Kammerkonzert//Verklärte Nacht

Als Ernst von Dohnányi, Alexander von Zemlinsky und Arnold Schönberg Serenade, Trio und Verklärte Nacht in Wien komponierten – 1902, 1899 und 1896 –, waren sie jeweils 25 Jahre alt: Frühreife Komponisten auf der Suche nach neuem Ausdruck, den sie aus dem Kraftzuschuss der jüngsten Vergangenheit schöpften. Die expressive und dabei zugleich engmaschig-komplexe Kompositionskunst von Johannes Brahms wurde ihnen zum Fixstern. Von ihr aus war dem Neuen mit jener »jungen Nervosität« entgegenzufiebern, die zur gleichen Zeit der 19-jährige Wiener Dichter Hugo von Hofmannsthal als ein Charakteristikum seiner Generation ausgemacht hat. Musikalische Nachtlandschaften entstanden in der Folge, mal elegisch, mal düster, mal ironisch gebrochen – und am Ende wird, wie bei Schönberg, »die Nacht der Tragödie in eine verklärte Nacht verwandelt«.

Rafael Rennicke

Man hat manchmal die Empfindung, als hätten uns unsere Väter, die Zeitgenossen des jüngeren Offenbach, und unsere Großväter, die Zeitgenossen Leopardis, und alle die unzähligen Generationen vor ihnen, als hätten sie uns, den Spätgeborenen, nur zwei Dinge hinterlassen: hübsche Möbel und überfeine Nerven. Die Poesie dieser Möbel erscheint uns als das Vergangene, das Spiel dieser Nerven als das Gegenwärtige … Bei uns ist nichts zurückgeblieben als frierendes Leben, schale, öde Wirklichkeit, flügellahme Entsagung. Wir haben nichts als ein sentimentales Gedächtnis, einen gelähmten Willen und die unheimliche Gabe der Selbstverdoppelung. Wir schauen unserem Leben zu … so empfinden wir im Besitz den Verlust, im Erleben das stete Versäumen … Heute scheinen zwei Dinge modern zu sein: die Analyse des Lebens und die Flucht aus dem Leben. Gering ist die Freude an Handlung, am Zusammenspiel der äußeren und inneren Lebensmächte, am Wilhelm-Meisterlichen Lebenlernen und am Shakespearischen Weltlauf. Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens, oder man träumt. Reflexion oder Phantasie, Spiegelbild oder Traumbild. Modern sind alte Möbel und junge Nervositäten. Modern ist das psychologische Graswachsenhören und das Plätschern in der reinphantastischen Wunderwelt. Modern ist Paul Bourget und Buddha; das Zerschneiden von Atomen und das Ballspielen mit dem All; modern ist die Zergliederung einer Laune, eines Seufzers, eines Skrupels; und modern ist die instinktmäßige, fast somnambule Hingabe an jede Offenbarung des Schönen, an einen Farbenakkord, eine funkelnde Metapher, eine wundervolle Allegorie … Die landläufige Moral wird von zwei Trieben verdunkelt: dem Experimentiertrieb und dem Schönheitstrieb, dem Trieb nach Verstehen und dem nach Vergessen.

Hugo von Hofmannsthal, › Gabriele d’ Annunzio ‹, 1893


4. Kammerkonzert

Verklärte Nacht

Mit Eva-Maria Schäfer, Jan Melichar, Doris Erdmann, Frank Bunselmeyer, Kathrin Scheytt, Nicola Wiedmann, Madeleine Przybyl, Robin Porta, Zoltan Paulich, Michael Groß und Stefano Vismara
Einführung 30 Minuten vor Beginn im Mozartsaal, Liederhalle
ERNST VON DOHNÁNYI
SERENADE OP. 10 FÜR STREICHTRIO (1903)

ALEXANDER VON ZEMLINSKY
TRIO D-MOLL FÜR KLARINETTE, VIOLONCELLO UND KLAVIER (1896)

ARNOLD SCHÖNBERG
VERKLÄRTE NACHT OP. 4 (1902)

 

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