Alice im Wunderland//Dahintersteigen

Oder: Alles über Alice

Hinter den Nonsens steigen: Lewis Carroll, der eigentlich Charles Lutwidge Dodgson hieß, war Mathematiker. Hinter dem oberflächlichen Nonsens, als der „Alice im Wunderland“ gerne bezeichnet wird, ist also eine innere Logik zu vermuten. Denn ein Mathematiker erzählt doch keinen Unsinn– oder? Bis heute bemühen sich Wissenschaftler, Historiker, Psychologen und Gelehrte jeder Art um Nachweise. Sie wollen den Sinn hinter den Wortspielen, Rätseln und Absurditäten finden, zu Carrolls verborgener Logik durchdringen: die Wesen werden mythologisch gedeutet, den Ereignissen werden autobiografische Züge zugesprochen und den subtilen Spitzen gegen die Gepflogenheiten der viktorianischen Gesellschaft eine politische Sprengkraft verliehen. Manch fantasiereiche und scheinbar surreale Beschreibung wird durch nüchterne Fakten zu entzaubern versucht – oder wussten Sie, warum der Hutmacher im Wunderland verrückt ist?

 

„Verrückt wie ein Hutmacher“ könnte die verderbte Form irgendeiner älteren Floskel („verrückt wie ein Wutlacher“) gewesen sein, aber vermutlich verdankt sich die Formulierung der Tatsache, dass bis vor nicht allzu langer Zeit Hutmacher in der Tat oft verrückt wurden. Das Quecksilber, das zum Beizen von Filz verwendet wurde (inzwischen ist die Anwendung in den meisten europäischen und nordamerikanischen Staaten verboten), führte sehr häufig zu einer Quecksilbervergiftung. Die Opfer entwickelten ein Dauerzittern, das man „Hutmacherzucken“ nannte und das ihnen die Augen und die Gliedmaßen schädigte und die Sprache verwirrte. Im fortgeschrittenen Stadium des Leidens kamen Halluzinationen und andere psychische Symptome hinzu.

aus: Martin Gardner, The Annotated Alice (Alles über Alice), aus dem Englischen von Günther Flemming, Hamburg 2002.

 

 

Das Publikum der Jungen Oper Stuttgart braucht keine Vorkenntnisse für die Inszenierung. Es kann sich so spontan hineinstürzen, wie Alice dem Weißen Kaninchen ins Erdloch folgt. Die Ereignisse erklären sich entweder von selbst oder – gar nicht. Denn das Wunderland hat nun einmal an sich, dass es seine Gäste verwirrt, ihnen Rätsel ohne Lösung anbietet und mehr Fragen aufwirft als zu beantworten. Hier geht es um unmittelbares Erleben und sinnliches Eintauchen ins Wunderland.

Wer sich dennoch für ausführliche Hintergründe und Deutungsmöglichkeiten interessiert, dem seien neben „Alles über Alice“ noch zwei weitere Bücher empfohlen: „Alice hinter den Mythen. Der Sinn in Carrolls Nonsens“ von Celia Brown sowie die Biografie Lewis Carrolls von Thomas Kleinspehn.

 

 


Alice im Wunderland

von Johannes Harneit
Text von Lis Arends

Musikalische Leitung: Stefan Schreiber, Regie: Barbara Tacchini, Ausstattung: Vesna Hiltmann, Choreografie: Ricardo Camillo, Chor: Viktoriia Vitrenko, Dramaturgie: Jenke Nordalm

Alice: Victoria Kunze / Julia Spaeth, Königin/Taube: Alice Chinaglia, Hutmacher: Adam Kim, Weißes Kaninchen: Philipp Nicklaus / Hans Kittelmann, König/Köchin: Karl-Friedrich Dürr, Herzogin/Raupe: Taxiarchoula Kanati, Greif/Kröt: Pascal Zurek, Maus: Maja Majcen Nadu, Grinsekatze: Careyls Carreras

Projektchor und Projektorchester der Jungen Oper

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