl nicht zufällig an den gleichfalls textlosen, traumartig-hypnotischen Gesang der Frauenstimmen im dritten Satz von Claude Debussys Orchesterwerk Nocturnes, das nach einem suggestiv-impressionistischen Wolken-Bild im ersten Satz (Nuages) den Sirenen huldigt (Sirènes), derentwegen sich Odysseus am Mast seines Schiffes festbinden ließ, um ihrer Verführungskraft zu widerstehen.

Das mythische Singen von Ligetis Clocks and Clouds taucht in Florent Schmitts Tragédie de Salome wieder auf, wenn zu den unheimlich gleißenden Lichtspielen über dem Toten Meer zunächst eine einzelne, dann immer mehr Stimmen aus den Tiefen des Wassers geisterhaft emporsteigen und über Abgründen singen. Abgründe, die auch der langsame Satz von Ludwig van Beethovens Viertem Klavierkonzert kennt – und über denen sich, auch hier in geistiger Nähe zu mythischen Vorbildern, (Klavier-)Gesang erhebt, der klagt und fleht und am Ende besänftigend uns alle rettet. Das überhaupt Schönste im Musik-Erleben – der Uhr-Zeit zu entfliehen – ereignet sich auch hier: »Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel : Die Wolke wird mein Flügel …« (Eduard Mörike, Im Frühling).


 

22. MAI 2016, 11 UHR │ 23. MAI 2016, 19.30 UHR
LIEDERHALLE (BEETHOVENSAAL)

6. Sinfoniekonzert

Sylvain Cambreling dirigiert Beethoven und Ligeti

Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling
Klavier: Till Fellner
Damenchor der Oper Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart
Einführung 45 Minuten vor Beginn im Silchersaal, Liederhalle

SYLVAIN CAMBRELING DIRIGIERT BEETHOVEN UND LIGETI

LUDWIG VAN BEETHOVEN
KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER NR. 4 G-DUR (1805-06)
CA. 34 MINGYÖRGY LIGETI
CLOCKS AND CLOUDS FÜR 12STIMMIGEN FRAUENCHOR UND ORCHESTER (1972-73)
CA. 13 MIN

FLORENT SCHMITT
LA TRAGÉDIE DE SALOMÉ SUITE FÜR FRAUENSTIMMEN UND ORCHESTER (1912)
CA. 24 MIN

 

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