Das mächtige Häuflein

Bild: „Die Gruppe der Fünf“ von Michajlow Alexander Wassiljewitsch (1950)


von Sergio Morabito

Der junge, aus Nischnij Nowgorod stammende, vielversprechende Musiker Milij Balakirew wurde 1855 durch einen privaten Mäzen in die Petersburger Musik­szene eingeführt. Sehr bald war Balakirew in einen intensiven Austausch mit den beiden »Vätern« der russischen Oper getreten, mit Michail Glinka und Alexander Dargomyschskij. In den Sechzigerjahren scharte Balakirew dann selbst einige hochbegabte ambitionierte Enthusiasten um sich. Der junge Offi­zier Mussorgskij, der Militärarzt Borodin, der Student der Militärakademie und spätere Professor für Festungsbau Cui, der Kadett und künftige Marineoffizier Rimskij­-Korsakow erkannten ihn als ihren Mentor an auf dem Weg zur Schaf­ fung einer nationalen russischen Musiksprache. Der Name »Mächtiges Häuf­lein«, unter dem die auch »Gruppe der Fünf« genannte Bewegung bis heute bekannt ist, beruht wohl streng genommen auf einem Missverständnis. Wladi­mir Stassow, der vermutlich einflussreichste russische Kunstkritiker seiner Epoche, schrieb 1867 in der Würdigung eines von Balakirew geleiteten Slavischen Konzerts: »Mögen unsere slawischen Gäste […] sich stets daran erinnern, über wieviel Poesie, Gefühl, Begabung und Können das kleine aber schon mächtige Häuflein der russischen Musiker verfügt.« Damit meinte er das Schaffen Glin­ kas, Dargomyschskijs sowie die kompositorischen Talentproben Balakirews und Rimskij­Korsakows, die Teil des Konzertprogramms gewesen waren, nicht aber die Schüler des Balakirew­Kreises. Auf sie wurde diese Prägung erst später polemisch bezogen.

Das offizielle Petersburger Musikleben war damals geprägt von der Kom­ponisten­, Pianisten­ und Dirigentenpersönlichkeit Anton Rubinsteins. Ihrem Engagement war eine umfassende Reform des Russischen Musiklebens zu verdanken. Bereits die Aktivitäten der 1859 von Rubinstein reanimierten »Rus­sischen Musikgesellschaft« umfassten neben Konzertzyklen auch Kursange­bote für Musikstudenten. Und 1862 gelang Rubinstein – unter Schirmherrschaft der Großfürstin Elena Pavlovna – die Eröffnung des ersten russischen Konser­vatoriums in Petersburg. Die Professionalisierung der theoretischen und prak­tischen Grundlagen der musikschöpferischen und ­nachschöpferischen Tätig­keiten sollte dem russischen Musikleben den Anschluss an die internationale Musikszene ermöglichen.

Der Eröffnung des Konservatoriums noch um ein halbes Jahr vorausgegan­gen war die Gründung der sogenannten »Musikalischen Freischule« durch Bala­kirew und Stassow – als bewusst antiakademisches, ja sozialutopisches Projekt, das kostenfreien Musikunterricht anbot. Beide Institutionen – das kaiserliche Konservatorium, an dem ein überwiegend deutscher Dozentenstamm lehrte, und die autonome, durch die Ideen des Balakirew­-Kreises geprägte Freischule – gerieten mehr und mehr in eine Frontstellung. Den Mentoren der Freischule standen die Vorgänge an der Petersburger Akademie der bildenden Künste als abschreckendes Beispiel vor Augen: Dort wurden neuere Entwicklungen sowie vor allem die Entfaltung einer nationalen bildenden Kunst tabuisiert, künstle­rische Freiheit als Unbotmäßigkeit geahndet und sanktioniert – bis hin zur sys­tematischen Überwachung der Kunststudenten durch die Geheimpolizei.

 

Mit der schöpferischen Hinwendung zu autochthonen Traditionen, zu sozialkriti­schen und realistischen Sujets und Gestaltungsprinzipien sowie zu Themen der slawischen Mythologie und Geschichte hatten die Komponisten des Mächtigen Häufleins Anteil an den Idealen, die viele bildende Künstler zum Exodus aus der Kunstakademie geführt und auf die berühmten Wanderausstellungen getrieben hatten. Befeuert wurde der Konfrontationskurs zum musikalischen Establish­ ment durch Skandale wie etwa die Entlassung Balakirews als Dirigenten der »Russischen Musikgesellschaft« zugunsten eines deutschen Protegés durch Elena Pavlovna oder die aus kulturpolitischen Motiven betriebene Absetzung von Mussorgskijs Boris Godunow, der völlig überraschend zum Publikumserfolg geworden war.

