Der Rosenkavalier//Rüstmeisterei

Die Rüstmeisterei ist eine seltene Theaterzunft, mit der man oberflächlich das Rasseln von Kettenhemden, Schießpulverqualm und den Ring des Nibelungen assoziiert. Auch im Rokoko-Ambiente der Rosenkavalier-Inszenierung von Stefan Herheim trägt die Abteilung maßgeblich zum Ausstattungsfeuerwerk bei. Ein Besuch in einer entwaffnenden Schatzkammer und Effektwerkstatt …

 

Ritterrüstungen sind ja gerade nicht so groß in Mode und das Outfit des „Sängers“ aus Der Rosenkavalier kann man wahrscheinlich nicht unbedingt von der Stange kaufen …

Achim Bitzer: Stimmt, deshalb wurden die Rüstungsteile in unserer Abteilung in wochenlanger Handarbeit maßgeschmiedet. Wir verwenden dafür ein dünneres Material als beim Original, sodass der Sänger auf der Bühne nicht die 30 kg einer historischen Rüstung, sondern nur circa 7 kg zu tragen hat. Dafür würde das Material einem echten Rittertournier wahrscheinlich nicht Stand halten. Die Staatstheater Stuttgart besitzen mit zwölf ganzen Rüstungen und etlichen Teilstücken mehr Blechgewänder als Schloss Hohenzollern.

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Auf dem Bild: Simone Schneider (Feldmarschallin), Gergely Németi (Sänger)
Foto: A.T. Schaefer

 

Gehört so eine Rüstung nicht eigentlich in den Verantwortungsbereich der Kostümabteilung?

Peter Reich: Wir stellen als Kunstschmiede alles, was aus Metall ist her und arbeiten dabei eng mit der Modisterei zusammen. Aus dem ersten Entwurf der Kostümbildnerin Gesine Völlm haben wir zusammen beispielsweise das Kakerlaken-Kostüm entwickelt und den Unterbau des Reifrocks für die Marschallin. Nicht selten konstruieren wir auch Teile für Hüte oder Perücken. Und wenn es eine Umbesetzung gibt, müssen wir natürlich auch auf die veränderten Maße des Sängers reagieren. Achten Sie einmal auf die Spiegel-Rose der Figur „Pan“ im Rosenkavalier und wie schön sie das Scheinwerferlicht reflektiert, bevor sie zerbrochen wird. Auch dieses Requisit wird vor jeder Vorstellung neu von uns hergestellt. Als das Crash-Glas beim Zulieferer vergriffen war, hatten wir sogar mal von einer Zuckerbäckerei Rosenstiele anfertigen lassen. Man muss eben erfinderisch bleiben.

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Für Iphigenie en Aulide entstand dieser nautische Hutschmuck.

Messer, Schere, Feuer, Licht – ihr seid Experten für all das, was uns als Kindern verboten wurde …

Achim Bitzer: Wir dürfen „zündeln“, aber natürlich müssen wir uns an strenge Sicherheitsvorkehrungen halten und diese an alle Bühnendarsteller vermitteln. In der Waffenkammer befinden sich teilweise originale, sehr wertvolle Waffen aus dem 2. Weltkrieg, die für die Bühne unbrauchbar gemacht wurden und sieben echte Kalaschnikows, denn dieses unverkennbare „klick“ beim Laden oder das „ratschratsch“ einer Pumpgun sind schwer zu imitieren. Den durchdringenden Knall eines Schusses erzielen wir mit Platzpatronen oder Schwarzpulver. Dessen Wucht ist aber auch nicht zu unterschätzen, deshalb sollte man niemals auf Menschen zielen. Oft geht es auch einfach um die dekorative Wirkung der Waffe. Für Winnetou habe ich deshalb mal eine „Silberbüchse“ nachgebaut und bei der Oper La Damnation de Faust habe ich auf Wunsch der Regisseurin einen biegsamen Gewehrlauf gebastelt.

 

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Der Leiter der Rüstmeisterei, Achim Bitzer, hat einen biegsamen Gewehrlauf für La Damnation de Faust gebastelt.

