Verstummte Stimmen

Genau heute vor 83 Jahren wurde von den nationalsozialistischen Machthabern das sogenannten Berufsbeamtengesetz erlassen, in dessen Folge Menschen aus rassistischen oder politischen Gründen aus dem Dienst entlassen oder in den Ruhestand versetzt wurden. Das passierte auch hier, an diesem Haus. 23 Beschäftigte waren davon betroffen, vom Pförtner bis zum Intendanten!
Dass wir dieser Opfer heute gedenken, bedeutet mir, mit dem Blick auf die Geschichte meiner eigenen jüdischen Familie, sehr viel: Die Generation meiner Großeltern wurde im vorletzten Jahrhundert in Baden oder Württemberg geboren. Diejenigen meiner Verwandten, die das Land später nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten, wurden vertrieben oder deportiert.
Ja, es bedeutet mir viel, Sie heute zu dieser Gedenktafel-Enthüllung begrüßen zu dürfen! In einer gewissen Weise zeigt sich daran, wie offen und verändert dieses Land ist. Aber in Zeiten, in denen wieder Millionen Menschen vertrieben werden oder fliehen müssen, möge unser Gedenken heute erst recht auch Mahnung für die Gegenwart und Zukunft sein: erinnern, um Haltung zu wahren!

Jossi Wieler, Intendant der Oper Stuttgart


„Wir müssen mahnen, erinnern, reden, diskutieren, immer und immer wieder. Ich
begrüße es daher sehr, dass die Staatstheater das Andenken an diejenigen pflegen, die
auch aus ihren Reihen Opfer des Nationalsozialismus wurden“, erklärte Theresia Bauer anlässlich der Gedenkstunde am 7. April im Opernhaus.
Zum Gedenken an 23 in der Zeit des Nationalsozialismus verfemte, verfolgte und ermordete Angehörige der Staatstheater Stuttgart hat Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, gemeinsam mit den Intendanten der Staatstheater Stuttgart am Donnerstag, 7. April 2016, im Rahmen einer Gedenkstunde die Wandtafel „Verstummte Stimmen“ im Foyer des Opernhauses enthüllt. Zuvor sprach der Historiker Hannes Heer über die Schicksale der 23 Betroffenen.
Künstlerisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Kammersängerin Helene Schneiderman, begleitet von Alan Hamilton am Flügel, dem Schauspieler Elmar Roloff und dem Violinisten Roland Heuer. Am 7. April 1933, nur kurze Zeit nach dem „Ermächtigungsgesetz“ und der Errichtung des KZ Dachau, wurde von dem nationalsozialistischen Regime das so genannte „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verabschiedet. Dieses erste rassistische Gesetz unter dem gerade ernannten Reichskanzler Adolf Hitler enthielt die Anordnung, Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, in den Ruhestand zu versetzen. Es war der erste Schritt, durch neue Gesetze Bürgerrechte für bestimmte Bevölkerungsgruppen einzuschränken und sie diesen letztlich zu entziehen. In den folgenden Monaten wurden diese Einschränkungen auf immer mehr Bereiche der Gesellschaft ausgedehnt. Eine weitere Verschärfung folgte am 15. September 1935 mit den antisemitischen „Nürnberger Rassegesetzen“.
Der Historiker Hannes Heer hat in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv Ludwigsburg und dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg eine Ausstellung zu den Auswirkungen dieser Vertreibung, die nicht nur die Juden, sondern auch die „politisch untragbaren“
Ensemblemitglieder der Staatstheater Stuttgart betraf, realisiert. 2008 wurde sie unter dem Titel „Verstummte Stimmen“ im Opernhaus Stuttgart und im Haus der Geschichte gezeigt. Sie dokumentiert die Schicksale der Angehörigen der Staatstheater Stuttgart, die zwischen 1933 und 1945 Opfer dieser Vertreibung wurden.

 

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Interview mit Helene Schneidermann, Stuttgarter zeitung, 7.4.2016, S. 29

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