Hinter den Kulissen// Dirigieren

Amelie Behr (14) spielt leidenschaftlich Geige und Klavier. Bei einem zweiwöchigen Schülerpraktikum in der Dramaturgie, bekam sie einen Eindruck von der musikalischen Berufspraxis in einem Opernhaus. Nach ihrem Abitur will sie gerne einmal Dirigentin werden. Im Gespräch mit dem musikalischen Assistenten des Generalmusikdirektors Till Drömann, der neben zahlreichen Dirigaten am Teatro Real in Madrid auch an der Oper Stuttgart bei Vorstellungen von Falstaff, La Bohème, Momo und Nixe die musikalische Leitung inne hatte, erfuhr sie mehr über ihren Traumberuf.

 

Till Drömann_Foto
Till Drömann

Wie kamst du zum Dirigieren?

Mit etwa 15 Jahren habe ich Feuer gefangen. Meine Musiklehrerin, eine ehemalige Opernsängerin, hat Musiktheaterprojekte an unserer Schule organisiert und ich habe da als Repetitor mitgeholfen. Das hat mich auf die Idee gebracht, das als Beruf zu machen und zur Oper zu gehen.

 

Was machst du als musikalischer Assistent bei Opernproduktionen?

Ich bin als musikalischer Assistent speziell dem Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling zugeteilt, aber generell ist es die Aufgabe der Repetitoren/Innen, die Interpretation des Dirigenten/In zu kennen und mit den Sängern/Innen einzustudieren. Ich bin ein zusätzliches Paar Ohren für den Dirigenten/In, und gebe ihm in den Proben Rückmeldung, wie es im Saal klingt.

 

Welche Instrumente spielst du?

Der Beruf erfordert natürlich hauptsächlich das Klavierspiel. Ich spiele auch noch Bratsche und Akkordeon, aber mehr für mich selber.

 

In welchem Verhältnis stehen deiner Erfahrung nach Musik und Szene?

Der Dirigent/In sollte sich mit dem Regisseur die Ideen für Musik und Inszenierungskonzeption austauschen. Im Idealfall entwickelt sie aus der Interpretation von Dirigierpartitur und Text ein gemeinsames Verständnis des Werks.

 

Wie lernst du eine Opernpartitur?

Zuerst lese ich den gesamten Text, also das Opernlibretto, danach schaue ich nach dem groben Aufbau des Stückes, dessen dramaturgischer Entwicklung.
Dann spiele ich das ganze Werk erstmal auf dem Klavier, um einen Eindruck von den harmonischen Vorgängen zu bekommen. Anschließend gehe ich jede einzelne Stimme durch, wenn man alle Stimmen auf einmal liest, übersieht man manchmal doch einige Dinge. Das bringt einem auch die Anforderungen an die Musiker/Innen und die Schwierigkeiten der einzelnen Stimmen näher.
Wenn ich die Stimmen kenne, setze ich die Instrumentalgruppen wie Holz-/Blechbläser, Streicher innerlich zusammen und lese schließlich alles „vertikal“, also im „Gesamtklang“.
Danach geht es an den „organisatorischen Teil“: die Tempi und Taktgruppen, die sich musikalisch zusammenfassen lassen, um größere Abschnitte im Kopf zu haben.
„Lesen“ heißt für mich, die Stimmen oder Abschnitte innerlich zu hören. Je komplexer die Stimme, desto länger brauche ich dafür. Das Ziel ist es, am Ende gleichzeitig jede einzelne Stimme im Kopf zu hören.

 

Bemerkt man am Pult die Stimmung im Publikum?

Ich merke, wenn das Publikum unruhig ist und da fragt man sich schon, was gerade falsch läuft – aber Rührung oder ähnliche Stimmungen kriege ich während ich dirigiere eher nicht mit.

 

Dirigieren ist auch Sport – kann man bei besonders langen Stücken auch Muskelkater bekommen?

Muskelkater bekommt man eigentlich nur, wenn etwas falsch läuft, das spürt man dann im Körper und das liegt nicht an der Dauer eines Werks … Vielleicht leben Dirigenten/Innen aufgrund der vielen Bewegung auch relativ lange ─ es könnte also ein sehr gesunder „Sport“ sein.

 

Wo kommt dein Impuls beim Dirigieren her?

Dirigenten/Innen werden gerne als „Kopf-“ oder „Bauchdirigent“ klassifiziert, ich finde das aber eher unzureichend. In der Praxis ist es meistens beides: eine gewisse Emotionalität und trotzdem ist alles wohlüberlegt. Gerade wenn man das Stück analysiert und erfasst hat, kommen auch die Emotionen hoch, wenn man etwas entdeckt und verstanden hat. Michael Gielen hat einmal gesagt: „Für die Kunst darf man auch das Hirn gebrauchen.“

 

Singst du auch?

Ja, sehr gerne. Wenn Sänger bei Proben krank sind, muss ich als Assistent ihre Partie markieren und gleichzeitig dirigieren, wie z.B.in der letzten Reigen– Probe. Das ist spannend, denn als Dirigent/In ist man in seinem Kopf mit der Musik schon immer voraus, schließlich muss man „hinführen“. Als Sänger dagegen singt man mehr aus dem Augenblick heraus, man atmet den Moment. Bei Reigen kommen viele Takt- und Tempowechsel hinzu, und ich war stellenweise als „Dirigent“ schon in einem 6/8-Takt und als „Sänger“ noch in einem 2/4-Takt. Ich hatte also gleichzeitig zwei verschiedene Rollen in unterschiedlichen Zeiteinheiten zu interpretieren.
Der Dirigent/In oder Repetitor/In hat es aber einfacher, weil er die Noten vorliegen hat. Die Sänger auf der Bühne haben sich die Musik auswendig − zusätzlich zum szenischen Geschehen − eingeprägt. Ich finde das bewundernswert. Es gibt auch Dirigenten/Innen und Korrepetitoren/Innen, die auswendig eine Probe spielen. Das ist aber eher die Ausnahme und auch eine Typfrage.

Du warst vor Sylvain Cambreling auch Michael Gielens Assistent. Beides Dirigenten, die großes zeitgenössisches Musiktheater dirigiert haben. Was hast du darüber gelernt?

Beide zeichnet aus, dass sie eine neue Partitur aufschlagen und schnell erkennen können, ob sie Substanz hat und gut ist, ohne die Musik vorher gehört zu haben. Sie dirigieren Stücke mit Leidenschaft und sind in der Lage sie innerlich zu hören, was bei neuer Musik nicht einfach ist. Das hat mich beeindruckt.

Welches Stück würdest du gerne einmal dirigieren?

So spontan sage ich mal: Porgy and Bess von George Gershwin eine Oper in drei Akten; „Summertime“ ist eine der bekanntesten Arien daraus. Das Stück hat einen unglaublichen musikalischen Reichtum.


Beitragsbild: A. T. Schaefer

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