[…] Mussorgskij ist an dem Zweispalt zwischen Künstlertum und der Notwendigkeit, auf bürgerliche Weise Geld verdienen zu müssen, zugrunde gegangen. Es war Nikolaj Rimskij­Korsakow vorbehalten, den Abgrund zwischen den beiden rus­sischen Musikszenen – der offiziellen und der sezessionistischen – zu überbrü­cken. Als einziger der »Fünf« unterzog er sich einer akademischen Ausbildung und nahm eine Berufung zum Professor für Instrumentation und Komposition am Petersburger Konservatorium an. In seiner Heimat ist Rimskij mit 15 voll­ endeten Opern der in den Spielplänen am stärksten vertretene und meistauf­ geführte Opernkomponist. Nicht das kleinste seiner Verdienste ist es, dass er den vielfach fragmentarischen Nachlass seines Weggefährten Mussorgskij – wenn auch in glättenden Bearbeitungen – ediert und instrumentiert hat und so dessen Anerkennung als des vielleicht genialsten der »Fünf« ermöglicht hat.


Veranstaltungen zum Themenschwerpunkt „Russische Oper“ im Rahmen des Werkraums Europäische Oper:

DONNERSTAG, 5. MAI 2016

11.00-14.30 Uhr | Opernhaus, Foyer I. Rang
Vorträge und Konzert: Das mächtige Häuflein
Karten 12 €

  • 11.00-12.00 Uhr
    Vortrag: Mussorgskij, Stassow und Das mächtige Häuflein
    Mit: Dorothea Redepenning (Universität Heidelberg)
  • 12.15-13.15 Uhr
    Konzert: Nachtigall und Kuckuck
    Cesar Kui: 25 Puschkin-Gedichte op. 57
    Anton Webern: 4 Lieder op. 12
    György Kurtág: Requiem für einen Freund op. 26
    Mit: Olga Heikkilä (Sopran) und Stefan Schreiber (Klavier)
  • 13.30-14.30 Uhr
    Vortrag: Mussorgskij-Nachfolge in der sowjetischen und neueren russischen Musik
    Mit: Vladimir Tarnopolski (Tschaikowsky-Konservatorium, Moskau)

FREITAG, 6. MAI 2016

14.00-16.15 Uhr | Schauspielhaus, Foyer
Vorträge: Volksaufstand in der Oper 
Karten 5 €

  • 14.00-15.00 Uhr
    Vortrag: Der Strelitzen-Aufstand 1682
    Mit: Prof. emer. Heinz-Dietrich Löwe
  • 15.15-16.15 Uhr
    Aufstand und Protest auf der russischen und sowjetischen Opernbühne.
    Zur Rolle des Chores als Stimme des Volkes.

    Mit: Dorothea Redepenning (Universität Heidelberg)

SAMSTAG, 7. MAI 2016

14.00-16.30 Uhr | Opernhaus, Foyer I. Rang
Vortrag und Audition zu Mussorgskijs Heirat nach Gogol
Karten 5 €

  • 14.00-15.15 Uhr
    Vortrag: Die Heirat – Mussorgskijs Opernfragment nach Gogol
    Mit: Mathilde Reichler (Universität Lausanne)
  • 15.30-16.30 Uhr
    Audition: Die Heirat – Orchestrierungen und Vervollständigungen
    Mit: Sergio Morabito (Oper Stuttgart)

18.00-20.00 Uhr | Delphi Arthaus Kino
Film: Die Heirat
Nach Gogols Gleichnamiger Komödie; UdSSR 1977
Regie: Vitaly Melnikov
Kinokarten 8 €

SONNTAG, 8. MAI 2016

12.00 Uhr | Opernhaus
5. Liedkonzert: Russische Groteske
Modest Mussorgskij: Die HeiratRayok und Lieder und Tänze des Todes
Mit: Sergei Leiferkus (Bariton), Alla Kravchuk (Sopran), Gergely Németi (Tenor), Eric Ander (Bass), Anastasia Timofeeva und Semjon Skigin (Klavier)
Mit Audio-Übertragung auf den Opernvorplatz
Karten 16-39 €15.00-16.30 Uhr | Opernhaus, Foyer I. Rang
Podiumsgespräch: Chowanschtschina am Theater Basel
Mit: Regisseur Vasily Barkhatov, Moskau, und Sergio Morabito (Oper Stuttgart)
Mit Videopräsentation
Karten 5 €

19.00-22.30 Uhr | Opernhaus
Modest Mussorgskij
CHOWANSCHTSCHINA
Musikalische Leitung: Simon Hewett
Regie: Andrea Moses
Karten 8-90 €

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