 

Und Pan’s feurige Flöte?!

Peter Reich: Das Instrument wird mit Pyroflüssigkeit präpariert und an der Seite ist ein Auslöser, den der Darsteller für einen Feuer-Effekt von drei bis vier Sekunden auslöst. Häufig arbeiten wir auch mit Mikrozellulose, einem leicht entflammbaren Material, das keine Rückstände, Asche oder Glut hinterlässt. Je nach Bedarf gibt es das Material in vielen Formen: Watte, Flocken, Streifen oder Seiten, die man sogar bedrucken kann. Man kann die Pyrotechnik in der freien Wirtschaft kaufen, aber die Bühne bringt besondere Voraussetzungen mit sich. Stinkendes oder zu sehr qualmendes Material kommt beispielsweise nicht in Frage. Auch Trockeneis könnte bei unvorsichtiger Handhabung den Darstellern und Zuschauern gefährlich werden.

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Diese Nitrozellulose-Moneten kann man auf der Bühne verheizen.

Nach 35 Jahren Theaterarbeit kann mich fast nichts mehr überraschen, aber beim Zünden eines pyrotechnischen Effekts habe ich jedes Mal noch ein wenig Bauchkribbeln. Besonders spektakulär ist die Himmelfahrt des „Ochs“ im Rosenkavalier, bei der ich auf das Signal des Inspizienten einen Funkenregen auslöse. Da muss man einen kühlen Kopf behalten, vor allem weil bei dieser Szene so viel los ist. Die beteiligten Solisten, Statisten, der Chor und die Bühnenmusiker müssen erst sicher aus dem Weg sein, bevor ich zünde. Die verantwortungsvolle Entscheidung muss ich jedes Mal neu ermessen. Zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn bin ich auf der Bühne, spreche mich mit der Technik ab, prüfe mögliche Gefahrenstellen und treffe alle Vorkehrungen für die Vorstellung. Denn wenn die erstmal läuft, kann man nichts mehr korrigieren. Oper ist eben live. Wir arbeiten nach einem genau notierten Ablaufplan, nachdem sich alle Kollegen der Rüstmeisterei – auch wenn mal jemand kurzfristig einspringt – richten. Jede Vorstellung ist eine große Teamarbeit aller Abteilungen und so hilft man sich auch gegenseitig, um eine technisch so komplexe Produktion zur Aufführung bringen zu können. Wenn man dann im Ablauf der Vorstellung Routine gewonnen hat, freue ich mich immer darüber meinen musikalischen Lieblingsstellen von der Seite zu lauschen.

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Es scheint, als wäre es einfacher zu fragen, was man als Rüstmeister nicht macht, um euren Berufszweig kennen zu lernen. Wie kann man dieses vielseitige Handwerk lernen?

Achim Bitzer: Die Rüstmeisterei ist kein herkömmlicher Ausbildungsberuf. In ganz Deutschland gibt es auch nur 50 Berufspraktiker. Da ist unserer fünfköpfigen Abteilung eine echte Besonderheit. Wir kommen aus ganz unterschiedlichen Berufsrichtungen zusammen und ergänzen uns deshalb sehr gut: ein Gas-Wasser-Installateur, ein Werkzeugmacher, eine Silberschmiedin, ein gelernter Veranstaltungstechniker und ein Archäologe. Ich glaube die Liebe zum Basteln und Experimentieren haben wir alle gemeinsam, und es ist wichtig, dass man sich im Team vertraut. In der Produktion Die Räuber des Stuttgarter Schauspiels laufe ich gemeinsam mit meinem Kollegen brennend über die Bühne. Am Anfang hatte ich schon Bammel davor, meinen feuerfesten, pyrofluidgetränkten Anzug in Brand stecken zu lassen. Aber mittlerweile macht es uns so viel Spaß, dass die Garderobiere sogar schon wegen der angekokelten Unterhemden geschimpft hat.

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Das Interview führte Johanna Danhauser

Beitragsbild: A.T. Schaefer

 

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