Liedkonzert//Traum der Jahreszeiten

von Rafael Rennicke

Frühling, Sommer, Herbst und Winter – sie haben die Künstler seit jeher bezaubert und zu Werken inspiriert. Doch dürfte die Poesie der Jahreszeiten in den vergangenen Jahrhunderten wohl noch nie konzentrierter und im wahrsten Wortsinn einzigartiger besungen worden sein als in Philippe Boesmans‘ Seasons‘ Dream für Singstimme und Klavier: Boesmans‘ Jahreszeiten kommen ganz ohne blökende Schafe und gewittrige Stoppelfelder aus; in ihnen fallen keine Blätter und klirren nicht die Fahnen; und kein Vogel zwitschert. Denn Boesmans vertont in diesem Stück nicht Sprache im eigentlichen Sinne, sondern lässt die Singstimme und das Klavier zu den Worten „Spring“, „Summer“, „Autumn“ und „Winter“ wie in einem freien Flug der Phantasie über die blühenden Felder unserer Erinnerungen und Sehnsüchte träumen.

Boesmans hat das Stück im Mai 1996 für den „Concours Musical Reine Elisabeth de Belgique“ komponiert. Ein Wettbewerbsstück par excellence, an dessen arabeskenhaft-verschlungenen Koloraturen in feinst notierter dynamischer Schattierungskunst sich die Sängerinnen und Sänger ab dem Halbfinale messen sollten. Doch ist diese virtuos-brillante Oberfläche nur die eine Seite dieser Musik. Hinter ihren oft abrupten Farb- und Tempowechseln wird auch das offenbar, was der Dichter Stefan George als das „Jahr der Seele“ bezeichnet hat: die wechselnden Stimmungen menschlichen Fühlens und Empfindens im Angesicht einer sich immer wieder aufs Neue erfindenden und verjüngenden Natur.

So erscheint in diesen knapp vier Minuten ebenso zirzensischer wie zauberhafter Musik nicht nur der Jahreszyklus wie in einem Konzentrat zusammengefasst, sondern auch das, was die Musik von Philippe Boesmans im Ganzen prägt: ihre Beziehung zum Menschen und zu all‘ dem, was uns im Innersten bewegt. Hier ist die Nähe zum psychologisch feinst agierenden Ausdrucksmusiker Hector Berlioz evident, der dem Frühling in seiner Villanelle, dem ersten Lied aus „Les Nuits d’été“, mit pochendem Herzen ein ewiges Denkmal gesetzt hat. Und wenn Boesmans in seiner Oper Yvonne, Princesse de Bourgogne einem der von der Königin in jugendlichem Leichtsinn verfassten Gedichte just auf das Wort „Printemps“ (Frühling) einen unüberhörbar karikierenden Unterton beimischt, ist er von der Artifizialität und Raffinesse eines Claude Debussy nicht weit entfernt. Der besingt in seinen Trois Poèmes de Stéphane Mallarmé den „mit Sommersprossen übersäten Herbst“ mit einer in formvollendete Klänge gegossenen entrückten Sinnlichkeit, aus der uns erst wieder Toshio Hosokawas natur- und erdverbundene Volkslieder ins Freie entlassen: „Gerade der dauernde Wandel der Jahreszeiten“, so heißt es in einer japanischen Schrift aus dem 14. Jahrhundert, „weckt Mitgefühl für jedes Ding.“

Ein Konzert für Philippe Boesmans

Am Sonntag hat Reigen des belgischen Komponisten Philippe Boesmans in einer Neuproduktion an der Oper Stuttgart Premiere gefeiert. Im Liedkonzert „Traum der Jahreszeiten“ würdigen wir den in wenigen Wochen achtzig Jahre alt werdenden Komponisten mit einem Programm, das sich mal direkt, mal eher versteckt einem anderen Reigen widmet: dem Zyklus der Jahreszeiten. Neben Werken von Philippe Boesmans erklingen Lieder des ersten großen französischen Liederkomponisten Hector Berlioz sowie von Boesmans‘ bewundertem Vorbild Claude Debussy – bevor Yuko Kakuta mit drei Liedern Toshio Hosokawas, des „japanischen Debussy“, unserem Jubilar einen ganz persönlichen Gruß aus ihrer japanischen Heimat überbringt.

 


 

4. LIEDKONZERT

am Donnerstag, 28. April 2016, Foyer I. Rang
Violine: Muriel Bardon, Nicola Wiedmann
Viola: Robin Porta, Almut Lucia Beyer
Violoncello: Jan Pas
Musikalische Leitung: Kristina Sibenik
Mit Werken von Philippe Boesmans, Claude Debussy, Hector Berlioz und Toshio Hosokawa.

Fotos: Martin Sigmund

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