György Kurtág zum 90. Geburtstag

Kürze, die Tiefenschichten aufreißt

von Rafael Rennicke

Kurtág ist ein Meister der Miniatur, der aufs Äußerste reduzierten Form. Viele seiner Werke dauern nur wenige Minuten, einzelne Sätze zum Teil nur einige Sekunden. Splitter, Fragmente, Zeichen, Sprüche oder Szenen lauten einige ihrer Titel. Es sind Impromptus im Schubertschen Sinne – Gebilde, die der Flüchtigkeit der Improvisation entwachsen und in dieses ungreifbare Vergängliche sich wieder zurückziehen, verlieren. Kurtág kann an ihnen oft jahrelang feilen. „Was ich will“, sagt er, „ist, dass jeder Moment wesentlich und wichtig ist, ohne die Balance zwischen zu wenig und zu viel aufzugeben. Vor allem sollte alles Überflüssige weggelassen werden, also das meiste an Ausdruck und Inhalt mit den wenigsten Tönen formuliert werden.“

Kurtágs Impromptus werden der Zeit, die uns umgibt, förmlich abgerungen. Um als sinnerfüllte Zeit gebannt zu werden. Um als schwingende, klingende Luft ein neues, zweites Leben zu erhalten. Erinnerung schreibt sich ihnen ein: eine Geste aus alter Zeit, ein Tonfall nur, ein Zitat. Und das hingebungsvolle Hören desjenigen, der die Zeit der Musik der Zeit, die uns umgibt, ablauscht. Dieses Lauschen artikuliert sich in Kurtágs Musik nicht selten als Stille, als graphisch minutiös protokollierte Pause. Kurtág hat für sie ein eigenes Zeichensystem entwickelt, das Zäsuren verschiedener Länge unfehlbar präzis markiert. So zeigt sich nicht nur in den Tönen und Klängen, sondern auch in dem Raum dazwischen, in den Stillen von Kurtágs Musik, die Sensibilität eines Künstlers, der um die Kostbarkeit des Augenblicks und die ihm innewohnende Schönheit weiß.

„Mein Schönheitsideal sind die langsamen Sätze von Schubert“, sagt Kurtág. Und man begreift, dass deren „himmlischen Längen“, die Robert Schumann rühmte, mit Kurtágs Kürze in keinem Widerspruch stehen müssen. Himmlische Länge und kürzeste Kürze sind die beiden Enden, die sich im Kreis musikalischer Schönheit berühren.


PARTYPROGRAMM:

19. FEBRUAR 2016

17.45 Uhr
Kammermusiksaal, Musikhochschule Stuttgart

STUTTGARTS ANREIZ DES NICHTS
Von Kurtág vertonte Beckett-Gedichte und ihre deutschen Übersetzungen
Vortrag mit Prof. Dr. Hinrich Hudde (Erlangen)
Eintritt frei

18.30 Uhr
Kammermusiksaal, Musikhochschule Stuttgart

STEP BY STEP: KURTÁG UND BECKETT
Vortrag mit Dr. Catherine Laws (York)
In englischer Sprache
Eintritt frei

20.00 Uhr
Konzertsaal, Musikhochschule Stuttgart

3. LIEDKONZERT: FLÖTENTÖNE

Mit: Otto Katzameier (Bassbariton), Musiker des Staatsorchesters Stuttgart,
Studierende der Musikhochschule Stuttgart, Stefan Schreiber (Musikalische Einstudierung)

GYÖRGY KURTÁG
„…PAS À PAS – NULLE PART…“
WOLFGANG AMADEUS MOZART
DIVERTIMENTO ES-DUR KV 563

Weitere Informationen zum Liedkonzert und Tickets (12-28 €) hier.

20. FEBRUAR 2016

20.00 UHR
Konzertsaal, Musikhochschule Stuttgart

LIEDERABEND

GYÖRGY KURTÁG: REQUIEM OP. 26
GYÖRGY KURTÁG: HÁROM RÉGI FELIRAT OP. 25
FRANZ SCHUBERT: AN DIE SONNE (D 439)
ZOLTÁN JENEY: SONGS OF INNOCENCE AND EXPERIENCE
ANTON WEBERN: IDEALE LANDSCHAFT
ANTON WEBERN: BILD DER LIEBE
ANTON WEBERN: NACHTGEBET DER BRAUT
ALEXANDER VON ZEMLINSKY: AHNUNG BEATRICENS
FRANZ SCHUBERT: SEHNSUCHT (D 310)
JOHN CAGE: SOLO FOR VOICE NR. 47

Sopran: Piia Komsi, Klavier: Péter Nagy

10/5 € // Karten unter 0711 212 4621 und vorverkauf@mh-stuttgart.de oder http://www.reservix.de

 

21. FEBRUAR 2016

11.00 Uhr
Kammermusiksaal, Musikhochschule Stuttgart

GYÖRGY KURTÁG: JÁTÉKOK

Klavier-Matinee mit Studierenden der Klavierklasse Prof. Péter Nagy
Eintritt frei

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